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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Erstes Buch: Vom Sittlichguten

IV. Kapitel

Vom Stillschweigen: Achtsamkeit im Reden frommt der Tugend, Unbedachtsamkeit der Leidenschaft (14). Letzterer bedient sich der unsichtbare Widersacher als Waffe und Fallstrick (15—16).

14. Ist einer im Reden behutsam, wird er milde, sanft, bescheiden. Wenn er nämlich seinen Mund hält und seine Zunge wahrt und nicht redet, bevor er nicht seine Worte prüft und überschlägt und abwägt, ob dies zu sagen sei, ob es diesem gegenüber zu sagen sei, ob es der rechte Zeitpunkt zu solcher Rede sei, so übt er in der Tat Bescheidenheit und Sanftmut und Geduld. Er wird nicht aus Ungehaltenheit und Zorn in Worte ausbrechen, in seinen Aussprüchen keinerlei Leidenschaft verraten und nicht merken lassen, daß die Glut sinnlicher Lust in seiner Rede lodert und seine Äußerungen den Stachel des Jähzornes bergen; die Rede soll schließlich nicht, statt eine Empfehlung für die innere [S. 18] Gesinnung zu sein, irgendeine sittliche Blöße aufdecken und verraten.

15. Gerade dann macht der Widersacher in seinen Nachstellungen die größten Anstrengungen, wenn er etwelche Leidenschaften von uns in der Entstehung begriffen sieht. Da legt er den Zunder, legt er den Fallstrick. Nicht mit Unrecht spricht daher der Prophet, wie du heute verlesen hörtest: „Er hat mich befreit vom Stricke der Jäger und von herber Rede“1. Symmachus2 gebrauchte den Ausdruck ‚Wort der Aufreizung‘ (λόγος ἐπηρείας) [logos epēreias], andere3 ‚Wort der Verwirrung‘ (λόγος ταραχώδης) [logos tarachōdēs]. Der Strick des Widersachers ist unsere Rede, aber auch sie selbst ist nicht weniger unser Widersacher. Wir reden so häufig etwas: der Feind fängt es auf und verwundet uns gleichsam mit unserem eigenen Schwert. Wie ist es unvergleichlich erträglicher, durch fremdes Schwert als durch das eigene umzukommen!

16. So kundschaftet denn der Widersacher unsere Waffen aus und prüft seine eigenen Geschosse. Sieht er mich in Erregung, setzt er seine Stachel an und weckt die Saat der Zankworte. Lasse ich ein unschickliches Wort entschlüpfen, zieht er seine Schlinge zusammen. Zuweilen stellt er mir gleichsam als Köder die Gelegenheit zu einer Rache vor Augen, damit ich mich selbst, während ich nach Rache dürste, in die Schlinge verwickle und den Knoten des Todes mir schürze. Wenn darum jemand die Nähe dieses Widersachers merkt, dann muß er um so ängstlicher auf seinen Mund achthaben, um dem Widersacher nicht stattzugeben. Doch nicht viele gewahren sein.

1: Ps. 90, 3 [Hebr. Ps. 91, 3]. LXX (It. Vulg.) las statt des hebr. dabar = Wort deber = Pest.
2: Ein Ebionite, der das Alte Testament ins Griechische übersetzte.
3: So LXX und Theodotion, ebenfalls ein griech. Übersetzer des Alten Testamentes.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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