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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer (In epistula ad Romanos commentarius)
ERSTE HOMILIE. Einleitung.

2.

Niemand halte diese Arbeit für eine nebensächliche und eine solche Untersuchung für eine überflüssige Spielerei; denn die Zeit, in welcher die einzelnen Briefe abgefaßt worden sind, unterstützt uns nicht wenig bei unsern Untersuchungen. So sehe ich, daß Paulus an die Römer und an die Kolosser über dieselben Dinge schreibt, aber nicht in gleicher Weise über dasselbe, sondern an jene mit großer Herablassung (zu ihren falschen Ansichten), wenn er z. B. sagt: „Den, der schwach ist für den Glauben, nehmt auch auf, nicht um Meinungen zum Austragen zu bringen; denn der eine glaubt alles essen zu dürfen, der Schwache aber ißt nur Gemüse“ 1. Den Kolossern schreibt er über denselben Gegenstand, aber mit mehr Geradheit: „Wenn ihr abgestorben seid mit Christus, was stellt ihr noch Regeln auf, als lebtet ihr in der Welt: ‚Faß ja nicht an, koste nicht, rühr’ nicht an’? Alles das sind Dinge, die Verderben bringen durch Mißbrauch, zur Überwindung des Fleisches sind sie nichts nutze" 2. Ich finde für die Verschiedenheit keinen andern Grund als die Zeit, in der es geschah. Am Anfang war es nötig, sich herabzulassen, nachher nicht mehr. So kann man den Apostel noch an vielen andern Stellen dieselbe Schreibweise befolgen sehen. So pflegen es ja auch der Arzt und der Lehrer zu machen. Der Arzt behandelt die Kranken am Anfange ihrer Krankheit nicht ebenso wie gegen Ende derselben, und der Lehrer geht mit den Kindern, welche die Anfangsgründe des Wissens lernen, nicht [S. 6] ebenso um wie mit Schülern, die der Vollendung ihres Wissens obliegen.

Den andern (Christengemeinden) schrieb der Apostel durch irgendeine (bestimmte) Ursache und Veranlassung bewogen; im Brief an die Korinther bringt er dies zum Ausdruck, wenn er sagt: „Worüber Ihr mir geschrieben habt“ 3, und den Galatern hält er (die Veranlassung des Briefes), gleich eingangs und während des ganzen Briefes vor Augen. Aus welchem Grunde und warum schrieb er den Brief an die Römer? Er scheint ihnen ja das Zeugnis zu geben, daß sie ganz guter Gesinnung vollkommen seien, voll jeglichen Wissens, imstande, sogar andern Ermahnungen zu geben. Warum schrieb er also einen Brief an sie? „Wegen der Gnade Gottes“, sagt er, „die mir gegeben ist dazu, ein Diener Jesu Christi zu sein“. Deshalb sagt er eingangs: „So bin ich, was an mir liegt, bereit, auch euch, die ihr zu Rom seid, das Evangelium zu verkünden“ 4. Wenn er sagt, sie könnten sogar andern Ermahnungen geben und Ähnliches, so ist das mehr eine Verneigung vor ihnen und ein Mittel, sich ihre Gunst zu erwerben; denn auch für sie war es eine Notwendigkeit, durch einen Brief auf den rechten Weg gewiesen zu werden. Weil er noch nicht zu ihnen hatte kommen können, darum weist er diesen Leuten den rechten Weg auf eine doppelte Weise: durch den Nutzen, den sie aus dem Briefe ziehen konnten, und dadurch, daß er ihnen sein (persönliches) Erscheinen in Aussicht stellt. So war diese heilige Seele geartet: die ganze Welt nahm er in sein Herz auf und trug alle darin. Als die nächste Verwandtschaft betrachtete er die, welche aus dem (gleichen) Verhältnis zu Gott hervorgeht. Als ob er der Vater aller geworden wäre, so liebte er sie, ja eine größere Liebe noch als jeder (leibliche) Vater legte er an den Tag. So ist die Gnade des Hl. Geistes; sie geht über das natürliche Kindschaftsverhältnis und ist der Quell einer noch innigeren Liebe. Das ist besonders an der Seele des Paulus zu sehen. Unter dem Einfluß die- [S. 7] ser Liebe nahm er gewissermaßen Flügel an; beständig war er auf dem Wege, alle zu besuchen, nirgends machte er Halt und rastete aus. Nachdem er das Wort Christi gehört hatte: „Petrus, liebst du mich? Weide meine Schafe“ 5, womit dieser den höchsten Ausdruck der Liebe gekennzeichnet hatte, befliß er sich desselben mit überschwänglichem Eifer.

Ahmen also auch wir den Apostel nach! Haben wir nicht die ganze Menschheit, ganze Städte und Völker zu lehren, so führe ein jeder wenigstens seine Hausgenossen, sein Weib, seine Kinder, seine Freunde, seine Nachbarn auf den rechten Weg! Niemand wende mir ein: „Ich bin zu ungelehrt, zu schwerfällig dazu.“ Niemand war ungelehrter als Petrus, niemand schwerfälliger als Paulus. Dieser gesteht es ja selbst und schämt sich dessen nicht, wenn er sagt: „Bin ich auch schwerfällig in der Rede, so doch nicht in der Erkenntnis“ 6. Und doch haben dieser Schwerfällige und jener Ungelehrte unzählige Weltweise überwunden, unzählige Schönredner zum Schweigen gebracht. Das haben sie alles zustande gebracht durch ihren Eifer und die Gnade Gottes. Welche Entschuldigung werden wir haben, die wir nicht zwanzig Leute gewonnen, nicht einmal unsern Hausgenossen das Heil gebracht haben? Alles leere Ausrede und eitler Vorwand! Nicht Ungelehrtheit, nicht Unbeholfenheit hindert die Unterweisung, sondern Trägheit und Schläfrigkeit. — Laßt uns also abschütteln diese Schläfrigkeit, laßt uns allen Eifer aufwenden für unsere Angehörigen, damit wir hienieden in reichem Maße Seelenfrieden genießen, wenn wir die, welche uns nahe stehen, auf den Weg der Furcht Gottes führen, und im Jenseits unendlicher Güter teilhaftig werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, durch den und mit dem Ehre sei dem Vater zugleich mit dem Hl. Geiste in alle Ewigkeit. Amen. [S. 8]

1: Röm. 14, 1. 2.
2: Kol. 2, 20-22.
3: Kor. 7, 1.
4: Röm. 1, 14. 15
5: Joh. 21, 15.
6: 2 Kor, 11, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger