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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer (In epistula ad Romanos commentarius)
SECHSUNDZWANZIGSTE HOMILIE. Kap. XIV, V. 1—13.

4.

Sei also auf deiner Hut, da du den gemeinsamen Herrn aller auf dem Richterstuhl sitzen siehst, und spalte oder teile nicht die Kirche, indem du die Gnade verläßt und dem Gesetze zulaufst! Denn auch das Gesetz gehört Christus. Ja, was sag’ ich das Gesetz! Auch die Menschen, die unter dem Gesetze lebten und auch die vor dem Gesetze. Nicht das Gesetz wird von dir Rechenschaft verlangen, sondern Christus von dir und von der ganzen Menschheit. Siehst du, wie der Apostel die Furcht vor dem Gesetze gebannt hat? — Dann spinnt der Apostel denselben Gedanken weiter, damit es nicht den Anschein habe, als hätten seine Worte den [S. 199] Zweck gehabt, die Judenchristen zu schrecken, sondern als sei er durch die Gedankenfolge darauf geführt worden.

V. 13: „Wir wollen also nicht mehr darüber einander Vorschriften machen, sondern macht euch lieber die Vorschrift, dem Bruder nicht mehr Anstoß und Ärgernis zu geben!“

Das geht den einen so gut an wie den andern. Es kann darum auf beide bezogen werden, sowohl auf den Fortgeschrittenen, der Ärgernis nimmt an der Beobachtung der Speisegesetze, als auch auf den Schwachen im Glauben, der durch den herben Tadel des andern sich gestoßen fühlt. Du aber magst daraus ersehen, wie schwere Strafe diejenigen treffen wird, welche andere zur Sünde Anlaß geben. Denn wenn der Apostel es schon verbietet, vorschnell eine Ausstellung zu machen in einer Sache, die an sich unerlaubt war, nur damit dadurch der Bruder nicht geärgert und getroffen werde, was werden wir erst verdienen, wenn wir jemandem Ärgernis geben ohne die Absicht, etwas ins Richtige zu bringen? Wenn es schon Gegenstand einer Anklage ist, nichts zur Rettung anderer beigetragen zu haben, wie an dem Knecht ersichtlich ist, der sein Talent vergrub, was wird es erst für Folgen haben, andern Ärgernis gegeben zu haben? — Was aber, fragst du, wenn einer sich zur Sünde verleiten läßt aus eigener Schwäche? Eben darum solltest du auf das Rücksicht nehmen. Denn wenn er stark wäre, hätte er eine solche Rücksichtnahme nicht nötig. Nun aber eben, weil er gar zu schwach ist, bedarf er einer besonders vorsichtigen Behandlung. Lassen wir ihm also eine solche angedeihen und stützen wir ihn von allen Seiten! Wir werden ja nicht bloß für unsere eigenen Sünden zur Rechenschaft gezogen werden, sondern auch für diejenigen, zu welchen wir andern Veranlassung gegeben haben. Nun ist jene erste Rechenschaft schon so schwer; wenn auch diese andere noch dazu kommt, wie werden wir da selig werden? Denn wir dürfen ja nicht glauben, daß es uns zur Entschuldigung dienen werde, wenn wir Teilnehmer an unsern Sünden gefunden haben; im Gegenteil, es wird dies un- [S. 200] sere Strafe nur noch verschärfen. Wurde ja doch auch die Schlange schwerer gestraft als das Weib, und das Weib schwerer als der Mann, und Jezabel schwerer als Achab, der den Weinberg geraubt hatte; denn sie war es gewesen, die die ganze Ungerechtigkeit eingefädelt und den König dazu verleitet hatte. So wirst also auch du, wenn du die Ursache des Verderbens anderer geworden bist, härtere Strafen zu leiden haben als diejenigen, welche durch dich unglücklich geworden sind. Denn selbst sündigen ist nicht so verderblich als andere zur Sünde verleiten. Darum heißt es: „Sie verüben nicht bloß selbst solche Laster, sondern sie zollen auch denen, die sie verüben, Beifall“ 1.

Wenn wir darum andere sündigen sehen, so wollen wir sie nicht nur nicht noch weiter vorstoßen, sondern sie aus dem Abgrund des Lasters herauszuziehen suchen, damit nicht auch uns die Strafe treffe für ihr Verderben! Laßt uns beständig denken an den furchtbaren Richterstuhl, an den Feuerstrom, an die unlöslichen Ketten, an die Finsternis, die kein Lichtstrahl erhellt, an das Zähneknirschen, an den giftgeschwollenen Wurm! — Aber Gott liebt ja die Menschen, (wendet man ein). — So sind das also leere Worte? So hat also jener Reiche, der den Lazarus keines Blickes würdigte, keine Strafe zu leiden? So sind also die törichten Jungfrauen nicht vom Hochzeitsmahle ausgeschlossen? Und diejenigen, welche Christus nicht gespeist haben, werden nicht in das Feuer wandern, welches dem Teufel bereitet ist? Fiel also jener, der kein hochzeitliches Kleid anhatte, nicht, an Händen und Füßen gebunden, dem Verderben anheim? Und der Knecht, der von seinem Mitknechte unbarmherzig die hundert Denare forderte, ist also nicht dem Peiniger überantwortet? Es ist also nicht wahr, was von den Ehebrechern gesagt ist: „Ihr Wurm wird nicht sterben, ihr Feuer nicht erlöschen“? 2 So sind das alles nur leere Drohungen? — Jawohl, antwortest du. — Sag’ mir, wie [S. 201] kannst du dich erkühnen, über eine so wichtige Sache eine so willkürliche Behauptung auszusprechen? Ich kann dir sowohl aus den Worten wie auch aus den Taten Christi das Gegenteil beweisen. Wenn du den Drohungen mit zukünftigen Strafen nicht glauben willst, so glaube wenigstens denen, die bereits vollzogen sind; denn die sind eben bereits vollzogen und zu Tatsachen geworden, also gewiß keine bloße Drohungen und leeren Worte. Wer hat den ganzen Erdkreis unter Wasserfluten begraben, jene entsetzliche Überschwemmung und den Untergang unseres ganzen Geschlechtes herbeigeführt? Wer hat nachher jene Blitze und jenen Vertilgungsbrand über das Gebiet von Sodoma herabgesandt? Wer hat die ganze Macht Ägyptens ins Meer versenkt? Wer hat die sechshunderttausend Menschen in der Wüste umkommen lassen? Wer hat die Rotte Abirons durch Feuer vernichtet? Wer hat der Erde geboten, ihren Mund aufzutun und die Gefährten des Kore und Dathan zu verschlingen? Wer hat zur Zeit Davids siebzigtausend Menschen in einem Augenblick dahingerafft? Soll ich noch jene anführen, die einzeln gestraft wurden? Den Kain, den nie endende Strafe traf? Den Charmi, der mit seinem ganzen Hause gesteinigt ward? Den Mann, der dasselbe Schicksal erlitt, weil er am Sabbate Holz gesammelt hatte? Jene zweiundvierzig Knaben, die von wilden Tieren zerrissen wurden und nicht einmal mit Rücksicht auf ihr jugendliches Alter Verzeihung erhielten?

1: Röm. 1, 32.
2: Mark. 9, 45.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger