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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
FÜNFZEHNTES BUCH. Zusammenfassung der vorangehenden vierzehn Bücher. Der Mensch ist Bild Gottes in jenem Bereiche seines Seins, der dem Ewigen zugewandt ist. Die Unterschiede zwischen der menschlichen und göttlichen Trinität

7. Kapitel. Man kann aus den irdischen Dreiheiten nicht leicht auf die göttliche Dreieinigkeit schließen.

11. Diese drei aber sind so im Menschen, daß sie nicht selbst der Mensch sind. Der Mensch ist nämlich nach der Wesensbestimmung der Alten ein verstandesbegabtes, sterbliches Lebewesen. Jene drei bedeuten daher hervorragende Wirklichkeiten im Menschen, sie sind [S. 266] nicht der Mensch. Und eine Person, das heißt jeder einzelne Mensch, besitzt diese drei in seinem Geiste. Auch wenn wir das Wesen des Menschen so bestimmen: Der Mensch ist eine aus Leib und Seele bestehende, verstandesbegabte Substanz, so ist es doch nicht zweifelhaft, daß der Mensch eine Seele hat, die nicht der Leib ist, daß er einen Leib hat, der nicht die Seele ist. Und so sind diese drei nicht der Mensch, sondern Besitz des Menschen oder im Menschen. Auch wenn man den Körper beiseite läßt und nur an die Seele denkt, so ist der Geist etwas an ihr, gleichsam ihr Haupt oder ihr Auge oder ihr Antlitz; man darf das nur nicht nach Körper-Weise denken. Nicht also die Seele, sondern die in der Seele hervorragende Wirklichkeit heißt Geist. Können wir aber sagen, daß die Dreieinigkeit so in Gott ist, daß sie etwas an Gott ist und nicht eben gerade Gott selbst? Sonach ist jeder einzelne Mensch, der nicht in bezug auf alles, was zu seiner Natur gehört, sondern nur in bezug auf den Geist Bild Gottes heißt, eine Person und in seinem Geiste Bild der Dreieinigkeit. Jene Dreieinigkeit aber, deren Bild er ist, ist in ihrer Ganzheit nichts anderes als Gott, ist in ihrer Ganzheit nichts anderes als Dreieinigkeil Nicht gehört etwas zur Natur Gottes, was nicht zu jener Dreieinigkeit gehören würde, und die drei Personen sind eines Wesens, nicht wie jeder einzelne Mensch eine einzige Person.

12. Ebenso liegt darin ein großer Unterschied, daß wir uns, mögen wir vom Geiste im Menschen reden, von seiner Kenntnis und Liebe oder vom Gedächtnis, der Einsicht und dem Willen, keiner Gegebenheit unseres Geistes erinnern, es sei denn durch das Gedächtnis, nichts hiervon einsehen, es sei denn durch die Einsicht, nichts hiervon lieben, es sei denn durch den Willen. Wer aber wagte zu behaupten, daß in jener Dreieinigkeit der Vater sich, den Sohn und den Heiligen Geist nur einsehe durch den Sohn, nur liebe durch den Heiligen Geist, durch sich aber sich seiner, des Sohnes und Heiligen [S. 267] Geistes bloß erinnere, daß auf die gleiche Weise der Sohn sich seiner und des Vaters nur erinnere durch den Vater, daß er nur liebe durch den Heiligen Geist, durch sich aber den Vater, sich selbst und den Heiligen Geist nur einsehe, daß ähnlich der Heilige Geist durch den Vater sich des Vaters, des Sohnes und seiner selbst nur erinnere, durch den Sohn den Vater, den Sohn und sich selbst nur einsehe, durch sich aber sich selbst, den Vater und den Sohn nur liebe, gleich als ob der Vater das Gedächtnis seiner selbst, des Sohnes und des Heiligen Geistes wäre, der Sohn die Einsicht des Vaters, seiner selbst und des Heiligen Geistes, der Heilige Geist aber die Liebe seiner selbst, des Vaters und des Sohnes? Wer möchte sich erkühnen, Derartiges in bezug auf die Dreieinigkeit anzunehmen oder zu behaupten? Wenn nämlich dort nur der Sohn einsieht, sowohl für sich als auch für den Vater wie für den Heiligen Geist, dann kommt das wieder auf jenen Unsinn hinaus, daß der Vater nicht von sich selbst weise ist, sondern vom Sohne, und daß nicht die Weisheit die Weisheit zeugte, sondern der Vater durch jene Weisheit weise heißt, die er zeugte. Wo nämlich keine Einsicht ist, kann auch keine Weisheit sein. Wenn deshalb der Vater selbst für sich keine Einsicht hat, sondern sie der Sohn für den Vater hat, dann macht in der Tat der Sohn den Vater weise. Und wenn für Gott sein das gleiche ist, wie weise sein, und das Wesen für ihn dasselbe ist wie Weisheit, dann hat nicht der Sohn vom Vater das Wesen — so ist es in Wirklichkeit —, sondern vielmehr hat der Vater vom Sohne das Wesen — eine ganz unsinnige und falsche Behauptung. Diesen Unsinn haben wir im siebenten Buche erörtert, widerlegt und verworfen; dies Ergebnis steht ganz sicher fest.1 Es ist also Gott Vater weise durch die Weisheit, die er selbst ist, und der Sohn ist die Weisheit des Vaters, gezeugt von der Weisheit, die der Vater ist, von dem der Sohn gezeugt ist. Folgerichtig [S. 268] sieht daher der Vater auch ein durch die Einsicht, die er selbst ist, er wäre ja nicht weise, wenn er keine Einsicht hätte; der Sohn aber ist die Einsicht des Vaters, gezeugt von der Einsicht, die der Vater ist. Das gleiche kann man nicht unzutreffenderweise auch vom Gedächtnis sagen. Wie sollte denn jemand weise sein, der sich an nichts erinnert oder sich seiner nicht erinnert? Wie mithin Weisheit ist der Vater, Weisheit der Sohn, so erinnert sich seiner, wie der Vater sich seiner erinnert, so auch der Sohn; und wie der Vater sich seiner und des Sohnes erinnert nicht durch das Gedächtnis des Sohnes, sondern durch sein eigenes, so erinnert sich seiner und des Vaters auch der Sohn nicht durch des Vaters Gedächtnis, sondern durch sein eigenes. Wer möchte weiterhin behaupten, daß irgendeine Weisheit sei, wo es keine Liebe gibt? Daraus läßt sich schließen, daß der Vater so seine Liebe ist, wie er seine Einsicht und sein Gedächtnis ist. Siehe da, jene drei, das ist Gedächtnis, Einsicht, Liebe oder Wille sind in jenem höchsten und unwandelbaren Wesen, das Gott ist, nicht Vater, Sohn und Heiliger Geist, sondern der Vater allein. Und weil auch der Sohn Weisheit ist, gezeugt von der Weisheit, so gilt: Wie weder der Vater noch der Heilige Geist für ihn einsieht, sondern er selbst für sich Einsicht hat, so erinnert sich auch der Vater nicht für ihn, noch liebt der Heilige Geist für ihn, sondern er selbst hat für sich Einsicht, er selbst liebt für sich. Er ist nämlich sein eigenes Gedächtnis, seine eigene Einsicht und seine eigene Liebe. Daß es sich aber so verhält, verdankt er dem Vater, von dem er geboren ist. Auch der Heilige Geist hat, weil er die von der Weisheit hervorgehende Weisheit ist, nicht den Vater als sein Gedächtnis, nicht den Sohn als seine Einsicht und sich selbst als seine Liebe; er wäre ja nicht Weisheit, wenn ein anderer für ihn sich erinnerte, ein anderer für ihn einsähe und er bloß für sich liebte. Vielmehr hat er alle diese drei Tätigkeiten, und zwar so, daß er [S. 269] selbst sie ist. Daß sich indes die Sache so verhält, verdankt er dem, von dem er hervorgeht.

13. Welcher Mensch also kann diese Weisheit, in der Gott alles kennt, und zwar so, daß auch, was vergangen heißt, dort nicht vergeht, und daß nicht die Ankunft dessen, was zukünftig heißt, erst erwartet wird, gleich als ob es noch fehlen würde, sondern daß das Vergangene und Zukünftige mit dem Gegenwärtigen insgesamt gegenwärtig ist, daß ferner nicht das Einzelne für sich gedacht und von dem einen zum anderen im Denken weitergeschritten wird, sondern mit einem einzigen Blicke alles insgesamt als gegenwärtig umfangen wird, wer, sage ich, begreift diese Weisheit und ebenso diese Klugheit und diese Wissenschaft, wo doch von uns nicht einmal die unsrige begriffen wird? Das, was vor unseren Sinnen oder unserer Einsicht liegt, können wir irgendwie erblicken; das hingegen, was nicht vor ihnen steht, aber einmal vor ihnen stand, wissen wir durch das Gedächtnis, soweit wir es nicht vergessen haben. Und nicht erschließen wir aus der Zukunft die Vergangenheit, sondern die Zukunft aus der Vergangenheit, nicht jedoch in fester Erkenntnis. Denn wenn wir manches Zukünftige in unserem Denken als deutlich und sicher bevorstehend gleichsam voraussehen, so tun wir das, wenn wir es zu tun vermögen, soweit wir es vermögen, mit Hilfe des Gedächtnisses, das sich nicht auf das Zukünftige, sondern auf das Vergangene zu beziehen scheint. Das kann man bei solchen Sprüchen und Liedern erfahren, deren Abfolge wir aus dem Gedächtnis wiedergeben. Wenn wir nämlich in unserem Denken nicht voraussähen, was nachfolgt, dann könnten wir sie sicherlich nicht hersagen. Und doch, daß wir voraussehen, dazu befähigt uns nicht die Voraussicht, sondern das Gedächtnis. Denn bis alles, was wir hersagen oder singen, beendigt ist, gibt es nichts, das nicht vorausgesehen und vorausgeschaut und so vorgebracht würde. Und doch, wenn wir dies tun, heißt es nicht, daß wir [S. 270] in Voraussicht, sondern daß wir aus dem Gedächtnis singen oder hersagen. Und wenn jemand vieles so vorbringen kann und darin besonders stark ist, dann pflegt man nicht seine Voraussicht, sondern sein Gedächtnis zu rühmen- Wir wissen, daß dies in der Seele oder von unserer Seele geschieht; wir sind darin ganz sicher. Wie es aber geschieht, darob erliegt, je mehr wir darauf achten wollen, um so mehr unser Wort, und auch die Aufmerksamkeit hält nicht durch, durch die, wenn schon nicht die Sprache, so doch unsere Einsicht zur Klarheit käme. Und da meinen wir, bei einer solchen Schwäche des Geistes begreifen zu können, ob die Voraussicht Gottes, der nicht eins nach dem andern im Denken anschaut, sondern mit einem einzigen, ewigen, unwandelbaren und unaussprechlichen Blicke alles umfaßt, was er kennt, dasselbe ist wie sein Gedächtnis und seine Einsicht. In dieser Schwierigkeit also und Bedrängnis mag man aufschreien zum lebendigen Gott: „Zu wunderbar ist mir dein Wissen, zu gewaltig; ich vermag es nicht zu fassen!“2 An mir sehe ich nämlich, wie wunderbar und unbegreiflich dein Wissen ist, in dem du mich schufst, da ich nicht einmal mich selbst zu begreifen vermag, den du schufst, und doch lodert, wenn ich daran denke, das Feuer in mir auf,3 daß ich dein Antlitz suche immerdar.4

1: Lib. VII c. 1 und 2.
2: Ps. 138, 6 [Ps. 139, 6].
3: Ps. 38, 4.
4: Ps. 104, 4 [Ps. 105, 4].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger