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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer (In epistula ad Romanos commentarius)
SIEBENTE HOMILIE. Kap. II, V. 17—28 und Kap. III. V. 1—8.

6.

Gegen die Heiden hatte es der Apostel leicht [S. 98] gehabt, loszugehen; denn ihr Leben war sehr verderbt. War dagegen das Leben der Juden auch sichtlich voller Nachlässigkeit, so hatten sie doch wichtige Deckmäntel: das Gesetz und die Beschneidung; ferner daß Gott mit ihnen verkehrt und sie zu Lehrern aller gesetzt hatte. Der Apostel hat sie darum aller dieser Vorzüge entkleidet und gezeigt, daß sie ihretwegen um so mehr würden gestraft werden. Auf dasselbe läuft auch hier seine Schlußfolgerung hinaus. Denn wenn Leute, die solches tun, sagt er, nicht gestraft werden, dann gilt notwendig die gotteslästerliche Rede: „Lasset uns Böses tun, damit Gutes daraus hervorgehe.“ Wenn aber eine solche Rede gottlos ist, und wenn die, welche sie im Munde führen, Strafe verdienen — das liegt in den Worten: „Die Verurteilung solcher ist offensichtlich“ —, dann ist es ganz offenbar, daß die Juden, (von denen der Apostel spricht,) strafbar sind. Denn wenn die schon Strafe verdienen, welche eine solche Rede im Munde führen, wieviel mehr die, welche nach ihr handeln; sind aber die Juden strafbar, dann sind sie es als Sünder. Denn der, welcher die Strafe verhängt, ist ja nicht ein Mensch, daß er auch ein irriges Urteil fällen könnte, sondern der alles gerecht ordnende Gott. Wenn sie aber gerechterweise gestraft werden, dann haben auch die, welche uns zum Spott jene Rede aufbrachten, damit unrecht; denn Gott hat alles getan und tut alles, um unsern Wandel zu einem leuchtenden zu machen und ihm allseits die rechte Richtung zu geben.

