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Hippolytus von Rom († um 235) - Canones (Canones Hippolyti)

30. Canon. Über die Katechumenen und einiges Andere, was sich auf sie bezieht.

Die Katechumenen sollen im Unterrichte nur hören, was sich auf den Glauben bezieht, und nur diese erhabene Lehre (nichts Weltliches). Der Katechumene halte seine nächsten Verwandten von sich fern1 und ertrage alle Unbequemlichkeiten, die der Religion wegen über ihn kommen. [S. 36] Er nehme sein Kreuz auf sich und folge dem Erlöser nach und sei bereit, wegen des Bekenntnisses Christi den Tod zu erdulden. Denn es gibt keinen Ausweg, daß der Mensch, welcher nach Vollkommenheit strebt, nicht versucht werde, wie unser Herr durch folgende drei Versuchungen versucht worden ist, nämlich durch Begierlichkeit, Stolz und Habsucht. Der Versucher trat nämlich an unsern Erlöser, als er fastete, mit seiner Falschheit heran und sagte: „Wenn du der Sohn Gottes bist, so sage, daß dieser Stein Brod werde.“ Du also auch, o Ascet, wenn du aus eigenem Antriebe dir Fasten auferlegt hast, hüte dich, daß du seinen Einflüsterungen Gehör gibst; denn er wird dich zu überreden suchen, deinen frommen Vorsatz zu brechen; besonders wenn das Fasten vom Gesetze vorgeschrieben ist, antworte ihm in deinen Gedanken in folgender Weise, wie dein Herr sagt: „Nicht allein vom Brode lebt der Mensch, sondern von jedem Worte, welches ausgeht aus Gottes Mund.“2 Übrigens hat das Wort: „Daß dieser Stein Brod werde“ seine eigenthümliche allegorische Bedeutung. Denn Diejenigen, welche Schätze lieben, irren und stellen sich so, daß man sagen kann, Steine seien ihre Schätze; denn sie lieben Schätze, die zu Koth werden, und werden von ihnen dergestalt eingenommen, daß sie glauben, sie seien ihnen so nothwendig zum Leben wie das Brod. Daher kommt dem Geiste der Ausspruch des Herrn in Erinnerung, worin er sagt: „Wie sehr auch der Mensch seine Schätze mehrt, sein Leben wird er dennoch nicht finden in ihnen.“3 Ihr, die ihr Gott liebet, liebet daher nicht das Geld, denn in der Geldliebe ist die Wurzel aller Übel, und führt euer Leben ohne Besorgniß; denn es heißt: „Wenn wir Nahrung haben, und womit wir uns bedecken, so seien wir damit zufrieden.“4 Höre auch, was der selige David anräth: „Wirf deine Sorge auf den Herrn, er selbst wird dich ernähren;“5 [S. 37] vorzüglich aber höre, was der Apostel Petrus sagt: „Alle euere Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für euch.“6

Sobald aber der Widersacher sieht, daß der Mensch also erstarkt (und zu höheren Tugenden fortschreitet), greift er ihn mit der zweiten Art der Versuchung an. Er stellt ihn auf die Zinne des Tempels d. h. in eine große Vollkommenheit der Tugenden. Sobald das geschehen ist, redet er ihm ein, alles Streben nach Tugend abzuwerfen, welches durch den Rath bezeichnet wird, er solle sich von der hohen Zinne hinunter werfen. Der Versucher sagt nämlich zu den Menschen: „Die Tugend ist zu hoch, du wirst die Arbeit dein ganzes Leben hindurch nicht aushalten.“ So hindert er ihn, des Erlösers eingedenk zu sein, der sagt: „Seid nicht besorgt um den morgigen Tag.“7 Von Jedem, der durch den Teufel wegen seiner Tugend erhoben wird, gilt das, was die Schrift sagt, er sei in die heilige Stadt geführt worden. Aber sie harren nicht aus, weil sie die Tugenden nicht Gottes, sondern des eitlen Ruhmes wegen, der die Schlange ist, erlangt haben und nur, um von den Menschen geehrt zu werden. Jene stürzen sich alsbald von der Zinne des Tempels in die Tiefe, thun ihr Inneres auf und zeigen nach außen, was sie im Innern verbargen, und so wird das Meiste, was sie gethan haben, erfolglos. In der Stunde daher, wo der Mensch sich vor Gott durch einen gewissen Pact verbindlich macht (für das Streben nach Vollkommenheit), und auch nachher hüte er sich mit allem Eifer, daß er nicht in das falle, was geschrieben steht: „Du sollst Gott deinen Herrn nicht versuchen.“8 Denn ist der Mensch nicht wachsam und beharrt er nicht jeder Zeit in der beständigen Erinnerung Gottes, so fällt er in Götzendienst, ohne einmal zu wissen, was das für ein Götzendienst ist, da ihn nur der Gedanke beschäftigt: er sei ein auserwähltes Werkzeug und besser als die übrigen Menschen. Das ist aber [S. 38] ein häßlicher Stolz vor Gott. Wenn der Teufel Jemandem einredet, er sei besser als alle übrigen Menschen, dann hat er es in der That bei ihm schon fertig gebracht, daß er niederfällt und ihn anbetet, uneingedenk der Stimme Gottes, die sagt: „Ich bin sanft und demüthig von Herzen.“9 Auch versteht er nicht die Stimme, welche sagt: „Du sollst Gott deinen Herrn anbeten und ihm allein dienen.“10 Deßhalb, meine Geliebtesten, fliehet vor dem Götzendienste,11 welcher ist der Stolz. Und lasset uns einander lieben, lasset uns auch die Fremden lieben, lasset uns die Lehre lieben und lasset uns fliehen vor jeder bösen Gesellschaft, schnell aber zu den Dienern Gottes eilen und gern mit ihnen Feste feiern, dem entsprechend, was einst Aravaka (Abigail) zu David sagte: „Siehe, deine Dienerin ist bereit, als Magd die Füße der Diener meines Herrn zu waschen.“12 Waschen wir also auch die Füße der Heiligen,13 damit wir den, der größer ist als David, unsern Herrn Jesus Christus, der Jeden, welcher seine Gebote beobachtet, mit dem größten Eifer liebt, sagen hören: „Recht so, guter und getreuer Knecht! Weil über Weniges du getreu gewesen bist, werde über Vieles ich dich setzen; gehe ein in die Freude deines Herrn.“14 Denn es wird in Wahrheit geschehen, daß er einem Jeden von uns, die wir in seinem Namen versammelt sind, sagt: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters! Nehmet zum Erbe das Reich, welches euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an. Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr gabt mir zu essen; ich war durstig, und lhr habt mich getränkt; fremd bin ich gewesen, und ihr habt mich beherbergt; ich war nackt, und ihr habt mich gekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr besuchtet mich; ich war im Kerker, und ihr kamet zu mir.“ Er fährt fort: „Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Wann sahen wir dich [S. 39] hungern, und nährten dich, und haben das Übrige, was darauf folgt, dir gethan? Und er wird antworten und sagen: Wahrlich sage ich euch: Was ihr immer an einem aus diesen Geringsten gethan habt, das habt ihr mir gethan.“15 Wessen Wirken und Streben aber nicht durch Wachsamkeit geschützt wird, das wird durch Brand untergehen, weil es das Leben nicht hat in der Tugend, sondern todt ist in der Verkehrtheit; und sie selbst sind für den Ofen bestimmt, d. h. sie werden dem Teufel zum Spott dienen, sie, die Anfangs (in der Taufe) mit ihrem Munde gesagt haben: „Ich entsage dir, o Satan;“ und nun eilen sie in der That durch ihre bösen Werke zu ihm zurück. Der Teufel scheint indessen in Wirklichkeit keine sehr große Freude an Denen zu haben, die mit ihm sind und ihm angehören, wie Jene, die dem Leibe nach mit uns, dem Geiste nach aber mit ihm sind.

Von Diesen sagt der Apostel: „Sie bekennen Gott zu kennen, mit den Werken aber verleugnen sie ihn.“16 Und von ihnen heißt es in den Sprüchwörtern: „Wie ein 'Hund, welcher zurückkehrt zu dem, was er gespieen', so ist der Unverständige, welcher zurückkehrt zu seinen Sünden.“17 Der selige Petrus sagt aber von ihnen: „Sie gleichen einem Schweine, welches geschwemmt sich wieder in seinem Kothe wälzt.“18

Und von dieser Art gibt es nicht Wenige, die vor Gott sagen: Ich will Alles thun, was du willst, aber zugleich in ihren bösen Absichten zur Sklaverei des Teufels zurückkehren. Ein Solcher gleicht einem Soldaten, der zwar den Soldatenanzug annimmt, sich aber das Militärwesen und Kleid nicht angelegen sein läßt, weßhalb er, wenn seine Vergehen auskommen, mit Schande überhäuft wird; ein Solcher kann sich wohl für sich einen Soldaten nennen, obschon er Nichts als die äußere militärische Form hat, die ihn freilich in den Stand setzt, sich einen Soldaten nennen zu können. So [S. 40] rühmen sich Einige, Christen zu sein, haben aber die Werke nicht; Solche werden von Gott und Menschen Dämonen genannt, weil sie die Werke des Satans nicht hassen, sondern auf sie erpicht sind. Solche bekommen hier den Namen Teufel, deren Loos sie auch im andern Leben theilen; denn an jenem Tage wird der Erlöser zu ihnen sagen: „Weichet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, welches dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist.“ Denn wie sie seine Werke geliebt haben auf Erden und mit ihm vereinigt geblieben sind in ihrem Leben, so werden sie auch mit ihm vereinigt sein in der Hölle, wenn sie in ihren unreinen Gesinnungen gestorben sind. Dem Christen aber ziemt es, in den Geboten Christi wandelnd, sich Gott ähnlich zu machen, wie geliebte Söhne sich in Allem Christus ähnlich machen. Sie lästern nicht, sind nicht unzüchtig, keine Spötter und Verleumder, leben nicht lasterhaft mit müssigen Weibern, sind fern von Lügen, begehren nicht Das, was vergeht, sind nicht halsstarrig noch aufgeblasen, noch beharren sie gegen Jemanden im Zorn, murren nicht, noch urtheilen sie über Dinge, die sie nicht angehen, noch verwenden sie ihr Vermögen auf Geschäfte, in denen kein Heil, noch thun sie, was mit dem Gesetze nicht übereinstimmt, noch sind sie hartherzig, geben kein falsches Zeugniß, sind nicht Fresser und Säufer, nicht habsüchtig, hangen nicht an der Welt noch an den Weibern, sind mit einer Frau in gesetzlicher Ehe verbunden, sind nicht neidisch, nicht nachlässig im Kirchenbesuch, erziehen ihre Kinder in der Gottesfurcht und fliehen nicht vor den Verfolgungen.19 Sie liegen der [S. 41] Lektüre und der Betrachtung Dessen ob, was sie (in der Kirche) gehört haben, enthalten sich der Beleidigungen, ihre Hände sind nicht schnell zum Strafen, bezahlen schnell ihre Schulden, damit derentwegen der Name des Herrn nicht gelästert werde. Sie sind nicht träge, vergessen nicht die Dürftigen, die sie um Hülfe angehen, verrathen keine ihnen anvertrauten Geheimnisse, verrücken die Gränzen nicht, treiben keinen Wucher, sind vielmehr den Fremden gewogen, verstoßen Die nicht, welche fern her kommen, sondern zählen sie zu ihren Kindern, sind nicht trügerisch im Geben und Nehmen, bedienen sich beim Wägen und Messen keines doppelten Gewichts, sind nicht saumselig und nachlässig in dem Empfange der hl. Kommunion und in den Anbetungen. Sie bedienen sich niemals des Eides, noch leben sie vertraut mit Fremden,20 und indem sie Gott dienen und ihre Arbeiten verrichten, folgen sie der Vorschrift des Evangeliums, welches allen Geschöpfen, die unter dem Himmel sind, verkündet worden ist.21

Der Christ, welcher in Diesem allen verharrt, trägt das Bild Christi selbst an sich und wird dereinst zu seiner Rechten wie die Engel leuchten und wird von ihm die Krone der Herrlichkeit erhalten, wie er die Krone der Tugend empfangen hat: die edelste Vollkommenheit und die Bewahrung des Glaubens. Sie werden die Krone des Lebens empfangen, die seinen Freunden verheissen ist.

Wenn der Christ aber die Stufe des Himmelreichs zu erlangen strebt, muß er sich von den Weibern durchaus fern halten und sich in seinem Herzen fest vornehmen, sie nicht anzusehen und nicht mit ihnen Speise zu nehmen.

[S. 42] Ohne Verzug theile er alle seine Schätze unter die Armen, nehme Engelsgüte an mit Demuth an Herz und Leib, sei sich allein genug, einem Vögelchen gleich, das keine Waffen hat, spende den Dürftigen von seiner Arbeit.22

Kommunicire und bete viel mit Fasten. Das ist der kostbare Stein, den nach dem Zeugniß des Johannes Niemand kennt, als wer ihn empfangen hat.23

Am Sonntag zur Zeit der Messe theile der Bischof, wenn es geschehen kann, mit seiner Hand dem ganzen Volke die Kommunion aus. Ist ein Priester krank, so bringe ihm ein Diakon die Kommunion, der Priester aber soll sie allein selbst nehmen.

1: Ist nur auf heidnische Verwandte zu beziehen. Übrigens scheint dieser Canon eine Ermahnungsrede an die Katechumenen zu sein.
2: Matth. 4, 4.
3: Scheint eine paraphrastische Wiedergabe von Luk. 12, 15. „Denn nicht aus seinem Überflusse hat Jemand sein Leben von seinem Eigenthum.“
4: I. Timoth. 6, 8.
5: Ps. 54, 23 [hebr.: Ps. 55, 23].
6: I. Pet. 5, 7.
7: Matth. 6, 34.
8: Deuter. 6, 16.
9: Matth. 11, 29.
10: Deuter. 6, 13.
11: I. Kor. 10, 14; I. Joh. 5, 21.
12: I. Sam. 25, 41.
13: I. Tim. 5, 10.
14: Matth. 25, 23.
15: Matth. 25, 34.
16: Tit. 1, 16.
17: Sprüchw. 26, 11.
18: II. Pet. 2, 22; Sprüchw. 26, 11.
19: Tertullian de fuga verbietet den Christen, in der Verfolgung zu fliehen, 1) weil die Verfolgung die Christen bessere und sie daher 2) von Gott komme. Dagegen heißt es (bei Fabricius I. c. S. 256 u. 257, 25), die Christen sollten die in der Verfolgung Fliehenden aufnehmen, denn sie flöhen in dem Bewußtsein, daß der Geist bereitwillig, das Fleisch dagegen schwach sei, und gäben ihre Güter preis, um den Namen Christi unbefleckt zu bewahren und durch Leugnung nicht zu verrathen.
20: D. i. Heiden oder Häretiker; von den letztern sagt Hippolytus bei Fabricius l. c. S. 256, der Gläubige solle mit einem Häretiker auch zu Hause nicht gemeinschaftlich beten.
21: Vergleiche den Brief an Diognet zu vorstehender Beschreibung eines echt christlichen Wandels.
22: Hiermit scheint der Verfasser das Leben der Anachoreten als das vollkommenste zu bezeichnen.
23: Offenb. 2, 17.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger