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Anton Stegmann, Einleitung: Brief an Epiktetus. In: Des heiligen Athanasius ausgewählte Schriften / aus dem Griechischen übers. (Athanasius Band 1; Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 13) Kempten; München : J. Kösel, 1913
Einleitung: Brief an Epiktetus

Einleitung

Apolinarios (lat. Apollinaris), seit 361 Bischof von Laodikeia, ein entschiedener Gegner des Arianismus, wurde selbst der Urheber einer christologischen Irrlehre. Ihm war es unfaßbar, daß zwei vollkommene Naturen, die göttliche und menschliche, in einer Person als ihrem Träger vereinigt sein könnten. Eine der beiden Naturen in Christus mußte daher in ihrem vollen Bestand eine Einbuße erfahren. Das konnte nur die menschliche Natur sein; denn einmal würde eine volle menschliche Natur mit menschlichem Willen die Sündelosigkeit des Erlösers ausschließen, und außerdem ist die menschliche Natur selbst wieder zusammengesetzt aus Leib und Seele, und letztere wieder in niedere Seele und Geist zu scheiden. In Christus wurde deshalb nach apollinaristischer Auffassung die menschliche Seele, oder nach späterer Ausprägung der Lehre, der menschliche Geist (νοῦς) durch den göttlichen Logos ersetzt.

Der weiteren Verbreitung der apollinaristischen Lehren suchte um 370 eine Synode zu steuern, deren Akten, wie uns Epiphanius bezeugt, durch Bischof Epiktetus von Korinth an Athanasius übersandt wurden. Athanasius antwortete darauf mit unserm Brief, der 371 geschrieben ist1.

Dieser Brief gibt uns (Kap. 2) nähere Aufschlüsse über die irrigen christologischen Meinungen, die gerade in Korinth im Umlauf waren. Die Häretiker behaupteten, der Leib Christi sei der Gottheit des Logos wesensgleich; der Logos habe sich unter Aufgabe seiner eigenen Natur in den Leib mit seinen einzelnen Bestandteilen wie Fleisch, Haare und Knochen verwandelt; der Herr habe nur einen Scheinleib getragen; beschnitten und ans Kreuz geschlagen worden sei die Gottheit [S. 502] selbst, die aus dem Zustand der Vollkommenheit in den Zustand der Unvollkommenheit übergegangen sei; der Logos habe seinen, wie die Gottheit gleichewigen Leib nicht aus Maria, sondern aus seiner eigenen Wesenheit genommen; wollte man annehmen, der Leib des Logos sei aus Maria gebildet worden, so würde das die Trinität zu einer Vierheit erweitern; Christus, der im Fleische gelitten habe, sei nicht der Herr und Heiland, nicht Gott und Sohn des Vaters; der Logos sei nur auf einen heiligen Menschen herabgekommen; Christus sei vom Logos verschieden, wie auch der Logos vom Sohne Gottes.

Es ist das ein merkwürdiges Gemisch von ebjonitischen und doketischen Anschauungen, die in den apollinaristischen, arianischen und zum Teil wohl auch in rechtgläubigen Kreisen zu Korinth umgingen2. Gregor von Nazianz schreibt die meisten dieser Lehren wirklich dem Apollinaris zu. Indes fällt auf, daß gerade die apollinaristische Grundlehre vom Mangel der menschlichen Seele in Christus fehlt. Leontius von Byzanz3 berichtet uns denn auch, daß Apollinaris in einem Briefe an Serapion das Schreiben des Athanasius nach Korinth ausdrücklich gebilligt habe. Das konnte Apollinaris ganz wohl tun, weil es sich in Korinth sichtlich nicht um seine Hauptlehre, sondern um Meinungen handelte, die dort unter dem Einfluß der apollinaristischen Bewegung auftauchten und die Apollinaris selbst als Folgerungen aus seiner Lehre jedenfalls abgewiesen hätte.

Athanasius verweist in seinem Briefe zunächst auf die Unvereinbarkeit dieser häretischen Anschauungen mit der katholischen Lehre (Kap. 3). Als Grundirrtum derselben bezeichnet er sodann die behauptete Wesensgleichheit des Leibes mit der Gottheit des Logos, die folgerichtig zur Anschauung führen müsse, daß der Leib [S. 503] des Sohnes auch der Gottheit des Vaters wesensgleich sei, und die zudem mit der in der angeblichen Verwandlung des Logos in den Leib liegenden Veränderung des Logos im Widerspruch stehe; die Wesensgleichheit des Leibes mit der Gottheit und die dadurch bedingte Ewigkeit des Leibes läßt überdies die Herabkunft des Logos unnötig erscheinen (Kap. 4). Die Erlösung der Menschen, die Zweck dieser Herabkunft des Logos war, fordert auch einen wirklichen Leib; die Heilige Schrift bezeugt denn auch, daß Christus keinen Scheinleib hatte (Kap. 5), wie sie andererseits auch die Verschiedenheit des Leibes vom Logos deutlich erkennen läßt, und auch eine Verwandlung des letzteren in den Leib ablehnt (Kap. 6). Ein Scheinleib würde Erlösung und Auferstehung zu leeren Worten machen (Kap. 7), und im Gegensatz zur Annahme eines ewigen und deshalb unsterblichen Leibes lehrt die Schrift, daß der Herr einen leidensfähigen Leib besaß (Kap. 8). Wäre ferner der Leib des Herrn dem Logos wesensgleich, so wäre er doch nicht der Logos selbst, weshalb gerade die Irrlehre zu einer Vierheit in der Gottheit drängt, während die Trinität nach der rechtgläubigen Auffassung durch die Menschwerdung des Logos keine Bereicherung wie keine Minderung erfahre (Kap. 9). Aus der Heiligen Schrift erhellt auch, daß der Sohn Marias, der ans Kreuz geschlagen wurde, Gott ist (Kap. 10), und daß seine Verbindung mit dem Logos wesentlich von dem Verhältnis verschieden ist, in dem die Propheten und Heiligen der Vorzeit zu Gott standen (Kap. 11 u. 12).

Der Brief wurde viel gelesen und fleißig zur Begründung der rechtgläubigen Lehre über Christus benützt4. Epiphanius hat ihn in seine Geschichte der Häresien aufgenommen5; zitiert oder erwähnt wird er von Theodoretus, von den Synoden zu Ephesus und Chalkedon, von Kyrillos, von Papst Leo und Gelasius, von Marius Mercator, Rusticus Diaconus, in dem (551 oder 553) zu Konstantinopel abgehaltenen [S. 504] Religionsgespräch mit den Severianern, von Timotheus Aelurus, Leontius von Byzanz, in dem Edikt Justinians gegen Origines, in der sog. Doctrina patrum de incarnatione Verbi6, von Papst Hadrian, von Ratramnus, Photius und in den beiden Religionsgesprächen, die Theorianos 1170 und 1172 in Konstantinopel hielt7.

Kyrillos von Alexandrien hat uns auch die Nachricht aufbewahrt8, daß der Brief zu seiner Zeit von den Häretikern verfälscht worden sei, daß er aber für die Wiederherstellung und Erhaltung der echten Gestalt desselben Sorge getragen habe. In der echten Fassung ist der Brief auch auf uns gekommen. Das Material zur Geschichte des Textes hat neuestens G. Ludwig9 verarbeitet An seine Rezension schließt sich die hier vorliegende Übersetzung an.

1: S. Fr. Laudiert, Leben des hl Athanasius des Großen, Köln 1911, 112.
2: VgL L. Atzberger, Die Logoslehre des hl. Athanasius, München 1880, 165f.; A. Stülcken, Athanasiana, Leipzig 1899, 68 ff.
3: Vgl. Migne, Patrol. Gr. 26, 1047 f. Vgl. H. Lietzmann, Apollinaris von Laodicea und seine Schule, Tübingen 1904, 254, A.2.
4: S. G.. Ludwig, Athanasii epistola ad Epictetum, Jena 1911, 19ff.
5: Haer. 77, 3-13. (Migne, Patrol. Gr. 42, 644-660).
6: Ed. Fr. Diekamp, Münster 1907; s. G. Ludwig, 1. c. 27f.
7: Migne, Patrol. Gr. 133, 136. 168. 214s.
8: Epist. 40, ad Acac. (Migne, Patrol. Gr. 77,200); epist. 45, ad Succens. (Migne, l.c. 77, 237).
9: G. Ludwig, Athanasii epistola ad Epictetum (Dissert.), Jena 1911.

 

 

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Einleitung zu:
Brief an Epiktet (Epistula ad Epictetum) (Athanasius (295-373))

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger