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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
FÜNFZEHNTES BUCH. Zusammenfassung der vorangehenden vierzehn Bücher. Der Mensch ist Bild Gottes in jenem Bereiche seines Seins, der dem Ewigen zugewandt ist. Die Unterschiede zwischen der menschlichen und göttlichen Trinität

15. Kapitel. Nochmal die Unähnlichkeit zwischen dem menschlichen und dem göttlichen Worte.

Wird unser Wort allein von unserem Wissen geboren? Sagen wir nicht auch vieles, was wir nicht wissen? Nicht zweifelnd sagen wir es, sondern in der Annahme, es sei wahr. Wenn es vielleicht wahr ist, dann liegt seine Wahrheit in den Dingen, von denen wir sprechen, nicht in unserem Worte, weil ein Wort nur wahr ist, wenn es von dem Ding, das man kennt, gezeugt wird. Falsch ist also auf diese Weise unser Wort, nicht nur, wenn wir lügen, sondern auch, wenn wir uns täuschen. Wenn wir aber zweifeln, so ist das noch nicht ein Wort von dem Gegenstand, auf den sich unser Zweifel bezieht, sondern von dem Zweifel selbst. Wenngleich wir nämlich nicht wissen, ob das, woran wir zweifeln, wahr ist, so wissen wir doch, daß wir zweifeln; und deshalb liegt, wenn wir dies aussprechen, ein wahres Wort vor, da wir sagen, was wir wissen. Wie ist es denn dann, wenn wir lügen? Wenn wir dies tun, dann haben wir mit Wissen und Willen ein falsches Wort. Dabei ist es ein wahres Wort, daß wir lügen. [S. 292] Dies wissen wir nämlich. Und wenn wir gestehen, daß wir lügen, dann sagen wir die Wahrheit. Wir sagen dabei nämlich, was wir wissen. Wir wissen ja, daß wir gelogen haben. Das Wort aber, das Gott ist und das mächtiger ist als wir, kann dies nicht. „Es kann“ ja „nichts tun, außer was es den Vater tun sieht“,1 und nicht von sich aus spricht es, sondern vom Vater hat es alles, was es verkündet, da es der Vater auf einzigartige Weise spricht; und groß ist das Vermögen dieses Wortes, daß es nicht zu lügen vermag, weil in ihm nicht sein kann ja und nein, sondern nur ja, ja; nein, nein.2 Man kann ja überhaupt nicht mehr Wort heißen, was nicht ein wahres Wort ist. Wenn es wahr ist, stimme ich ihm gerne zu. Wie ist es nun weiter? Wenn unser Wort wahr ist und deshalb mit Recht Wort genannt wird, kann es da, wie es Schau von der Schau oder Wissen vom Wissen genannt werden kann, auch Wesen vom Wesen genannt werden, wie jenes Wort Gottes mit größtem Rechte heißt und mit größtem Rechte zu heißen ist? Wie also? Bei uns ist doch das Sein nicht das gleiche wie das Wissen. Wir kennen ja vieles, was im Gedächtnis in der Weise eine Art Leben führt, daß es durch das Vergessen gewissermaßen stirbt; wenn sonach auch die einmal gewußten Dinge nicht mehr in unserem Wissen sind, so haben wir doch noch ein Sein; und wenn unser Wissen unserer Seele entglitten und von uns gewichen ist, so leben wir doch noch.

25. Auch was jene Dinge betrifft, die so gewußt werden, daß sie niemals entfallen können, weil sie gegenwärtig sind und zur Natur der Seele selbst gehören, wie die Tatsache, daß wir wissen, daß wir leben — dies Wissen bleibt nämlich bestehen, solange die Seele bleibt, und weil die Seele immer bleibt, bleibt auch dies Wissen immer bestehen —, was also dies und Ähnliches mehr betrifft — darin muß man eher das Bild Gottes sehen —, so ist es schwer, ausfindig zu machen, wieso [S. 293] man bei diesen Dingen, die zwar immer gewußt, aber nicht immer gedacht werden, von einem immerwährenden Worte sprechen kann, da ja unser Wort durch unser Denken gesprochen wird. Ein immerwährender Vorgang ist es nämlich für die Seele, zu leben; ein immerwährender Vorgang ist es für sie, zu wissen, daß sie lebt; aber nicht ist es ein immerwährender Vorgang, daß sie an ihr Leben denkt oder daß sie an das Wissen um ihr Leben denkt. Wenn sie nämlich wieder etwas anderes beginnt, dann hört sie auf, daran zu denken, wenn sie auch nicht aufhört, darum zu wissen. So ergibt sich: Wenn in unserer Seele ein immerwährendes Wissen sein kann, und wenn der Gedanke an dieses Wissen nicht immerwährend sein kann, unser wahres inneres Wort aber nur durch unser Denken gesprochen werden kann, dann ist ersichtlich, daß allein Gott ein immerwährendes, mit ihm ewiges Wort hat. Man müßte schon etwa sagen, daß die Möglichkeit des Denkens — was man weiß, kann man ja, auch wenn man nicht daran denkt, doch der Wahrheit gemäß denken — so ein stets dauerndes Wort ist, wie das Wissen selbst ein ständig dauerndes ist. Aber wie kann man Wort nennen, was in der Schau des Denkens noch nicht geformt ist? Wie kann es dem Wissen, von dem es geboren wird, ähnlich sein, wenn es dessen Form noch nicht hat und schon deshalb Wort heißt, weil es diese bekommen kann? Das wäre so, wie wenn man sagen würde, deshalb sei etwas Wort zu nennen, weil es Wort sein kann. Aber was ist das für ein Ding, das erst Wort sein kann und deshalb schon der Bezeichnung Wort würdig ist? Was ist, frage ich, dieses Formbare und noch nicht Geformte anderes als eine Wirklichkeit in unserem Geiste, die wir in einer Art kreisender Bewegung dahin und dorthin wenden, da von uns bald dies, bald jenes gedacht wird, wie es uns eben gerade einfällt und es sich gerade trifft? Und dann entsteht ein wahres Wort, wenn der Vorgang, den ich eben ein Wenden in einer kreisenden Bewegung [S. 294] nannte, zu einem Gegenstand gelangt, den wir wissen, und wenn es von dorther geformt wird, die volle Ähnlichkeit mit dem Gewußten annehmend, so daß, wie ein Ding gewußt wird, es auch gedacht wird, das heißt, daß es so ohne Klanglaut, ohne die Vorstellung eines Klanglautes, die in der Tat auch noch einer Sprache angehört, im Herzen gesprochen wird. Auch wenn wir sonach, damit nicht der Eindruck entsteht, als ob wir uns in Wortzänkereien abmühen würden, zugeben, daß man schon jenes Etwas im menschlichen Geiste, das aus unserem Wissen gestaltet werden kann, noch bevor es gestaltet ist, eben weil es sozusagen gestaltbar ist, Wort nennen darf: wer sähe da nicht ein, wie groß die Unähnlichkeit mit jenem Worte Gottes ist, das so als Gestalt Gottes existiert, daß es nicht, bevor es Gestalt gewann, gestaltbar war, und das niemals ungestaltet sein konnte, sondern eine einfache Gestalt ist, einfachhin jenem gleich, von dem sie ist und mit dem sie in wunderbarer Weise die gleiche Ewigkeit besitzt?

1: Joh. 5, 19.
2: 2 Kor. 1, 19; Matth. 5, 37.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger