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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer (In epistula ad Romanos commentarius)
ZWANZIGSTE HOMILIE. Kap. XI. V. 7—36.

5.

V. 18: „Rühmst du dich doch schadenfroh — nun, nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“

— Was hat das für einen Bezug auf die Zweige, die abgehauen sind? Keinen. Der Apostel gibt sich, wie schon gesagt, den Anschein, auch nur auf einen schwachen Schatten von Trost für die Juden kommen zu wollen, versetzt ihnen aber auch da einen gelegentlichen Hieb, wo er den Heidenchristen eine Ermahnung gibt. Denn wenn er sagt: „Rühme dich nicht schadenfroh“, und weiter: „Rühmst du dich doch — nun, nicht du trägst die Wurzel“, gibt er damit dem Juden zu verstehen, daß das, was er getan hat, tatsächlich Schadenfreude verdient, wenn man sie auch nicht haben soll. Er will ihn dadurch aufrütteln und zum Glauben treiben. Er wirft sich zu seinem Sachwalter auf und führt ihm den Schaden vor Augen, den er erleidet, und daß andere im Besitze dessen sind, was eigentlich ihnen gehört.

V. 19: „Du wirst nun sagen: Die Zweige sind eben deswegen abgebrochen, damit ich eingepfropft werden konnte.“

— Wieder bringt der Apostel in Form eines Einwandes das Gegenteil von dem früher Gesagten vor. Er gibt damit zu verstehen, daß er das kurz zuvor Gesagte nicht ernst gemeint, sondern dabei nur die Absicht gehabt hat, [S. 108] die Juden an sich zu ziehen. Denn jetzt ist nichts mehr davon zu hören, daß durch ihren Fall den Heiden das Heil geworden sei, auch nicht, daß ihr Fall Gewinn für die Welt sei, und nicht, daß wir das Heil erlangt hatten, weil sie zu Falle gekommen seien, sondern ganz das Gegenteil. Er weist darauf hin, daß auch über den Heiden eine Vorsehung walte, wenn er auch seiner Rede eine andere Form zu geben scheint. Er kleidet nämlich die ganze Stelle in die Form eines Einwandes; so hält er von sich den Verdacht der Feindseligkeit fern und sichert seiner Rede günstige Aufnahme.

V. 20: „Richtig“,

— damit heißt er das Gesagte gut; dann schreckt er wieder, indem er spricht: —

„ihres Unglaubens wegen sind sie abgebrochen, du aber bist deines Glaubens wegen eingepfropft worden.“

— Sieh da wieder ein neues Lob für die Heiden und ein Vorwurf für die Juden! Um aber wieder bei den ersteren keinen Hochmut aufkommen zu lassen, fährt er fort:

„Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich!“

Nicht die Natur gibt dabei den Ausschlag, sondern Glaube und Unglaube. Wieder scheint er den Heiden zum Stillesein zu mahnen, gibt aber dabei den Juden die Lehre, daß es nicht auf die natürliche Abstammung ankomme. Darum fährt er auch fort: „Sei nicht hochmütig!“ Weiter sagt er aber nicht: sei demütig, sondern: „fürchte dich!“ Der Hochmut hat nämlich Mißachtung anderer im Gefolge und leichtsinniges Wesen. — Nun will der Apostel noch den traurigen Ausgang der Geschichte der Juden andeuten; keinen Schaden der Gehässigkeit gegen die Juden zu geben, kleidet er sie in die Form einer Mahnung an den Heiden, indem er sagt:

V. 21: „Denn wenn Gott der urwüchsigen Zweige nicht geschont hat“

— er fährt nicht fort: wird er auch deiner nicht schonen, sondern —:

„würde er wohl deiner erst recht nicht schonen.“

— Er nimmt damit seiner Rede das Bittere und macht [S. 109] zugleich den Gläubigen vorsichtig; die Juden zieht er dadurch an, und die Heiden hält er in Schranken.

V. 22: „Sieh also Gottes Güte und sein Abschneiden! Gegen die Gefallenen wendet er Abschneiden an, gegen dich Güte, wenn du im Guten verharrst; sonst wirst auch du ausgeschnitten werden.“

— Der Apostel sagt nicht: Sieh da dein Rechttun, sieh da dein Mühen, sondern Gottes Liebe zu den Menschen. Damit gibt er zu verstehen, daß alles durch die Gnade von oben geschieht, und wirkt damit auf Furcht hin. Die bloße Möglichkeit des Rühmens soll dir Anlaß geben, dich zu fürchten. Weil der Herr gegen dich gütig gewesen, gerade darum fürchte. Denn nicht unwandelbar ist dein glücklicher Zustand, wenn du in Leichtsinn verfällst, wie auch nicht unwandelbar der unglückliche Zustand jener ist, wenn sie andern Sinnes werden. Auch du wirst abgehauen werden, wenn du nicht im Glauben verharrst.

V. 23: „Doch auch jene werden, falls sie nicht bei ihrem Unglauben verharren, wieder eingepfropft werden.“

Denn nicht Gott hat sie abgehauen, sondern sie selber sind abgebrochen und abgefallen. Bezeichnend heißt es darum: „Sie sind abgebrochen“; so hat sie also nicht Gott beiseite geworfen, obzwar sie oft und viel gesündigt hatten. Siehst du, wieviel der freie Wille vermag; welche Bedeutung die freie Wahl hat? Nichts von dem ist unwandelbar, nicht dein glücklicher Zustand noch der unglückliche jenes andern. Siehst du, wie der Apostel den Verzweifelnden aufrichtet und den Übermütigen dämpft? Verzweifle nicht, wenn du von „Abschneiden“, werde aber auch nicht übermütig, wenn du von „Güte“ hörst! Darum hat er dich abgeschnitten, damit du dich wieder zum Stamme zurückzukommen sehnst; darum hat er gegen dich Güte gezeigt, damit du beharrlich bleibst. Auch heißt es nicht „im Glauben“, sondern „im Guten“, d. h. wenn du dich der Liebe Gottes durch dein Tun würdig erweist. Denn es bedarf nicht des Glaubens allein. Siehst du, wie der Apostel weder die Juden beiseite liegen noch die Heiden übermütig werden läßt, sondern wie er sogar diese durch jene zur Eifersucht reizt, [S. 110] indem er dem Juden die Möglichkeit in Aussicht stellt, an die Stelle des Heidenchristen zu kommen, so wie dieser früher die Stelle jenes bekommen hat? Den Heidenchristen schreckt er mit dem Hinweis auf das Schicksal der Juden, dem Juden dagegen sucht er Mut zu machen durch den Hinweis auf das, was dem Heiden zuteil geworden ist. Auch du wirst abgehauen, will er sagen, wenn du dich dem Leichtsinn überläßt; denn auch der Jude ist abgehauen worden. Und auch der Jude wird wieder eingepfropft werden, wenn er Eifer zeigt; denn auch du bist eingepfropft worden. So richtet er seine Rede ganz gegen die Heiden; bei dem Hieb jedoch, den er gegen sie, als die Stärkeren führt, richtet er die Schwächeren empor, was er immer so zu tun pflegt. Dasselbe Vorgehen beobachtet er am Schlusse des Briefes, wo er von der Beobachtung der Speisegebote handelt.

Hierauf holt der Apostel Beweisgründe für seine Sache aus der Vergangenheit, nicht nur aus der Zukunft; sie haben für den Zuhörer eine größere Überzeugungskraft. Um in seiner Beweisführung mit unwidersprechlicher Folgerichtigkeit vorzugehen, nimmt er den ersten Beweisgrund von der Allmacht Gottes her. Wenn die Juden auch abgehauen und weggeworfen wurden und andere ihren Platz eingenommen haben, so verzweifle dennoch nicht:

„Denn Gott ist mächtig genug, sie wieder einzupfropfen.“

Er bringt ja Dinge gegen alle Erwartung zustande.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger