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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer (In epistula ad Romanos commentarius)
NEUNTE HOMILIE. Kap. IV, V. 1—21.

4.

Beachte, wie der Apostel in seinem Kampfe gegen die Juden von oben, von ihrem Patriarchen her, ausgeht! Er hat nämlich gezeigt, daß die Gerechtigkeit durch den Glauben ererbt sei, und nun zeigt er das gleiche von der Verheißung. Damit nämlich nicht etwa der Jude sage: Was kümmert es mich, daß Abraham durch den Glauben gerechtfertigt worden ist, sagt Paulus: Auch das, was dir nicht gleichgültig ist, die Verheißung der Erbschaft, kann ohne den Glauben nicht ins Werk gesetzt werden. Damit erschreckt er sie am meisten. Was für eine Verheißung? fragst du. Die, daß er der Erbe der Welt sein werde, und daß alle in ihm gesegnet werden sollen. Und wieso soll diese Verheißung aufgehoben werden? fragst du weiter.

V. 15: „Weil das Gesetz Zorn schafft; wo nämlich kein Gesetz ist, da gibt es auch keine Übertretung.“

Wenn es aber Zorn schafft und der Übertretung schuldig macht, dann macht es auch fluchverfallen. Solche aber, die dem Fluch und der Rache und der Übertretung verfallen sind, sind doch nicht würdig, zu erben, sondern eher gestraft und verworfen zu werden. Was geschieht nun? Es kommt der Glaube und bringt die Gnade mit sich 1, so daß die Verheißung in Erfüllung geht. Denn wo Gnade, da Vergebung; wo aber Vergebung, da gibt es keine Strafe. Ist aber einmal die Strafe hinweggenommen und die Gerechtigkeit uns zuteil geworden durch den Glauben, dann besteht kein Hindernis mehr, daß wir auch Erben werden der Verheißung.

V. 16: „Darum also aus dem Glauben, damit aus Gnade, daß sicher sei die Verheißung Gottes der ganzen Nachkommenschaft, nicht bloß der auf Grund des Gesetzes, sondern auch der auf Grund des Glaubens Abrahams, der da aller Vater ist.“

Siehst du, daß der Glaube nicht bloß das Gesetz auf festen Grund stellt, sondern auch die Verheißung [S. 139] Gottes nicht zuschanden werden läßt, das Gesetz dagegen, über seine Zeit hinaus beobachtet, den Glauben aufhebt und der Verheißung ein Hindernis ist? Darum zeigt er, daß der Glaube nicht nur nicht überflüssig, sondern so notwendig ist, daß es ohne ihn keine Heilserlangung gibt. Denn das Gesetz schafft Zorn; alle haben es nämlich übertreten; der Glaube dagegen läßt den Zorn von Anfang an gar nicht aufkommen. „Denn wo kein Gesetz ist“, sagt er, „da ist auch keine Übertretung.“ Siehst du ein, wie der Glaube nicht nur die Sünde, nachdem sie geschehen ist, tilgt, sondern sie gar nicht entstehen läßt? Deswegen sagt er: „Aus Gnade“. Wozu? Nicht zur Beschämung, sondern „daß sicher sei die Verheißung Gottes der ganzen Nachkommenschaft“. Zweierlei Gutes stellt hier der Apostel fest: Das Geschenk ist sicher und es kommt der ganzen Nachkommenschaft zu; er bezieht (unter die Nachkommenschaft) auch die Heiden ein und zeigt, daß die Juden nicht dazu gehören, wenn sie dem Glauben widerstreben. Das erstere (Verwandtschaftsverhältnis zu Abraham, nämlich das der Heiden durch den Glauben) ist fester als das letztere (d. i. das der Juden durch fleischliche Abstammung von ihm). Der Glaube bringt dir keinen Schaden, widerstreb ihm nicht; sondern er rettet dich, nachdem dich das Gesetz in Gefahr gebracht hat. Nachdem er gesagt hat: „der ganzen Nachkommenschaft“, zieht er dem Begriff der Nachkommenschaft eine Grenze. Welcher Nachkommenschaft? „Der aus dem Glauben“, sagt er; damit bezieht er die Heiden in die Verwandtschaft (Abrahams) ein und zeigt, daß sich die auf Abraham nichts einbilden dürfen, welche nicht glauben gleichwie er. Beachte auch noch eine dritte Wirkung des Glaubens: Er begründet ein engeres Verwandtschaftsverhältnis mit dem gerechten Abraham und macht ihn zum Stammvater von mehr Nachkommen. Darum sagt er nicht bloß „Abrahams“, sondern „der da unser, der Gläubigen, Vater ist“. Dann besiegelt er dieses Wort mit einem Schriftzeugnisse:

V. 17: „Wie geschrieben steht: Ich habe dich zum Vater vieler Völker gemacht“ 2. [S. 140] Siehst du da, wie diese Anordnung von oben an ausgeht? Was nun, fragst du, wenn der Apostel das auch von den Ismaeliten oder den Amalekitern oder den Aparenern meint? Im weiteren Gange der Rede zeigt er klarer, daß dies nicht von jenen gesagt sei. Vorläufig schlägt er ein anderes Thema an, durch welches er aber auch das beweist; er bestimmt nämlich die Art dieses Verwandtschaftsverhältnisses (mit Abraham) und behandelt die Frage mit großem Scharfsinn. Was sagt er? „wie Gott, dem er glaubte“. Was er damit sagen will, ist folgendes: Wie Gott nicht ein Teilgott ist, sondern der Vater aller, so auch Abraham; und weiter: Wie Gott Vater ist nicht im Sinne natürlicher Abstammung, sondern im Sinne einer Verbindung mit ihm durch den Glauben, so auch Abraham; denn ihn macht der Gehorsam zum Vater von uns allen. Weil nämlich die Juden diese (geistige) Verwandtschaft (mit Abraham) für nichts erachteten, dagegen an jener roheren (der fleischlichen) festhielten, darum zeigt er, daß die geistige Verwandtschaft eine solche in einem eigentlicheren Sinne sei, indem er Gott in den Beweis hineinzieht. Daneben setzt er auch das ins Licht, daß Abraham Vater geworden sei zum Lohn für seinen Glauben. Wenn er nicht in diesem Sinne Vater wäre und wäre er es (im wörtlichen Sinne) bezüglich aller Bewohner des Erdkreises, so wäre doch das Wort „wie“ (Gott) nicht am Platze, und das Geschenk Gottes (nämlich die Vaterschaft Abrahams) hätte geringeren Wert 3. Sag [S. 141] mir, was ist es Besonderes, Vater derer zu sein, die von ihm abstammen; diese Ehre kann jedem widerfahren. Das Besondere liegt darin, daß er die von Gott als Kinder zum Geschenk erhielt, welche er nicht der Natur nach als solche hatte.

1: Neben ἐφελκομένη τῇ χάριτι gibt es eine Lesart: τὴν χάριν die uns sinngemäßer erscheint.
2: Gen. 17, 4.
3: Hier steht im griechischen Text ein Satz, der den Schlüssel zur Übersetzung der ganzen Stelle gibt, den ich aber in der Übersetzung übergehe, weil er in der vorausgehenden Übersetzung selbst verwendet worden ist: τὸ γὰρ κατέναντι, ὁμοίως ἐστί. Das Wort κατέναντι übersetzt die Valuta mit „ante“. Ihr folgt die deutsche Übersetzung von Bisping: „im Angesichte Gottes“. Arnoldi übersetzt es mit: „deswegen weil“, doch gibt die ganze Stelle keinen rechten Sinn. Die Thalhofersche „Bibliothek der Kirchenväter“ übersetzt „ähnlich wie“, m. E. ganz sinngemäß. Die Übersetzung „vor Gott“ oder „im Angesichte Gottes“ kommt dem Sinne nach mit dieser überein, nur braucht jene eine weitere Erklärung, um verstanden zu werden. Der Sinn der Stelle ist offenbar folgender. Abraham ist nicht Vater der Gläubigen im wörtlichen Sinne, sondern seine Vaterschaft ist eine solche nach der Absicht Gottes („vor Gott“) oder eine solche im geistigen Sinne, wie auch Gott in diesem Sinne Vater aller Menschen ist. Die Vaterschaft Abrahams ist also „wie“ die Gottes. Chrysostomus selbst setzt παντέναντι = ὁμοίως. Darum übersetze ich es oben mit „wie“ und lasse hier diese Erklärung weg.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger