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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
FÜNFZEHNTES BUCH. Zusammenfassung der vorangehenden vierzehn Bücher. Der Mensch ist Bild Gottes in jenem Bereiche seines Seins, der dem Ewigen zugewandt ist. Die Unterschiede zwischen der menschlichen und göttlichen Trinität

2. Kapitel. Gott ist unbegreiflich.

2. Gott selbst, den wir suchen, wird, wie ich hoffe, helfen, daß unsere Mühe nicht fruchtlos bleibe, und wir einsehen, wieso es im heiligen Psalm heißt: "Freuen soll sich das Herz derer, die den Herrn suchen; suchet den Herrn und werdet stark, suchet sein Antlitz immerdar!"1. Es scheint nämlich, daß das, was immer gesucht wird, nie gefunden wird: Wie soll sich da freuen und nicht vielmehr traurig sein das Herz derer, die ihn suchen, wenn sie doch nicht finden können, was sie suchen? Die Schrift sagt ja nicht: "Freuen soll sich das Herz derer", die ihn finden, sondern: "das Herz derer, die den Herrn suchen". Und doch bezeugt der Prophet Isaias, daß der Herr gefunden werden könne, wenn man ihn nur sucht, und zwar mit diesen Worten: "Suchet den Herrn und, sobald ihr ihn findet, ruft ihn an, und wenn er euch nahe kommt, soll der Gottlose seine Wege verlassen und der Ungerechte seine Gedanken."2. Wenn er also, so man ihn sucht, gefunden werden kann, warum heißt es dann: "Suchet sein Antlitz immerdar?" Ist er etwa, auch wenn er gefunden ist, immer noch zu suchen? So ist in der Tat das Unbegreifliche zu suchen: nicht soll glauben, nichts gefunden zu haben, wer finden konnte, wie unbegreiflich ist, was er suchte. Warum also sucht er, wenn er begreift, daß unbegreiflich ist, was er sucht, warum anders als deshalb, weil man nicht nachlassen darf, solange man in suchendem Bemühen um die unbegreiflichen Dinge voranschreitet, und weil besser [S. 252] und besser wird, wer ein so großes Gut sucht, das man sucht, um es zu finden, das man findet, um es weiter zu suchen? Denn es wird gesucht, auf daß es süßer gefunden wird, und gefunden, auf daß es inbrünstiger gesucht wird. In diesem Sinne kann man das Wort verstehen, das im Buche Jesus Sirach der Weisheit in den Mund gelegt wird: "Die mich essen, hungern noch, und die mich trinken, dürsten noch."3 Sie essen und trinken nämlich, weil sie suchen, und weil sie hungern und dürsten, suchen sie noch. Der Glaube sucht, die Vernunft findet. Daher sagt der Prophet: "Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr nicht einsehen."4 Und wiederum sucht die Vernunft weiter, den sie schon gefunden hat. "Gott hat" nämlich "herniedergeschaut auf die Menschenkinder", wie im heiligen Psalm5 gesungen wird, "um zu sehen, ob einer ist, der Gott einsieht und sucht". Dazu also muß der Mensch mit Einsicht ausgestattet sein, daß er sich suchend um Gott müht.

3. Lange genug sind wir nun in dem verweilt, was Gott schuf, um durch dies ihn selbst zu erkennen, der es schuf; "Das Unsichtbare an ihm ist ja seit der Erschaffung der Welt durch das, was geschaffen ist, in Einsicht schaubar."6 Deshalb werden im Buche der Weisheit jene getadelt, die "aus den sichtbaren Vollkommenheiten den nicht zu erkennen vermochten, der da ist, und nicht, auf die Werke achtend, den Künstler erkannten, sondern das Feuer oder den Wind oder die schnelle Luft oder den Umkreis der Sterne oder das gewaltige Wasser oder die Himmelslichter für die Götter hielten, die Lenker des Erdkreises: Hielten sie diese schon, ergötzt durch ihre Schönheit, für Götter, dann sollten sie doch wissen, um wieviel besser als sie ihr Gebieter ist. Der Erzeuger ihrer Schönheit hat sie ja geschaffen. Und wenn sie Kraft und Wirksamkeit bewunderten, dann sollen sie an ihnen einsehen, um [S. 253] wieviel mächtiger jener ist, der sie bildete. Aus der Größe und Schönheit der Geschöpfe kann nämlich deren Schöpfer erkennbar geschaut werden."7 Diesen Text aus dem Weisheitsbuch habe ich deshalb hierhergesetzt, damit kein Gläubiger glaube, es sei vergebliche und eitle Mühe gewesen, wenn ich in der Schöpfung durch mancherlei Arten von Dreiheiten gewissermaßen stufenweise, bis ich zum menschlichen Geiste gelangte, Anzeichen jener höchsten Dreieinigkeit suchte, die wir suchen, wenn wir Gott suchen.

1: Ps. 104, 3f.
2: Is. 55, 6f.
3: Ekkli. 24, 29.
4: Is. 7, 9 (nach der Septuaginta).
5: Ps 13, 2
6: Röm. 1, 20.
7: Weish. 13, 1―5

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger