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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer (In epistula ad Romanos commentarius)
ZWEIUNDDREISSIGSTE HOMILIE. Kap. XVI, V. 5—16.

2.

Ja, jene damaligen Frauen waren mutiger als Löwen in der Unterstützung der Apostel bei ihren Arbeiten für die Verkündigung des Evangeliums. Sie unternahmen Reisen mit ihnen und dienten ihnen in allem andern. Auch Christus folgten ja Frauen, die ihm mit ihrem Vermögen dienten und dem Lehrer auch sonstige Liebesdienste leisteten. [S. 277] V. 7: „Grüßt den Andronikus und die Junias, meine Landsleute.“

Schon darin scheint ein Lob zu liegen; noch mehr aber in dem folgenden. Wie lautet es?

„Und meine Mitgefangenen.“

Das ist wohl der schönste Ruhmeskranz, der höchste Lobpreis! Wo ist aber Paulus ein Kriegsgefangener gewesen, daß er sagt: „meine Mitgefangenen“? Kriegsgefangener ist er zwar nicht gewesen, aber er hat mehr Übel der Gefangenschaft ausgestanden als Kriegsgefangene: er war nicht bloß fern von Heimat und Haus, sondern er hatte auch beständig zu kämpfen mit Hunger und Tod und unzähligen andern Übeln. Für den Kriegsgefangenen liegt das Üble seiner Lage allein darin, daß er fern von seinen Angehörigen weilen muß und statt eines Freien oft ein Sklave wird. Bei diesem heiligen Manne aber ist eine ganze Wolke von Drangsalen zu nennen, die er auszustehen hatte; er wurde hin und hergetrieben, gegeißelt, in Ketten gelegt, gesteinigt, auf dem Meere herumgetrieben und hatte unzählige Nachstellungen zu erdulden. Die Kriegsgefangenen haben keinen Feind mehr, wenn sie einmal hinweggeführt sind, im Gegenteil, sie erfreuen sich sogar großer Fürsorge von seiten derer, die sie gefangen genommen haben. Paulus dagegen befand sich beständig inmitten von Kämpfen, überall sah er gezückte Speere um sich starren und scharfe Schwerter; Kampf und Krieg war sein Los. Weil nun die Genannten wahrscheinlich seine Genossen in vielen dergleichen Gefahren gewesen waren, darum nennt er sie seine „Mitgefangenen“; so sagt er auch an einer andern Stelle: „Aristarchus mein Mitgefangener“ 1. — Dann folgt ein weiteres Lob:

„Welche unter den Aposteln hervorragend sind.“

Es ist schon etwas Großes, ein Apostel zu sein; aber erst unter den Aposteln hervorragend zu sein, bedenke, was das für ein Lob ist! Hervorragend waren sie durch ihre Taten und guten Werke. Ach, was muß das für [S. 278] eine erleuchtete Tugend dieser Frau gewesen sein, daß sie des Titels eines Apostels würdig erachtet wurde! Aber Paulus bleibt dabei noch nicht stehen, sondern fügt noch ein anderes Lob bei:

„Die schon vor mir in Christus gewesen sind.“

Auch darin liegt ein sehr großes Lob, voraus gewesen und vor andern gekommen zu sein. Betrachte da die heilige Seele, wie sie frei war von Ruhmsucht! Trotz seines hohen Ansehens stellt er doch andere über sich; er verbirgt es nicht, daß er später gekommen war als sie, und schämt sich nicht, dies zu bekennen. Was wundert dich das, daß er sich dessen nicht schämt, da er doch keinen Anstand nimmt, sein früheres Leben an die große Glocke zu hängen, indem er sich selbst „einen Gotteslästerer und Verfolger“ nennt. Da er keinen andern Grund findet, sie (den Andronikus und die Junias) über sich zu stellen, so sucht er ihn darin, daß er nach ihnen zum Glauben gekommen sei, und findet darin einen Grund, ihnen Lob zu spenden, indem er sagt: „die schon vor mir in Christus gewesen sind“.

V. 8: „Grüßt mir meinen geliebten Amplias!“

Auch diesem spendet er wieder Lob auf Grund seiner Liebe zu ihm. Die Liebe des Paulus war ja eine solche um Gottes willen und barg darum tausendfältigen gegen in sich. Ist es schon etwas Großes, von einem Könige geliebt zu werden, welche Auszeichnung ist es erst, die Freundschaft eines Paulus zu genießen? Denn wenn Amplias nicht große Tugend besessen hätte, so hatte er ihm wohl nicht seine Liebe zugewandt. Es war ihm eigen, Menschen, die in Sünden und Lastern dahinlebten, nicht nur nicht seine Freunde zu nennen, sondern sie sogar zu verfluchen, wie wenn er z. B. sagt: „Wenn einer den Herrn Jesus nicht liebt, Anathema!“ 2 und: „Wenn euch einer ein Evangelium verkündet, welches abweicht von dem, was ihr (von mir) überkommen habt, der sei im Banne!“ 3 [S. 279] V. 9: „Und Urban, meinen Mitarbeiter im Herrn.“

Das ist ein noch größeres Lob als das vorausgehende, denn es begreift jenes in sich.

„Und meinen geliebten Stachys.“

Auch diesem spendet er dasselbe Lob wie den andern.

V. 10: „Grüßt den Apelles, den bewährten in Christus!“

Diesem Lobe kommt nichts gleich, untadelig zu sein und in göttlichen Dingen gar keinen Anlaß zu einer Ausstellung zu geben. Wenn er sagt: „den bewährten in Christus“, so umfaßt er damit jegliche Tugend.

Warum gibt wohl Paulus keinem der genannten den Titel „Herr“? Weil das Lob, das er ihnen spendet, ein größeres ist, als es dieser Titel enthält. Denn der ist ein bloßes Kompliment, die des Paulus dagegen besagen eine Tugend. Dadurch leistete er ihnen nicht in der gewöhnlichen Weise eine Ehrenbezeugung, indem man nämlich tiefer Stehende wie höher Stehende und Hochmögende anredet. Dadurch, daß er sie anredet, und zwar einen nach dem andern und im selben Briefe, leistet er allen die gleiche Ehrenbezeugung; dadurch aber, daß er jedem ein besonderes Lob zollt, stellt er uns die besondere Tugend eines jeden vor Augen. Auf diese Weise weckte er keinen Neid, wie wenn er dem einen eine Ehrenbezeugung geleistet hätte und dem andern nicht; er ließ aber auch keine Gleichgiltigkeit und keine Verwirrung aufkommen, wie wenn er etwa allen das gleiche Lob erteilt hätte, obwohl doch alle gleiches Lob verdienten. — Sieh, wie er nun wieder auf bewundernswerte Frauen zu sprechen kommt, nämlich nach den Worten:

V. 11: „Grüßt die aus dem Hause des Aristobulos und meinen Landsmann Herodion, auch die aus der Familie des Narzissus!“

Das waren wahrscheinlich ihm nicht so nahestehende Leute wie die früher genannten; darum erwähnt er sie nicht alle dem Namen nach und gibt ihnen nur das ihnen zukommende Lob, daß sie Gläubige seien; denn das heißt: „welche im Herrn sind.“ [S. 280]

1: Kol. 4, 10.
2: 1 Kor. 16, 22.
3: Gal. 1, 8.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger