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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Erstes Buch: Vom Sittlichguten

XXXII. Kapitel

Vom Wohlwollen: Salomos Gastmahl die Hl. Schrift (165). Wohlwollen die reichlichste, oft einzige Gegengabe (166), die Sonne im menschlichen Verkehr (167). Schuldnachlaß ein Akt besonderen Wohlwollens [S. 90] (168). Die Familie, bezw. das Paradies der Ausgangspunkt des Wohlwollens in der menschlichen Gesellschaft (169).

165. Schön ist’s, wenn die Sprache der göttlichen Schrift uns träufelt und Gottes Wort wie Tau auf uns niedersteigt. Sitzt du nun bei jenem Mächtigen zu Tische1, so bedenke, wer jener Mächtige ist, und erwäge im Paradies der Lust und beim Mahl der Weisheit, was dir vorgesetzt ist! Die göttliche Schrift ist das Mahl der Weisheit, die verschiedenen Bücher derselben die verschiedenen Gerichte. Beachte erst, was die Gerichte an Speisen bieten, und dann strecke die Hand danach aus! Und was du liest, oder vielmehr vom Herrn deinem Gott empfängst, sollst du ins Werk setzen und die dir gewordene Gnade in deinen Amtsverrichtungen zeigen, gleich Petrus und Paulus, die durch die Verkündigung des Evangeliums dem, der ihnen das Amt verliehen hatte, eine Art Gegenleistung erstatteten, so daß jeder sprechen konnte: „Durch die Gnade Gottes aber bin ich, was ich bin, und seine Gnade war nicht kümmerlich in mir, sondern ich habe reichlicher denn alle gearbeitet“2.

166. Der eine nun zahlt die empfangene Wohltat, die er genossen, zurück: so Gold mit Gold, Silber mit Silber; ein anderer erstattet hierfür Arbeit, ein anderer vielleicht noch reichlicher nur allein Wohlwollen. Denn wie, wenn zur Gegenleistung keine Möglichkeit besteht? Bei der Wiedererstattung einer Wohltat leistet die Gesinnung mehr als das Vermögen, und wiegt das Wohlwollen schwerer als die Möglichkeit einer Gegengabe. Man erstattet eben den Dank mit dem, was man hat. Etwas Großes ist es sonach um das Wohlwollen, das, selbst wenn es nichts gibt, gar reichlich spendet und, obschon es ohne allen Vermögensbesitz ist, an gar viele austeilt. Und das tut es ohne die geringste eigene Einbuße, zum Vorteile aller. Es gebührt sonach dem [S. 91] Wohlwollen der Vorzug selbst vor der Freigebigkeit. Es ist an sittlichem Gehalt reicher, als letztere an Gaben; denn derer, die des Wohltuns bedürfen, sind mehr als derer, die Überfluß haben.

167. Das Wohlwollen aber ist mit der Freigebigkeit verbunden: von ihm nimmt die Freigebigkeit selbst ihren Ausgang, indem das freigebige Handeln der freigebigen Gesinnung folgt. Es ist aber auch davon getrennt und geschieden: wenn die Freigebigkeit aufhört, dauert das Wohlwollen fort, gleichsam der väterliche Gönner aller, der Freundschaft knüpft und bindet, verlässig im Rat, heiter im Glück, traurig in trüben Stunden, so daß jeder dem Rate eines Wohlwollenden sich noch lieber fügt als dem eines Weisen, wie David, obschon der Klügere, gleichwohl den Ratschlägen des jüngeren Jonathas folgte3. Nimm das Wohlwollen aus dem menschlichen Verkehr, und es wird sein, als hättest du die Sonne aus der Welt genommen. Ohne dasselbe ist ja ein menschlicher Verkehr undenkbar, daß man beispielsweise einem Fremden den Weg zeigt, einen Irrenden zurückruft, einem Gastfreundschaft erweist — keine geringe Tugend, der sich Job mit den Worten rühmte: „Draußen aber wohnte kein Fremder, meine Türe stand jedem Ankömmling offen“4 —, einem Wasser vom quellenden Wasser reicht, Licht von seinem Licht anzündet. So erweist sich denn das Wohlwollen hierin allen als ein Wasserquell, der den Durstenden laben, als ein Licht, das auch in anderen leuchten soll, ohne dem zu mangeln, der von seinem Lichte dem anderen das Licht anzündete5.

168. Auch das ist wohlwollende Freigebigkeit, daß man einen Schuldschein, den man etwa besitzt, zerreißt und zurückstellt, ohne vom Schuldner einen Pfennig von der Schuldsumme bekommen zu haben. Daß wir das tun sollen, dazu mahnt uns der heilige Job durch [S. 92] sein eigenes Beispiel6. Wer nämlich hat, borgt nicht; wer nicht hat, löscht den Schuldschein nicht. Wie nun? Wenn du auch selbst nicht habgierig auf dessen Einlösung bestehst, hebst du ihn den übelwollenden Erben auf, während du ihn doch deiner wohlwollenden Gesinnung zum Lob ohne Geldeinbuße zurückstellen könntest.

169. Und um die Besprechung noch zu vervollständigen, so nahm das Wohlwollen seinen ersten Ausgang von den Familienangehörigen, d. i. den Kindern, Eltern und Geschwistern, nahm dann allmählich auf Grund enger Beziehungen den Weg in den Bereich der Gemeinwesen7 und erfüllte, vom Paradiese stammend, die Welt. So sprach denn auch Gott, als er in Mann und Weib die Gesinnung des Wohlwollens gelegt hatte: „Sie werden beide in einem Fleische“8 und in einem Geiste sein. Darum gerade glaubte Eva der Schlange, weil sie, die das Wohlwollen empfangen hatte, kein Übelwollen argwöhnte.

1: Sprichw. 23, 1.
2: 1 Kor. 15, 10.
3: 1 Kön. c. 20.
4: Job 31, 32.
5: Vgl. hierzu Cic. l. c. 16, 51 f.
6: Job 31, 35.
7: Vgl. Cic. l. c. 17, 53 f.
8: Gen. 2, 24.

 

 

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