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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer (In epistula ad Romanos commentarius)

SECHSTE HOMILIE. Kap. 1, V. 28—31 und Kap. II, V. 1—16.

1.

[S. 61] Kap. 1, V. 28—31 und Kap. II, V. 1—16.

V. 28: „Und wie sie ihrerseits gar keinen Wert darauf legten, eine rechte Erkenntnis von Gott zu besitzen, so überließ sie Gott seinerseits ihrem verkehrten Sinn, das Ungehörige zu tun.“

Damit es nicht den Anschein bekomme, als sei die lange Strafrede gegen die Knabenschändung auf die (christlichen) Römer gemünzt gewesen, darum geht der Apostel im folgenden auf andere Arten von Sünden über; er bringt damit zugleich auch die Rede auf andere Leute. Auch sonst führt der Apostel, wenn er zu den Gläubigen von Sünden spricht und sie als zu meidende hinstellen will, immer die Heiden als Beispiel an, so z. B. wenn er sagt: „Nicht in leidenschaftlicher Gier wie die Heiden, die von Gott nichts wissen“ 1, und wieder: „Damit ihr nicht betrübt seid wie die andern, die keine Hoffnung haben“ 2. In derselben Weise bringt er auch hier zum Ausdruck, daß es sich um Sünden der Heiden handle und spricht ihnen jede Entschuldigung ab; denn nicht aus Unwissenheit, sagt er, gehen jene Lastertaten hervor, sondern aus gewollter Absicht. Darum sagt er nicht: „und wie sie Gott nicht erkannten“, sondern: „Und wie sie keinen Wert darauf legten, von Gott eine rechte Erkenntnis zu besitzen.“ Das Wesen der Sünde, will er sagen, liege mehr in einem verkehrten Urteil und in Eigensinn als in einem Hingerissenwerden. Er bringt damit zum Ausdruck, daß die Sünden nicht, wie manche Irrlehrer behaupten, im Fleische ihren Sitz haben, sondern im Geiste, im Verlangen nach dem Bösen; da liege die Quelle aller Übel. Denn ist einmal der Geist irre geleitet, dann kommt auch alles andere aus der Bahn und geht drunter und drüber, wie wenn der Wagenlenker nichts wert ist. [S. 62] V 29: „Sie waren voll jeglicher Ungerechtigkeit, Bosheit, Habsucht, Schlechtigkeit“

Beachte die Reihenfolge! Sie waren voll, sagt er, „jeglicher“ Ungerechtigkeit. Er nennt zuerst die Schlechtigkeit im allgemeinen und führt dann einzelne Arten derselben an; dabei häuft er die Namen.

„Voll Neid und Mord“

Der letztere kommt vom ersteren, wie es sich in der Geschichte von Abel und Joseph zeigt. Dann fährt er fort:

„Voll Streit, Heimtücke, Gemeinheit“
V. 30: „Ohrenbläser, Verleumder, Gottesverächter, Frevler“

Der Apostel zählt da unter den Vorwürfen Dinge auf, die manchen belanglos scheinen könnten; dann steigert er wieder die Anklage und steigt zur höchsten Spitze der Sünden empor, wenn er sagt: „Prahlhänse“. Denn schlimmer als das Sündigen selbst ist es, sich noch etwas darauf einzubilden. Darum macht er den Korinthern denselben Vorwurf, indem er sagt: „Und da seid ihr noch eingebildet“ 3. Denn wenn jemand schon alles Verdienst verliert, der auf ein gutes Werk eingebildet ist, welche Strafe wird erst der verdienen, welcher sich gar auf seine Sünden etwas einbildet? Ein solcher kann ja gar nicht in sich gehen. Dann heißt es weiter:

„Erfinderisch im Bösen“

— Damit drückt der Apostel aus, daß sie sich nicht genügen ließen an dem, was (an Bösem) bereits da war, sondern daß sie noch Neues dazu erfanden. Das zeigt wieder, daß sie mit Absicht und Vorbedacht sündigten, nicht hingerissen und überwältigt (von der Leidenschaft). Nachdem nun der Apostel das Böse im einzelnen angeführt und auch gezeigt hat, daß sie auch gegen das natürliche Gesetz verstoßen haben — „sie waren ungehorsam gegen die Eltern“ — kommt er im folgenden auf die Wurzel so großen Verderbens, indem er sie „lieblos und treulos“ nennt. Auf dieselbe Ursache [S. 63] des Bösen weist auch Christus hin, wenn er spricht: „Wenn die Sünde überhand nimmt, wird die Liebe gar vieler erkalten“ 4. Dasselbe sagt auch Paulus hier. Er nennt sie:

V. 31: „Treulos, lieblos, rücksichtslos, erbarmungslos“. und zeigt damit an, daß sie auch das Geschenk der Natur preisgegeben hatten. Wir haben nämlich von Natur aus eine gewisse Zuneigung zueinander, wie eine solche auch die Tiere besitzen. Denn „jedes Wesen“, heißt es, „liebt seinesgleichen und der Mensch seinen Nächsten“ 5. Aber die Menschen waren wilder als die Tiere.

So hat nun der Apostel die Krankheit aufgezeigt, die als Folge schlechter Glaubenslehren die Welt befallen hat, und klargelegt, daß die ganze Krankheit herkomme von der Sorglosigkeit der Kranken selbst. Im folgenden legt er dar, wie er es bei den Glaubenslehren gemacht hat, daß sie auch darin unentschuldbar sind. Er sagt:

V. 32: „Sie kennen recht wohl die Forderung der Gerechtigkeit Gottes, daß die, welche so etwas tun, den Tod verdienen, und doch tun sie solches nicht bloß, sondern sie zollen noch denen Beifall, die es tun“

Zwei Einwände hat hier der Apostel im Sinne und beantwortet sie beide ganz schlagend. Du sagst, meint er, du habest nicht gewußt, was zu tun sei? Nun, hast du das wirklich nicht gewußt, so liegt die Schuld bei dir; du hast Gott, der es dir zu wissen tun wollte, den Rücken gekehrt. Übrigens habe ich dir soeben durch vielerlei Gründe dargetan, daß du (das Gesetz Gottes) ganz wohl kennst und darum mit Wissen und Willen sündigst. Aber du wirst von den Leidenschaften dazu hingerissen? Warum wirkst du aber dann zur Sünde mit und lobst sie? „Sie tun solches nicht bloß“, heißt es, „sondern sie zollen noch denen Beifall, die es tun.“ Diesen zweiten Einwand, der schlimmer ist und unentschuldbar, hebt der Apostel besonders hervor, um ihn [S. 64] abzutun. Wer die Sünde lobt, ist viel schlechter als der, welcher sie begeht. Das stellt also der Apostel zunächst fest und verstärkt im folgenden noch die Begründung, indem er so sagt:

Kap. II, V. 1: „Darum bist du unentschuldbar, o Mensch, jeder, der da richtet; denn worin du einen andern richtest, darin verurteilst du dich selbst.“

Das sagt er wohl mit Bezug auf die (herrschende) Stellung, die damals Rom einnahm; diese Stadt hatte nämlich zu jener Zeit die Herrschaft über die Welt inne. Er will damit also gesagt haben: „Du nimmst dir selbst die Entschuldigung, wer immer du sein magst:“ Denn wenn du z. B. einen Ehebrecher verurteilst und du bist selbst ein solcher, dann hast du dir mit deinem Urteilsspruch dein eigenes Urteil gesprochen, wenn dich auch sonst gar niemand vor Gericht zieht.

V.2: „Wir wissen nämlich recht gut, daß Gottes Urteil über die, welche solches tun, der Wahrheit gemäß ist.“

Damit nämlich nicht jemand sage: Ich bin bis jetzt ohne Strafe davongekommen, will der Apostel Furcht einflößen. Er sagt, daß es bei Gott nicht so zugehe wie bei den Menschen hier auf Erden. Hier wird der eine bestraft und der andere, der dasselbe getan hat, kommt davon. Bei Gott ist es aber nicht so. Daß da der Richter das Rechte kennt, spricht der Apostel aus; woher er es kennt, fügt er nicht bei; es wäre überflüssig gewesen. Bezüglich der Gottlosigkeit legt er aber beides dar: sowohl daß der, welcher gottlos handelt, Gott kennt, als auch, woher er ihn kennt, nämlich aus der Schöpfung. Weil diese Quelle nicht allen bekannt war, darum nennt er sie eigens. Hier aber übergeht er die Quelle (der Erkenntnis, die Gott selbst hat) mit Stillschweigen, weil sie allgemein bekannt ist. — Wenn der Apostel sagt: „jeder, der da richtet“, spricht er nicht allein von den Berufsrichtern, sondern auch von Privatleuten und Untertanen.

1: 1 Thess. 4, 6.
2: Ebd. 13.
3: 1 Kor. 5, 2.
4: Matth. 24, 12.
5: Sir. 13, 19.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger