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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer (In epistula ad Romanos commentarius)
ZWANZIGSTE HOMILIE. Kap. XI. V. 7—36.

8.

Laßt uns den Apostel darin nachahmen, daß wir jederzeit Gott verherrlichen durch Achthaben auf unsern Lebenswandel! Nicht auf die Tugenden unserer [S. 117] Vorfahren wollen wir uns verlassen, gewarnt durch das Beispiel der Juden. Bei Christen gilt Blutsverwandtschaft nichts (für ihr ewiges Heil), sondern da gibt es nur eine geistige Verwandtschaft. Auch ein Skythe kann ein Kind Abrahams werden, und umgekehrt kann ein Kind Abrahams diesem ferner stehen als ein Skythe. Pochen wir also nicht auf die guten Taten unserer Väter! Du magst ein Wunder von einem Vater haben, glaube ja nicht, daß dir das zum Heil genügt oder daß es dir zur Ehre und zum Ruhm gereicht, wenn du diesem Vater nicht ähnlich wirst durch dein Betragen! Umgekehrt, wenn du einen nichtswürdigen Vater hast, sei nicht der Meinung, daß dich deswegen eine Verdammung oder eine Schande trifft, wenn du nur selbst in deinem Leben Ordnung hast! Was gab es Geringgeschätzteres als die Heiden? Und doch kommen sie mit einem Schlage in die Verwandtschaft der Heiligen — durch den Glauben. Wer war mehr Kind im Hause Gottes als die Juden? Und doch wurden sie ihm fremd — durch den Unglauben. Die Blutsverwandtschaft ist eine Sache der Natur und der Notwendigkeit; durch sie sind wir eigentlich alle miteinander verwandt. Denn alle stammen wir ja von Adam ab. Wenn wir diese Abstammung von Adam oder von Noe oder gar von unserer gemeinsamen Mutter, der Erde, in Betracht ziehen, so gibt es keine nähere oder entferntere Verwandtschaft. Die einzige Verwandtschaft, die eine Auszeichnung begründet, ist die, welche uns von den nichtswürdigen Menschen scheidet. In dieser Art verwandt sind wir nicht mit allen, sondern nur mit Gesinnungsgleichen. Brüder (in diesem Sinne) nennen wir nicht die, welche demselben Mutterschoß wie wir entstammen, sondern die, welche denselben Eifer an den Tag legen wie wir. So spricht auch Christus einerseits von Kindern Gottes, andererseits aber auch von Kindern des Teufels, von Kindern des Ungehorsams, von Kindern der Hölle, von Kindern des Verderbens. So hieß auch Timotheus ein Sohn des Paulus seiner Tugend nach, dagegen wissen wir von dem Sohne seiner Schwester nicht einmal den Namen. Obgleich derselbe natürlicherweise mit ihm verwandt war, so hatte er davon doch keinen Nutzen. Jener dagegen, [S. 118] der ihm der Natur und der Herkunft nach ferne stand — er war ein Bürger von Lystra 1 —, trat in ein näheres Verhältnis zu ihm als alle.

So wollen denn auch wir Kinder der Heiligen oder, besser gesagt, Kinder Gottes werden! Daß es möglich ist, daß wir Kinder Gottes werden, darüber vernimm, was Christus sagt: „Werdet vollkommen wie euer Vater im Himmel!“ 2 In diesem Sinne nennen wir auch im Gebete Gott unseren Vater und sollen dabei nicht bloß an die von ihm empfangenen Wohltaten denken, sondern auch an unsere Pflicht, nichts zu tun, wodurch wir dieser Verwandtschaft unwürdig werden könnten. Wie kann man aber, fragst du, ein Kind Gottes sein? Wenn man sich frei macht von allen Leidenschaften, wenn man Sanftmut zur Schau trägt gegenüber solchen, die einem Beleidigungen und Unrecht zufügen. Denn auch dein Vater (Gott) benimmt sich so solchen gegenüber, die ihn lästern. Darum sagt Jesus, obzwar er doch oft sehr ausführlich spricht, doch nirgends: „Damit ihr eurem Vater ähnlich werdet“ als da, wo er sagt: „Betet für die, welche euch beleidigen, tuet Gutes denen, die euch hassen“ 3; da fügt er das Endziel bei. Es führt uns ja auch nichts so zu Gott und macht uns ihm ähnlich, wie diese Tugendübung. Darum sagt auch Paulus, wenn er mahnt: „Seid Nachahmer Gottes“ 4, daß wir es in diesem Sinne sein sollen.

Zwar sind uns alle Tugenden vonnöten, am meisten aber Nächstenliebe und Mitgefühl, weil auch wir selbst vieler Liebe bedürfen; denn in vielen Dingen haben wir ja tagtäglich unsere Not; darum haben wir viel Erbarmen nötig. Das Mehr oder Weniger bei einer Gabe bemißt sich nicht gerade nach dem Maße des Gegebenen, sondern nach dem, was der Spender damit erreichen wollte. Es darf darum der Reiche nicht eingebildet sein, und der Arme braucht nicht verzagt zu sein, weil er nur wenig geben kann; oft hat dieser mehr gegeben als jener. [S. 119] Auch unglücklich dürfen sich die Armen nicht fühlen wegen ihrer Armut; denn gerade die Armut macht uns das Almosengeben leichter. Wer viel besitzt, hält, blind und taub für alles, mit nur um so größerer Habgier fest an dem, was er hat; wer dagegen nur wenig besitzt, bleibt frei von jeder derartigen Tyrannei und findet sich mehr geneigt zum Wohltun. Ein solcher, begibt sich leicht in die Gefängnisse, besucht Kranke und reicht einen Trunk frischen Wassers; der andere aber, aufgeblasen ob seines Reichtums, mag sich zu nichts dergleichen herablassen. Also nur keine Verzagtheit wegen der Armut. Ja, auch die Erlangung des Himmelreiches macht dir die Armut leichter. Wenn du nichts anderes besitzest, so doch ein mitfühlendes Herz, und dafür wird dir dein Lohn werden. Darum heißt uns auch Paulus „weinen mit den Weinenden und uns gefangen fühlen mit den Gefangenen“ 5. Denn nicht bloß den Weinenden bringt es einen gewissen Trost, viele Mitfühlende zu haben, sondern auch andern von Unglück Heimgesuchten. Ja, es gibt Fälle, wo ein tröstendes Wort dem Niedergedrückten nicht weniger aufzuhelfen vermag wie Geld. Aus dem Grund hat uns Gott geboten, den Notleidenden auch Geld zu geben, nicht bloß damit wir dadurch ihre Not lindern, sondern auch, damit er uns lehre, mit dem Unglück des Nächsten Mitleid zu fühlen. Darum ist auch der Geizige so hassenswert, nicht weil er an den Notleidenden achtlos vorübergeht, sondern weil er selbst sich zur Gefühllosigkeit und großer Hartherzigkeit erzieht; andererseits ist der, welcher der Armen wegen nicht auf sein Geld schaut, gerade deswegen liebenswert, weil er eben dadurch barmherzig und menschenliebend wird. Wenn Christus die Barmherzigen selig preist, so preist und lobt er nicht bloß die, welche sich durch beträchtliches Geldausgeben barmherzig erweisen, sondern auch die, welche den guten Willen haben, es zu tun.

Eine solche Geneigtheit zur Barmherzigkeit laßt uns immer haben, und alles Gute wird in ihrem Gefolge sein! Denn wer menschenfreundlich und erbarmungsvoll ge- [S. 120] sinnt ist, der wird, wenn er Geld hat, es austeilen; wenn er jemanden im Unglück sieht, wird er darüber Tränen vergießen und ihn bedauern; wenn er einen Niedergedrückten sieht, ihm die Hand reichen. Wer das wertvolle Gut eines menschenfreundlichen und mitfühlenden Herzens besitzt, der wird von da aus auf alles kommen, womit er seinen Brüdern helfen kann, und er wird einmal den ganzen Lohn zu genießen bekommen, der für ihn bei Gott bereitliegt. Damit auch wir zu diesem Lohn gelangen, laßt uns vor allem dafür besorgt sein, ein mitfühlendes Herz zu haben! So werden wir hienieden unendlich viel Gutes stiften und den Lohn dafür in der Ewigkeit genießen. Möge uns allen derselbe zuteil werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, durch den und mit dem Ehre sei dem Vater zugleich mit dem Hl. Geiste in alle Ewigkeit. Amen. [S. 121]

1: Apg. 16, 1.
2: Matth. 5. 48.
3: Ebd. 5, 44.
4: Eph. 5, 1.
5: Röm. 12, 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger