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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer (In epistula ad Romanos commentarius)
ZWANZIGSTE HOMILIE. Kap. XI. V. 7—36.

3.

Überall kommt der Gedanke zum Ausdruck, daß die Reihenfolge die sein soll: Zuerst kommen die Juden, dann erst die Heiden. Weil aber die Juden ungläubig blieben, wurde die Reihenfolge umgekehrt. Der Unglaube und die Verwerfung der Juden brachte es mit sich, daß die Heiden vor ihnen kamen. Darum heißt es: „Durch ihren Fall ward den Helden das Heil, um jene zur Eifersucht zu reizen.“ Wenn der Apostel das, was in der Folge geschah, als früher geschehen darstellt, darf auch dich das nicht wundern. Er will ja nur den verwundeten Herzen der Juden Trost zusprechen. Der Sinn seiner Rede ist folgender: Jesus kam zu den Juden; [S. 101] diese nahmen ihn nicht auf, trotzdem er unzählige Wunder wirkte, sondern kreuzigten ihn. Er zog darum nunmehr die Heiden an sich heran, damit die diesen erwiesene Ehre das stumpfe Empfinden der Juden reize. Er versuchte, ob er sie nicht durch Eifersucht auf die andern dazu bringen könnte, zu ihm zu kommen. Sie hätten ja zuerst kommen sollen, dann erst wir. Darum spricht er oben von einer „Kraft Gottes zum Heile für jeden, der daran glaubt, für den Juden zuerst und dann für den Griechen“ 1. Weil aber jene versagten, darum wurden die Zweiten die Ersten. — Siehst du, was der Apostel damit den Juden für eine Ehre antut? Einmal dadurch, daß er sagt, wir seien erst dann berufen worden, als sie selbst nicht mochten; und dann dadurch, daß er sagt, wir seien berufen worden, nicht (in erster Linie), damit wir das Heil erlangen, sondern damit sie auf unser Heil eifersüchtig werden und sich bessern sollten. Was will er also damit sagen? Daß wir nur der Juden wegen berufen und gerettet worden seien? Nein; nur nicht vor ihnen, sondern in der gehörigen Reihenfolge. Darum sprach auch Jesus nicht, als er seinen Jüngern den Auftrag gab (zu predigen), einfach: Gehet zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel, sondern: „Gehet zuerst zu den Schafen ….“ Damit gab er ihnen zu verstehen, daß sie nachher zu den andern gehen sollten. Auch Paulus sagte nicht: Zu euch mußte das Wort Gottes gesprochen werden, sondern: „Zu euch mußte zuerst das Wort gesprochen werden“, um anzudeuten, daß dann zu uns. Das ist so geschehen und so gesagt worden, damit die Juden sich nicht unverschämt damit ausreden konnten, sie seien übergangen worden und darum seien sie nicht gläubig geworden. Darum war auch Christus, der alles voraus weiß, zuerst zu ihnen gekommen.

V. 12: „Ist aber ihr Fall ein Gewinn für die Welt und die Verminderung ihrer Zahl ein Gewinn für die Heidenvölker, um wieviel mehr wird es die Auffüllung ihrer Zahl sein?“ [S. 102] — Hier wird den Juden etwas zu Gefallen gesagt. Denn wenn sie auch tausendmal zu Falle gekommen waren, so wären die Heiden ja doch nicht gerettet worden, wenn sie nicht den Glauben angenommen hätten. Ebenso wären auch die Juden nicht verloren gegangen, wenn sie nicht ungläubig geblieben wären und sich einen harten Kopf aufgesetzt hätten. Aber, wie gesagt, der Apostel will den Juden in ihrer Lage Trost zusprechen und er ist nach Kräften bemüht, ihnen Mut zu machen in betreff ihres Heils, wenn sie sich nur ändern. Denn wenn zur Zeit, will er sagen, wo sie sich widersetzlich zeigten, so viele in den Genuß des Heiles kamen und bei ihrer Dienstentlassung so viele berufen wurden, bedenke nur, was dann sein wird, wenn sie sich einmal bekehren werden! Er spricht es aber nicht so aus: wenn sie sich einmal bekehren werden. Er sagt nämlich nicht: um wieviel mehr wird es „ihre Bekehrung“ sein, auch nicht „ihre Sinnesänderung“, auch nicht „ihre Besserung“, sondern: „um wieviel mehr wird es die Auffüllung ihrer Zahl sein“, d. h. wenn alle (zum Heil) eingehen werden. Das sagt er, um anzuzeigen, daß dann die Gnade — das freiwillige Geschenk Gottes — in größerer Fülle, ja fast in ihrem ganzen Reichtum zutage treten werde.

V. 13: „Euch Heiden sage ich, gerade, weil ich Heidenapostel bin: Ich will mein Amt eifrig betreiben“,
V. 14: „ob mir’s vielleicht gelingt, mein Fleisch eifersüchtig zu machen und einige aus ihnen zu retten.“

— Wieder bemüht sich der Apostel, nicht einen falschen Verdacht auf sich kommen zu lassen. Es scheint, als ob er den Heiden zusetzen und ihren Hochmut dämpfen wolle, dabei trifft er jedoch versteckterweise den Juden. Er sucht nach Gründen, die das Verlorensein so vieler von ihnen in einem milderen Licht erscheinen lassen und sie trösten sollen, aber er findet, wie die Sache einmal steht, keine. Ja, aus dem, was er gesagt hat, ergibt sich eigentlich nur eine noch schwerere Anklage gegen sie, weil andere, die weit hinter ihnen standen, das empfingen, was ihnen zugedacht war. Darum geht er von den Juden zu den Heiden über und schaltet diese Stelle über [S. 103] sie ein mit der Absicht, zu zeigen, daß er alles das nur zu dem Zwecke sagt, um die Heiden Bescheidenheit zu lehren. Ich lobe euch, will er sagen, aus zwei Gründen: Erstens, weil ich es tun muß, nachdem ich einmal zu eurem Dienst bestimmt bin, und zweitens, damit ich durch euch andere zum Heile führe. Er sagt ferner nicht: „meine Brüder“, „meine Stammesgenossen“, sondern: „mein Fleisch“. Da, wo er auf ihre Hartköpfigkeit hinweist, sagt er nicht: „ob es mir gelingen wird, zu überzeugen“, sondern: „ob mir’s gelingt, eifersüchtig zu machen und zu retten“; auch sagt er nicht: „alle zu retten“, sondern, „einige“; so hartgesotten waren die Juden. Auch in diesem Tadel liegt wieder ein Hinweis auf die Vorzugsstellung der Heiden. Wenn auch Juden und Heiden einander gegenseitig die Ursache ihres Heils geworden sind, so doch nicht durch dasselbe Mittel. Die Juden haben den Heiden dieses Gut vermittelt durch ihren eigenen Unglauben, die Heiden den Juden dagegen durch ihren Glauben. Daraus ergibt sich, daß Juden und Heiden gleichgestellt erscheinen, ja eigentlich eine Vorzugsstellung der Heiden.

1: Röm. 1, 16.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger