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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
FÜNFZEHNTES BUCH. Zusammenfassung der vorangehenden vierzehn Bücher. Der Mensch ist Bild Gottes in jenem Bereiche seines Seins, der dem Ewigen zugewandt ist. Die Unterschiede zwischen der menschlichen und göttlichen Trinität

13. Kapitel. Unterschied unseres Wissens und Wortes vom göttlichen Wissen und Wort.

Hat indes Gott Vater, von dem das Wort geboren ist, als Gott von Gott, hat Gott Vater in jener Weisheit, die er sich selbst ist, das eine durch den Sinn seines Leibes, das andere durch sich selbst erfahren? Wer möchte so etwas behaupten, wenn er Gott nicht als ein verstandesbegabtes Lebewesen, sondern als ein Wesen jenseits der verstandesbegabten Seele denkt, soweit Gott von denen gedacht werden kann, die ihm vor allen Lebewesen und allen Seelen den Vorrang einräumen, obgleich sie ihn nur im Spiegel und Rätselbild vermutungsweise schauen, noch nicht aber von Angesicht zu Angesicht sehen, wie er ist? Hat etwa Gott Vater das, was er nicht durch den Leib — er hat keinen — weiß, sondern durch sich selbst, anderswo von jemand [S. 288] anderem erfahren oder der Boten und Zeugen bedurft, um es zu erkennen? Sicherlich nicht. Für das gesamte Wissen, das er besitzt, genügt ihm ja seine Vollkommenheit. Er hat zwar Boten, nämlich die Engel, nicht jedoch, damit sie ihm, was er nicht weiß, melden — es gibt ja schlechthin nichts, was er nicht weiß —, sondern ihr Gutsein besteht darin, Gottes eigene Wahrheit über seine Werke zu befragen; das will es besagen, wenn es von ihnen heißt, daß sie manches melden, nicht als ob er es von ihnen erfahren würde, sondern weil sie es durch sein Wort ohne körperlichen Klanglaut erfahren. Sie melden nämlich, was er will, wenn sie von ihm zu jenen gesandt werden, die er hierfür mit seinem Willen bestimmt; den ganzen Inhalt der Meldung vernehmen sie von ihm durch sein Wort, das heißt sie finden in seiner Wahrheit, was sie zu tun haben, was sie zu melden haben, wem und wann sie ihre Meldung auszurichten haben. Auch wir beten ja zu ihm, und doch belehren wir ihn nicht über unsere Bedürfnisse. „Es weiß ja“, so sagt sein Wort, „euer Vater, was euch nötig ist, bevor ihr etwas von ihm verlangt.“1 Er hat es nicht erst von einer bestimmten Zeit an erkannt, so daß er es nun weiß, sondern alle künftigen Zeiten und in ihnen auch, was wir von ihm erbitten würden, und wann wir es erbitten würden, sowie wem und in welchen Angelegenheiten er Erhörung gewähren und versagen werde, wußte er ohne zeithaften Beginn schon im voraus. Alle seine Geschöpfe insgesamt, die geistigen und die körperlichen, kennt er nicht, weil sie sind, sondern sie sind, weil er sie kennt. Nicht war ihm nämlich unbekannt, was er erschaffen werde. Weil er also wußte, schuf er; nicht weil er schuf, wußte er. Nicht anders wußte er die Dinge nach der Erschaffung als vor der Erschaffung. Nicht hat nämlich seine Weisheit von den Dingen einen Zuwachs erhalten, sondern sie ist, als diese ihr Dasein begannen, wie sie mußten und als sie mußten, geblieben, wie sie war. [S. 289] So steht ja auch im Buche Jesus Sirach geschrieben: „Alles ist ihm, bevor es geschaffen wurde, bekannt und ebenso auch, wenn es vollendet ist.“2 Ebenso, sagt er, nicht anders ist es ihm bekannt, bevor es erschaffen wurde und wenn es vollendet ist. Ganz unähnlich also ist diesem Wissen unser Wissen. Was aber das Wissen Gottes ist, eben das ist auch seine Weisheit, und was die Weisheit Gottes ist, eben das ist sein Wesen oder seine Substanz. In der wunderbaren Einfachheit dieser Natur ist ja nicht etwas anderes das Weisesein, etwas anderes das Sein (Wesen), sondern was das Weisesein ist, das ist auch das Sein, wie wir in den vorhergehenden Büchern schon oft gesagt haben.3 Unser Wissen jedoch ist hinsichtlich der meisten Inhalte verlierbar und erwerbbar, weil für uns das Sein nicht dasselbe ist wie wissen oder weise sein, da wir ja sein können, auch wenn wir in den Dingen, die wir erst von anderswoher erfahren, kein Wissen und keine Weisheit besitzen. Deshalb ist, wie unser Wissen dem Wissen Gottes, so unser Wort, das von jenem Wissen geboren wird, dem Worte Gottes unähnlich, das vom Wesen des Vaters geboren ist. Diese letzte Aussage bedeutet soviel, wie wenn ich sagen würde; vom Wissen des Vaters, von der Weisheit des Vaters oder, um mich genauer auszudrücken: vom Vater-Wissen, von Vater-Weisheit.

1: Matth. 6, 8.
2: Ekkli. 23, 29 [= Ekklistiastikus = Sirach].
3: Vgl. Lib. VII c. 1 und 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger