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, Einleitung: Von den Pflichten der Kirchendiener. In: Des heiligen Kirchenlehrers Ambrosius von Mailand ausgewählte Schriften / aus dem Lateinischen übers. und ausgewählte kleinere Schriften / übers. und eingel. von Joh. Ev. Niederhuber. (Des heiligen Kirchenlehrers Ambrosius ausgewählte Schriften Bd. 3; Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 32) Kempten; München : J. Kösel, 1917.
Einleitung: Von den Pflichten der Kirchendiener

Zum Inhalt

Schon die bisherige Besprechung hat einiges von der Inhaltsangabe vorweggenommen. Die folgende [S. 7] Übersicht soll in allgemeinen Umrissen ein vollständiges Ganzes derselben unter Berücksichtigung der ciceronianischen Vorlage geben. Die Parallelen im einzelnen werden in den Fußnoten der unten folgenden Übersetzung (zum ersten Mal) genauer verzeichnet werden. Das erste Buch der Pflichtenlehre nun verbreitet sich nach den kurzen einleitenden Bemerkungen (c. 1) eingehend über die Pflicht und den Nutzen des Schweigens (c. 2—6). Anlaß zu dieser Besprechung wie zur Abfassung des ganzen Werkes überhaupt gab nach der Versicherung des Kirchenlehrers selbst die Betrachtung des 38. Psalmes [Hebr. Ps. 39] (c. 7). Erst in den folgenden Erläuterungen über die Herkunft und Bedeutung des Pflichtbegriffes (c. 8), über den Einteilungsgrund der drei (Pantänus 1), bezw. fünf (Cicero) Pflichtgattungen (c. 9—10) sowie über die Unterscheidung der Pflichten in vollkommene und mittlere (c. 11) begegnen sich der christliche und heidnische Autor. Bei beiden eröffnen die Erläuterungen über den vierfachen Pflichtenkreis, der sich um die Kardinaltugenden gruppiert, die eigentliche Abhandlung. Dazwischen schiebt sich bei Ambrosius noch der etwas locker eingegliederte, aber „nicht überflüssige Exkurs“ über die göttliche Vorsehung (c. 12—16), ein Sondergut, das bei Cicero fehlt; ferner die Besprechung der Pflichten der Jugend (c. 17), im engen Zusammenhang damit die Ausführungen über die Sittsamkeit, die „jedem Alter . . . . . angemessen ist, doch am meisten den Heranwachsenden und Jugendlichen ziemt“ (c. 18—21), im besonderen über die Schicklichkeit im Reden (c. 22—23) und im Handeln (c. 24), wozu die zerstreut liegenden Parallelen aus dem Schlußteil des ersten Buches Ciceros herangezogen werden. Erst nach diesem größeren Einschub erschließt der Kirchenlehrer, weil auch nach seiner Auffassung die vier Kardinaltugenden, die Plato in die Moralphilosophie eingeführt hatte, die nächsten Quellen des Sittlichguten bilden (c. 25), seiner Vorlage folgend, die Besprechung [S. 8] des ersten Pflichtenkreises mit den Forderungen der Weisheit und Klugheit (c. 26—27); daran anschließend die der Gerechtigkeit mit ihren Tochtertugenden (c. 28—34); sodann die der Tapferkeit und des seelischen Starkmutes (c. 35—42); endlich die der Mäßigkeit (c. 43ff.) mit ihren besonderen Berufsanforderungen an die Kandidaten des Kirchendienstes (c. 44). Während Cicero in den Schlußkapiteln des ersten Buches (c. 43—45) noch auf den Konflikt der Tugenden unter sich eingeht, setzt Ambrosius die Besprechung der letzten Kardinaltugend fort und verbreitet sich des näheren über das Schickliche, über dessen Verhältnis zum Sittlichguten (c. 45), dessen Einteilung (c. 46) und Forderungen (c. 47—49). Das lange Schlußkapitel handelt von den Leviten: von deren Namen, Standespflichten und Amtsverrichtungen (c. 50).

Das zweite Buch der Pflichtenlehre, worin Cicero eine Rechtfertigung der Philosophie und des akademischen Standpunktes vorausschickt, leitet Ambrosius mit einer umfassenden Belehrung über das selige, bezw. ewige Leben ein (c. 1—5; s. oben). Erst hier greift er gemeinsam mit seinem Gewährsmann die Erörterungen über das Nützliche auf und bestimmt zunächst dessen Verhältnis zum Sittlichguten und dessen Einteilung (c. 6). Besonders fromme dem kirchlichen Amtsträger die Beliebtheit und das Vertrauen des Volkes (c. 7) und zu diesem Zweck die Fähigkeit zu klugem und gerechtem Rat (c. 8—14). „Vor allem aber soll er sich durch Freigebigkeit die Liebe der Leute erwerben“ (c. 15—18); ferner durch Gerechtigkeit, Wohlwollen und Liebenswürdigkeit im Umgang (c. 19) — der Heilige kommt in diesem Zusammenhang auf den Nutzen der Freundschaft zu sprechen (c. 20) —, endlich durch den Schutz der Armen vor ungerechter Bedrückung, durch Gastfreundschaft usw. (c. 21―23). Der Schlußteil des Buches handelt unter kaum nennenswerter Bezugnahme auf die Vorlage in zwangloser Anordnung von der Bewerbung, Besetzung und Ausübung eines kirchlichen Ehrenamtes, mahnt dessen Inhaber an seine sozialen und caritativen Aufgaben [S. 9] und warnt ihn besonders eindringlich vor Habsucht (c. 24—30).

Das dritte Buch beleuchtet im einführenden Kapitel, an Cicero anknüpfend, die Kunst, in der Einsamkeit nicht vereinsamt, in der Muße nicht müßig zu sein (c. 1). Auf die Frage nach der Kollision des Nützlichen mit dem Sittlichguten eingehend, wiederholt der Autor vom christlichen Standpunkt mit allem Nachdruck den Grundsatz, für den auch Cicero sich entscheidet, daß beide Begriffe sich sachlich decken (c. 2). Er verurteilt daher jede Benachteiligung des Nächsten um des eigenen Vorteils willen (c. 3—5), so jede Preistreiberei und Lebensmittelhinterziehung in der Zeit der Not und der Teuerung (c. 6—7). Nur das Sittlichgute ist nach göttlichem Urteil selbst nützlich, das Sittlichschlechte immer schädlich und sträflich (c. 8). Kein Kleriker rühre daher durch Erbschleicherei oder sonstwie an fremdem Gut. „Grundsatz des Priesters sei: niemand schaden, allen nützen wollen“ (c. 9). Fort auch mit allem Trug bei Verträgen (c. 10), mit jeder Hintergehung und Schädigung des Nächsten überhaupt (c. 11)! Versprechen, selbst eidliche, ungerechter Art binden nicht (c. 12). — In der zweiten Hälfte des Buches (c. 13—22) sucht der Heilige, wie Cicero durch Beispiele aus der Profangeschichte, durch biblische Vorbilder aus dem Alten Testamente die vorausgehenden Unterweisungen zu beleuchten und zu begründen. Mochten auch die Forderungen des Sittlichguten dem äußeren Scheinvorteile noch so widerstreiten: sie traten in heroischem Kampfe mit Gut und Blut für das Sittlichgute, und eben darum für das Nützliche ein. Das Schlußkapitel (c. 22) handelt im engen Anschluß daran von den Forderungen der wahren Freundschaft, die ausschließlich von den Normen des Sittlichguten bedingt sind und „nicht davon abgehen dürfen“. Cicero, auf dessen Ausführungen übrigens Ambrosius nur ganz wenig Bezug nimmt, bespricht dieselben schon früher (III 10, 43ff.).

Im ganzen tritt, wie schon die Inhaltsangabe ersehen läßt, der organische Zusammenhang der [S. 10] behandelten Stoffe unverkennbar zutage. Im einzelnen läßt es freilich die Darstellung, wie bei Cicero, nicht wenig an strenger Folgerichtigkeit der Gedankenentwicklung und klarer Übersichtlichkeit der Behandlung fehlen. Inhaltlich aber erwies sich das der Antike entlehnte Fachwerk nicht ausreichend, den Schatz der christlichen Ethik in seiner ganzen Reichhaltigkeit und Tiefe zu fassen. So „packend, ja ergreifend die Darstellung der einzelnen christlichen Sittenregeln“ (Bardenhewer) sein mag, strengeren Anforderungen dürfte die Schrift als Ganzes schwerlich genügen. Sie will ganz und gar als Produkt ihrer Zeit verstanden und gewürdigt werden. Unter diesen Gesichtswinkel eingestellt, behauptet sie als Literaturdenkmal des christlichen Altertums ihren großen geschichtlichen Wert, als erster Versuch einer systematischen Darstellung der christlichen Moral für die Folgezeit ihr großes Verdienst, mag auch letzteres von ihrem Ruhm noch überstrahlt worden sein.

Die reichhaltige Literatur (Ausgaben, Übersetzungen, Abhandlungen) verzeichnet Bardenhewer, Geschichte der altkirchlichen Literatur, Bd. III S. 530, mit gewohnter Verlässigkeit und Vollständigkeit. Die „tüchtige Separatausgabe“ von J. A. Krabinger, Tübingen 1857, nimmt leider die biblischen Quellennachweise unbesehen aus Migne XVI 21—194 herüber, die darum unvollständig und wegen der vielen Druckfehler unzuverlässig sind. Unter den drei deutschen Übersetzungen (Ph. Lichter, Koblenz 1830; C. Haas, Tübingen 1862; Fr. Schulte, Kempten 1877) leistete nur die von C. Haas für die unten folgende Übersetzung einige Dienste. Die im Ausdruck gewandte deutsche Wiedergabe des Textes von Schulte (Bibl. der Kirchenväter) erwies sich, weil viel zu frei und ungenau, fast als unbrauchbar. Für Ciceros Pflichtenlehre wurden die Ausgaben von O. Heine, Berlin 1885, und von P. Dettweiler, Gotha 1890, benützt.

1: Pantänus (gest. c. 110 v. Chr.) war der hervorragendste Vertreter und Verbreiter der stoischen Ethik in Rom. Seine Schrift Περὶ του καθήκοντος [Peri tou kathēkontos] war die Hauptquelle für Ciceros Abhandlung De officiis.

 

 

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Einleitung zu:
Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis) (Ambrosius von Mailand (340-397))

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger