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Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)
Erstes Buch: Vom Sittlichguten

XXV. Kapitel

Von den vier Kardinaltugenden: Tugendbeispiele gehen vor Tugendbegriffen (116). Abraham (117—119), Jakob (120), Noë (121) leuchtende Vorbilder der Kardinaltugenden.

116. Vielleicht möchte jemand bemerken, das hätte zuerst gebracht werden sollen. Denn in diesen vier Tugenden haben die Pflichtgattungen ihren Ursprung1. Eine kunstgerechte Abhandlung aber verlangt, daß erst der Begriff der Pflicht festgesetzt, sodann diese selbst in bestimmte Gattungen eingeteilt wird. Wir nun [S. 66] verzichten auf eine kunstgerechte Darstellung und führen die Beispiele der Altvordern vor, die weder Dunkles für das Verständnis, noch Kniffigkeiten in der Darstellung aufweisen. Möge uns denn das Leben der Altväter ein Spiegelbild des sittlichen Wohlverhaltens sein, nicht eine Schule der Abgefeimtheit; ein ehrwürdiger Gegenstand der Nachahmung, nicht kniffiger Streitrede!

117. Der heilige Abraham nun war in erster Linie im Besitz der Klugheit. Von ihm rühmt die Schrift: „Abraham glaubte Gott, und es ward ihm zur Gerechtigkeit angerechnet“2. Niemand nämlich kann klug sein, der Gott nicht kennt. So sprach denn auch der Unweise: „Es gibt keinen Gott“3; der Weise nämlich würde nicht so sprechen. Wie wäre denn der ein Weiser, der nicht nach seinem Schöpfer fragt; der zum Steine spricht: „Mein Vater bist du“4; der wie Manichäus zum Teufel spricht: Mein Schöpfer bist du? Wie wäre Arius ein Weiser, der statt des wahren und vollkommenen Schöpfers einen unvollkommenen und unebenbürtigen haben will? Wie wären Marcion und Eunomius Weise, die lieber einen bösen als einen guten Gott haben wollen? Wie wäre der ein Weiser, der seinen Gott nicht fürchtet? Denn „der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn“5. Und an einer anderen Stelle liest man: „Die Weisen weichen nicht vom Munde des Herrn, sondern betätigen sich in ihren Bekenntnissen“6. Mit der Beteuerung: „es ward ihm zur Gerechtigkeit angerechnet“7, sprach ihm die Schrift zugleich auch den Vorzug der zweiten (Kardinal-) Tugend zu.

118. Zuerst nun stellten die Unsrigen fest, die Klugheit beruhe in der Erkenntnis des Wahren8. Denn wer [S. 67] von jenen (heidnischen Schriftstellern) lebte vor Abraham, David, Salomo? Ferner, die Gerechtigkeit beziehe sich auf das gesellschaftliche Leben des Menschengeschlechtes. So spricht denn David: „Er hat ausgeteilt, den Armen gegeben, seine Gerechtigkeit währt in Ewigkeit“9; der Gerechte „erbarmt sich“10; der Gerechte „leiht“11. Dem Weisen und Gerechten ist die ganze Welt voll Reichtümer. Der Gerechte besitzt die Allgemeingüter als sein Eigentum, und sein Eigentum als Gemeingut. Der Gerechte klagt, bevor er andere anklagt, sich selbst an. Denn der ist gerecht, der seiner nicht schont und nicht duldet, daß seine geheimen Sünden verborgen bleiben. Sieh, wie gerecht war Abraham! Er hatte im hohen Alter kraft der Verheißung einen Sohn empfangen. Als ihn der Herr zurückforderte, glaubte er ihn, obgleich es der einzige Sohn war, nicht als Opfer verweigern zu sollen12.

119. Sieh hier alle vier Tugenden in der einen Tat! Es verriet Weisheit, Gott zu glauben und den Liebling nicht dem Gebote des Schöpfers vorzuziehen. Es verriet Gerechtigkeit, das Empfangene zurückzuerstatten. Es verriet Starkmut, dem Verlangen des Herzens durch die Vernunft zu wehren. Der Vater führte das Opfer, der Sohn fragte ihn darüber: des Vaters Liebe ward geprüft, nicht besiegt. Der Sohn wiederholte die Frage: er verwundete das Vaterherz, verringerte aber dessen Frommsinn nicht. Dazu kommt noch die vierte Tugend, die Mäßigkeit. Der Gerechte hielt sowohl das rechte Maß in der Frömmigkeit, wie Ordnung in deren Betätigung ein. Schon schafft er das Nötige zum Opfer herbei; schon facht er das Feuer an; schon bindet er den Sohn; schon zückt er das Schwert: da ward er denn, weil er diese Ordnung beim Opfer einhielt, gewürdigt, den Sohn zu behalten.

120. Was gäbe es Weiseres als den heiligen Jakob, der Gott von Angesicht zu Angesicht schaute und [S. 68] dessen Segen verdiente?13 Was Gerechteres als ihn, der alles, was er erworben hatte, schenkungsweise mit dem Bruder teilte?14 Was Stärkeres als ihn, der mit Gott rang? Was Maßvolleres als ihn, der im Maßhalten so den Orts- und Zeitumständen Rechnung trug, daß er die Entehrung seiner Tochter lieber durch die Ehe bemänteln als rächen wollte, weil er dafür hielt, daß er, unter den Fremden lebend, mehr auf deren Liebe bedacht sein müsse, statt deren Haß sich zuzuziehen.

121. Wie weise war Noë, der die so mächtige Arche erbaute! Wie gerecht war er, der zum Stammvater aller aufbewahrt wurde: von allen der einzige Überlebende des vergangenen Geschlechtes und der Urheber des kommenden, mehr der Welt und der Allgemeinheit als sich selbst geboren! Wie stark, daß er die Sintflut überwand! Wie maßvoll, daß er derselben bei ihrem Eintritt sich fügte! Welches Maßhalten ferner, als er den Raben, als er die Taube aussendete; als er sie bei ihrer Wiederkehr hereinnahm; als er den rechten Augenblick zum Verlassen (der Arche) merkte und erkannte!15

1: Vgl. Cic. l. c. 5, 15; 6, 18.
2: Gen. 15, 6.
3: Ps. 13, 1 [Hebr. Ps. 14, 1].
4: Jer. 2, 27.
5: Ps. 110, 9 [Hebr. Ps. 111, 9].
6: Sprichw. 24, 7 f.
7: Gen. 15, 6.
8: Nach Cic. l. c. 9, 28 machte Plato dieses Axiom in der Philosophie heimisch.
9: Ps. 111, 9 [Hebr. Ps. 112, 9].
10: Ps. 111, 5 [Hebr. Ps. 112, 5].
11: Ps. 111, 5 [Hebr. 112, 5].
12: Gen. 22, 1 ff.
13: Gen. 32, 24 ff.
14: Gen. 32, 13 ff.; 33, 10 f.
15: Gen. c. 6 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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