Lasset uns nicht sorglos dahinleben, dann werden wir imstande sein, auch die Heiden von ihrem Irrwege abzubringen. Wenn wir aber mit dem Munde zwar weise Reden führen, in unseren Handlungen aber verächtlich sind, mit was für Augen sollen wir da die Heiden anschauen? Mit was für Lippen über die Glaubenslehren (zu ihnen) reden? Der Heide wird nämlich zu jedem von uns sagen: Du handelst nicht recht in den geringen Dingen (des gewöhnlichen Lebens); wie willst du uns viel Höheres lehren? Du hast noch nicht gelernt, daß die Habsucht ein Übel ist; wie willst du uns weise Reden halten über himmlische Dinge? Oder weißt du es, daß sie ein Übel ist? Dann ist deine Verfehlung noch [S. 99] größer, da du sündigst mit Wissen. Doch was rede ich von den Heiden! Auch unsere eigene Religion gestattet uns nicht solchen Freimut im Reden, wenn unser Leben ein verderbtes ist. Denn „zum Sünder“, heißt es, „spricht Gott: Was schwatzest du von meinen Satzungen?“ 1 Als die Juden in der Gefangenschaft von den Persern einmal angegangen und gebeten wurden, ihnen ihre Gesänge des Herrn vorzusingen, da scheuten sie sich, es zu tun und sprachen: „Wie sollen wir singen den Gesang des Herrn im fremden Lande?“ 2 Wenn es aber unerlaubt war, im Lande der Barbaren die Aussprüche Gottes zu singen, um wieviel mehr unerlaubt wird es einer Barbarenseele sein? Eine Barbarenseele aber ist die Seele des Hartherzigen. Denn wenn das Gesetz den Gefangenen, die im fremden Lande Sklaven von Menschen geworden waren, Schweigen auferlegte, so ist es um vieles gerechter, daß die, welche Sklaven der Sünde und so gewissermaßen Angehörige eines fremden Reiches geworden sind, zum Schweigen gebracht werden. Obzwar jene Juden Musikinstrumente besaßen — es heißt ja: „An den Weiden inmitten jenes Landes hingen wir unsere Harfen auf“ —, so war es ihnen doch nicht gestattet. So ist es auch uns, obzwar wir Mund und Zunge — die Sprachwerkzeuge — besitzen, nicht erlaubt, nach Gefallen zu sprechen, solange wir Sklaven der Sünde sind, die härtere Herrschaft ausübt als alle Barbaren. Sag’ mir, was willst du zu einem Heiden sagen, der ein Räuber und ein Geizhals ist? Etwa: Laß ab von deinem Götzendienste? Erkenne den wahren Gott, und lauf nicht dem Silber und dem Golde nach? Wird er dich nicht auslachen und sprechen: Halte zuerst dir selbst solche Reden? Es ist nämlich nicht dasselbe, wenn ein Heide Götzendienst treibt und ein Christ sich derselben Sünde (durch den Geiz) schuldig macht. Wie werden wir imstande sein, andere von jenem Götzendienste abzubringen, wenn wir selbst nicht davon lassen? Wir sind ja uns selbst mehr unsere Nächsten als jenen. Wenn wir nun uns selbst nicht über- [S. 100] zeugen lassen, wie werden wir andere überzeugen? Denn wenn der, welcher seinem eigenen Hause nicht gut vorzustehen weiß, auch die Kirche nicht verwalten kann, wie wird jemand, der seiner eigenen Seele nicht vorzustehen weiß, imstande sein, andere zurecht zu richten? Sag’ mir nicht, daß du ja kein Götzenbild aus Gold anbetest, sondern zeig’ mir lieber, daß du nicht das tust, was dir das Gold befiehlt. Es gibt nämlich verschiedene Arten von Götzendienst: der eine hält den Mammon für seinen Herrn, ein anderer hält den Bauch für seinen Gott und wieder ein anderer eine andere höchst schmähliche Leidenschaft. Du opferst ihnen nicht Rinder wie die Heiden? Aber du tötest — was noch schlechter ist — ihnen zuliebe deine eigene Seele! Du beugst nicht deine Knie vor ihnen und betest sie nicht an? Aber du tust mit voller Bereitwilligkeit alles, was immer sie dir befehlen mögen, diese deine Herren: der Bauch, das Gold, die Leidenschaft! Die Heiden waren deswegen verabscheuungswert, weil sie die Leidenschaften vergötterten: die sinnliche Gier stellten sie dar als Aphrodite, den Zorn als Ares, die Trunkenheit als Dionysos. Wenn auch du dir nicht Götzenbilder schnitzest wie jene, so unterwirfst du dich doch mit aller Bereitwilligkeit eben diesen Leidenschaften, machst die Glieder Christi zu Gliedern einer Hure und stürzest dich in andere Sünden.

Darum ermahne ich euch, zu beherzigen, wie übergroße Torheit dies ist, und diesen Götzendienst — denn so nennt Paulus die Habsucht — zu fliehen, nicht bloß die Sucht nach Geld, sondern auch die böse Begierde nach Kleiderpracht, nach Tafelfreuden und nach allem andern. Denn viel schwerer werden wir gestraft werden, wenn wir den Gesetzen des Herrn nicht gehorchen. „Der Knecht“, heißt es ja, „der den Willen seines Herrn kennt und ihn doch nicht tut, wird viele Streiche erhalten“ 3. Damit wir dieser Strafe entrinnen und uns und andern nützlich werden, laßt uns alle Bosheit aus der Seele entfernen und der Tugend nachstreben! Das werde uns allen zuteil durch die Gnade und Liebe unseres [S. 101] Herrn Jesus Christus, mit welchem dem Vater zugleich mit dem Hl. Geiste sei Ruhm, Ehre und Herrlichkeit jetzt und allezeit bis in alle Ewigkeit. Amen.

1: Ps. 49, 16.
2: Ebd. 136, 4.
3: Luk. 12, 47.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger