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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
FÜNFZEHNTES BUCH. Zusammenfassung der vorangehenden vierzehn Bücher. Der Mensch ist Bild Gottes in jenem Bereiche seines Seins, der dem Ewigen zugewandt ist. Die Unterschiede zwischen der menschlichen und göttlichen Trinität

11. Kapitel. Unterschied zwischen dem menschlichen und göttlichen Wort.

20. Mithin ist das Wort, das draußen erklingt, Zeichen des Wortes, das drinnen leuchtet — ihm kommt mit größerem Rechte die Bezeichnung Wort zu. Denn was mit dem Fleischesmund vorgebracht wird, ist der Laut des Wortes. Er heißt auch selbst Wort um jenes Wortes willen, von dem er, damit es draußen erscheinen könne, angenommen wurde. In der Weise nämlich wird unser Wort gewissermaßen körperlicher Laut, indem es diesen annimmt, um so für die Sinne der Menschen wahrnehmbar zu werden, wie das Wort Gottes Fleisch wurde, indem es dies annahm, um sich so auch selbst den Sinnen der Menschen zu offenbaren. Und wie unser Wort Laut wird und sich nicht in den Laut verwandelt, so ist das Wort Gottes zwar Fleisch geworden; aber ferne sei es, daß es in das Fleisch verwandelt wurde. Durch [S. 280] Annahme also, nicht durch Aufgabe seiner selbst wurde dieses unser Wort Laut, jenes Fleisch. Wer immer also eine wenngleich ferne und in vielem unähnliche Ähnlichkeit mit dem Worte Gottes aufzufinden begehrt, der schaue nicht auf unser Wort, das in den Ohren erklingt, weder auf jenes, das im Laute vorgebracht, noch auf jenes, das in der Verschwiegenheit gedacht wird. Alle Worte nämlich, in welcher Sprache immer sie erklingen mögen, werden auch schweigend gedacht, und Lieder ziehen durch die Seele, auch wenn der Mund des Leibes schweigt; nicht bloß die Rhythmen der Silben, sondern auch die Weisen der Melodie sind, obgleich sie körperlich sind und zum Bereiche jenes Leibessinns gehören, den man Gehör nennt, doch durch eine Art unkörperlicher Bilder gegenwärtig, wenn man sie denkt und schweigend sie alle hin und her wendet. Doch wir wollen über diese Dinge hinausschreiten, um zu jenem Worte des Menschen zu gelangen, durch dessen wie immer geartete Ähnlichkeit wie in einem Rätsel das Wort Gottes wenn auch nur von ferne gesehen wird, nicht zu dem Worte, das an diesen oder jenen Propheten erging und von dem es heißt: „Das Wort Gottes aber wuchs und mehrte sich,“1 von dem es wiederum heißt: „Der Glaube also kommt vom Hören, das Hören aber durch das Wort Christi,“2 und wiederum: „Als ihr die Predigt des Wortes Gottes von uns empfangen habt, da habt ihr es angenommen nicht als Menschenwort, sondern — was sie ja auch wahrhaftig ist — als Gotteswort.“3 Unzählige Male wird in ähnlicher Weise in der Heiligen Schrift vom Worte Gottes gesprochen, das in den Klanglauten vieler und mannigfacher Sprachen durch menschlichen Mund in menschliche Herzen gestreut wird. Wort Gottes aber heißt es deshalb, weil da eine göttliche Lehre überliefert wird, nicht eine menschliche. Aber wir suchen durch diese Ähnlichkeit, auf welche Weise immer jetzt jenes Wort Gottes zu sehen, von dem es heißt: „Gott [S. 281] war das Wort,“4 von dem es heißt: „Alles ist durch es geworden,“5 von dem es heißt: „Das Wort ist Fleisch geworden,“6 von dem es heißt: „Quell der Weisheit ist das Wort Gottes in der Höhe.“7 Hingelangen also muß man zu jenem menschlichen Worte, zum Worte des verstandesbegabten Lebewesens, zum Worte des nicht von Gott geborenen, sondern von Gott geschaffenen Bildes Gottes, das weder im Lautklang hervorgebracht, noch in der Ähnlichkeit des Lautklanges gedacht werden kann — das alles muß ja noch in einer bestimmten Sprache geschehen —, sondern das allen Zeichen, mit denen es bezeichnet wird, vorangeht und vom Wissen, das in der Seele bleibt, gezeugt wird, wenn eben dieses Wissen innerlich ausgesprochen wird, wie es ist. Ganz ähnlich ist nämlich die Schau des Denkens der Schau des Wissens. Wenn nämlich das Wissen in einem Klanglaut gesprochen wird oder durch irgendein körperliches Zeichen, dann wird es nicht gesprochen, wie es ist, sondern wie es durch den Leibessinn gesehen oder gehört werden kann. Wenn also, was im Wissen ist, im Worte ist, dann ist es ein wahres Wort und die Wahrheit, die man vom Menschen erwartet, so daß, was im Wissen ist, auch im Worte ist, was nicht in jenem ist, auch nicht in diesem ist. So wird das Wort erfüllt: „Ja, ja, nein, nein.“8 In dieser Weise nähert sich, so gut es möglich ist, das Abbildhafte des geschaffenen Bildes dem Abbildhaften des geborenen Bildes an, in dem Gott der Sohn dem Vater nach unserem Bekenntnis durch die Einheit der Substanz in allem ähnlich ist. Zu beachten ist in diesem Rätselbilde auch folgende Ähnlichkeit mit dem göttlichen Worte: Wie es von diesem Worte heißt: „Alles ist durch es geworden,“9 da Gott nach unserem Bekenntnisse durch sein eingeborenes Wort das gesamte All geschaffen hat, so gibt es auch keine menschlichen Werke, die nicht vorher im Herzen gesprochen werden. [S. 282] Daher steht geschrieben: „Der Anfang eines jeglichen Werkes ist das Wort.“10 Wenn nun das Wort wahr ist, dann ist es der Anfang eines guten Werkes. Wahr aber ist das Wort, wenn es vom Bewußtsein, gut zu handeln, gezeugt wird, so daß auch hier die Mahnung erfüllt wird: „Ja, ja, nein, nein.“11 Ist Ja in dem Wissen, aus dem heraus das Leben zu gestalten ist, dann soll es auch in dem Worte sein, durch welches das Werk zu vollbringen ist. Ist Nein dort, soll es auch hier sein. Sonst wird ein solches Wort Lüge, nicht Wahrheit sein, und so kommt es zur Sünde, nicht zum guten Werk. In dem Abbildhaften unseres Wortes findet sich auch dies Abbildhafte des göttlichen Wortes: Unser Wort kann bestehen, ohne daß ihm ein Werk folgt; kein Werk aber kann geschehen, wenn ihm nicht ein Wort vorausgeht, wie das Wort Gottes bestehen konnte, ohne daß ein Geschöpf existierte, während kein Geschöpf sein kann außer durch das Wort, durch das alles geworden ist. So ist nicht Gott Vater, nicht der Heilige Geist, nicht die Dreieinigkeit selbst, sondern allein der Sohn, der das Wort Gottes ist, Fleisch geworden, obgleich die Dreieinigkeit dies wirkte, damit unser Wort seinem Beispiele nachfolge und es nachahme, auf daß wir recht leben, das heißt in der Schau oder im Werke unseres Wortes keine Lüge haben. Indes das ist einmal die zukünftige Vollendung dieses Bildes. Sie zu erreichen, unterweist uns der gute Meister im christlichen Glauben und in der Wissenschaft der Frömmigkeit, damit wir mit dem vom Schleier des Gesetzes — es ist der Schatten des Zukünftigen — entblößten Antlitz die Herrlichkeit des Herrn schauen (speculantes), indem wir nämlich durch den Spiegel schauen, und damit wir in das gleiche Bild umgestaltet werden, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, eben durch den Geist des Herrn;12 siehe hierzu die frühere Erklärung dieser Worte.

[S. 283] 21. Wenn also durch diese Umgestaltung das Bild erneuert wird, und so seinem Vollendungszustand entgegengeht, dann werden wir Gott ähnlich sein, weil wir ihn sehen werden nicht im Spiegel, sondern wie er ist.13 Das drückt der Apostel Paulus mit dem Worte aus: „Von Angesicht zu Angesicht.“14 Wer aber vermag jetzt zu erklären, welche große Unähnlichkeit zugleich in diesem Spiegel, in diesem Rätselbilde, in dieser wie immer gearteten Ähnlichkeit ist? Ich will jedoch einiges berühren, so gut ich es vermag, damit man so darauf aufmerksam werde.

1: Apg. 6, 7.
2: Röm. 10, 17.
3: 1 Thess. 2, 13.
4: Joh. 1, 1.
5: Joh. 1, 3.
6: Joh. 1, 14.
7: Ekkli. 1, 5 [= Ekklisiastikus = Sirach].
8: Matth. 5, 37.
9: Joh. 1, 3.
10: Ekkli. 37, 20 [= Ekklisiastikus = Sirach].
11: Matth. 5, 37.
12: 2 Kor. 3, 18.
13: 1 Joh. 3, 2.
14: 1 Kor. 13, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger