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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Erstes Buch: Vom Sittlichguten

XXVII. Kapitel

[S. 71] Von der Klugheit: Sie ist die erste Quelle der Pflicht. Sie speist die übrigen Kardinaltugenden. Diese schließen einander ein (126—129).

126. Die erste Quelle der Pflicht ist die Klugheit. Was verriete denn ein so volles Maß der Pflicht als die Bezeigung von Eifer und Ehrfurcht gegen den Schöpfer? Doch leitet sich diese Quelle auch auf die übrigen Tugenden ab1. So ist die Gerechtigkeit ohne die Klugheit undenkbar. Erfordert es doch nicht geringe Klugheit abzuwägen, was gerecht oder was ungerecht ist. Der Irrtum in beiden Fällen wäre unberechenbar groß. Denn „wer Recht für Unrecht, Unrecht aber für Recht erklärt, ist fluchwürdig vor Gott. Was frommt die Gerechtigkeit dem Unverständigen?“ ruft Salomo aus2. Aber auch umgekehrt: keine Klugheit ohne die Gerechtigkeit. Denn die Gottesliebe ist der Anfang der Verständigkeit. Daraus ersehen wir, daß der Satz, die Pietät sei das Fundament aller Tugenden, mehr eine Entlehnung als eigene Erfindung der Weisen dieser Welt ist.

127. Die Pietät, die auf der Gerechtigkeit beruht, bezieht sich in erster Linie auf Gott, in zweiter auf das Vaterland, in dritter auf die Eltern, sodann auch auf alle anderen3. Auch sie folgt nur der Lehrmeisterin Natur. Hängen wir doch vom ersten Augenblick des Daseins mit der ersten Regung des Gefühls am Leben als einem Geschenk Gottes, lieben Vaterland und Eltern, ferner die Altersgenossen, nach deren Gesellschaft es uns verlangt. Hier nimmt jene Liebe ihren Ursprung, die anderen den Vorzug vor sich selbst gibt, indem sie nicht das Ihrige sucht. Gerade hierin aber liegt der oberste Grundsatz der Gerechtigkeit.

[S. 72] 128. Auch sämtlichen Tieren ist vor allem der Trieb angeboren, das Leben zu erhalten, das Schädliche zu meiden, das Nützliche aufzusuchen, wie Futter, wie Verstecke, um darin vor Gefahr, Regen, Sonnenhitze sich zu schützen, was Klugheit verrät. Dazu kommt, daß alle Arten von Tieren von Natur aus gesellig sind, zunächst gegen ihresgleichen in Art und Gestalt, sodann aber auch gegen andere. So sehen wir Rinder gern unter Roßherden, Pferde unter Kleinviehherden, am liebsten aber Gleichartiges unter Gleichartiges sich mengen, ebenso Hirsche zu Hirschen und gar oft auch zu Menschen sich gesellen. Was soll ich noch vom Zeugungstrieb und den Jungen reden, oder auch von der Gattenliebe, in der die Norm der Gerechtigkeit besonders deutlich in die Erscheinung tritt?

129. Es geht nun daraus klar hervor, daß sowohl diese Tugenden (Klugheit und Gerechtigkeit), wie auch die übrigen untereinander verwandt sind4. Ist doch auch der Starkmut, der teils im Krieg das Vaterland vor den Barbaren, teils daheim die Schwachen und Freunde vor Erpressern schützt, voll Gerechtigkeit. Ebenso verrät das Wissen, wie man planmäßig die Verteidigung und Hilfe leisten kann, ferner das Ausfindigmachen des rechten Zeitpunktes und des rechten Ortes hierzu Klugheit und Maßhalten. Die Mäßigkeit für sich vermag hingegen ohne die Klugheit dieses Maß nicht zu erkennen. Die günstige Gelegenheit wahrnehmen und nach rechtem Maß vergelten, ist Sache der Gerechtigkeit. Und bei all dem tut Großmut und eine gewisse Stärke des Geistes, zumeist aber auch des Leibes not, daß einer sein Wollen auch vollführen kann.

1: Vgl. Cic. l. c. 5, 15.
2: Sprichw. 17, 15 f.
3: Vgl. Cic. l. c. 17, 57 ff.; 7, 22.
4: Vgl. Cic. l. c. 5, 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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