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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

VIERZEHNTES BUCH. Das Bild Gottes wird im menschlichen Geiste verwirklicht nicht so sehr durch die Erinnerung, Schau und Liebe eines vergänglichen Gegenstandes oder des Geistes selbst als vielmehr durch die Fähigkeit, sich Gottes zu erinnern, ihn zu schauen und zu lieben.

1. Kapitel. Wesensbestimmung der Weisheit.

[S. 206] 1. Jetzt müssen wir über die Weisheit handeln, nicht über die Weisheit Gottes, die zweifellos Gott ist — denn Weisheit Gottes wird sein eingeborener Sohn genannt1 —, sondern wir werden reden über die Weisheit des Menschen, über die wahre jedoch, die Gott gemäß ist und die der wahre und vorzüglichste Gottesdienst ist — mit einem Worte wird er im Griechischen Gottesscheu (θεοσέβεια) [theosebeia] genannt. Dieses Wort haben die Unsrigen, wie wir schon erwähnten, in dem Wunsche, es auch mit einem lateinischen Ausdrucke wiederzugeben, mit Frömmigkeit (pietas) übersetzt, während für Frömmigkeit bei den Griechen das Wort εὐσέβεια [eusebeia] gebräuchlicher ist. Θεοσέβεια [Τheosebeia] hingegen gibt man, weil es mit einem Worte nicht vollkommen ausgedrückt werden kann, besser mit zwei Worten wieder, so daß man lieber Dienst Gottes sagt. Daß dies die Weisheit des Menschen sei, was wir ja auch schon im zwölften Buche dieses Werkes dargelegt haben,2 wird durch die Autorität der Heiligen Schrift bezeugt, so im Buche des Dieners Gottes Job, wo [S. 207] man liest, daß die Weisheit zum Menschen sprach: „Siehe, Frömmigkeit ist Weisheit, sich aber vom Bösen enthalten, ist Wissenschaft“,3 oder, wie manche das griechische ἐπιστήμη [epistēmē] wiedergaben, Zucht (disciplina); dies Wort kommt natürlich von erzogen werden (discere), weswegen die Zucht eben auch Wissenschaft genannt werden kann. Dazu wird man in einem Fache erzogen, daß man es kennt. Freilich in einem anderen Sinne pflegt man bei den Übeln, die jemand für seine Sünden erduldet, auf daß er sich bessere, von Zucht zu sprechen. So wird das Wort im Briefe an die Hebräer verwendet: „Wo wäre ein Sohn, dem der Vater keine Zucht angedeihen ließe?“4 Und noch ersichtlicher an der Stelle: „Jede Züchtigung scheint nämlich für den Augenblick nicht Freude, sondern Betrübnis zu bringen, nachher aber gewährt sie denen, die durch sie geübt wurden, die friedenspendende Frucht der Gerechtigkeit.“5 Gott selbst also ist die höchste Weisheit, der Dienst Gottes aber ist die Weisheit des Menschen, von der wir jetzt reden. Denn „die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott“.6 Diese Weisheit also, die Dienst Gottes ist, meint die Heilige Schrift in dem Worte: „Der Weisen Menge ist das Heil des Erdkreises.“7

2. Wenn es aber Sache der Weisen ist, über die Weisheit zu handeln, was sollen wir da tun? Sollen wir den Mut haben, uns zur Weisheit zu bekennen, damit unsere Erörterung über sie nicht ein unverschämtes Beginnen sei? Soll uns nicht das Beispiel des Pythagoras schrecken?Da dieser nicht wagte, sich als Weisen zu bekennen, gab er den Bescheid, er sei eher ein Philosoph, das ist ein Liebhaber der Weisheit. So entstand dieses Wort, und es gefiel dann den Späteren so gut, daß jeder, mochte es ihm oder anderen auch scheinen, daß er sich durch eine noch so bedeutsame Lehre über die zur Weisheit gehörigen Gegenstände auszeichne, nur Philosoph [S. 208] genannt wurde. Oder wagte es deshalb niemand von diesen Menschen, sich als Weisen zu bekennen, weil sie glaubten, daß man nur weise ist, wenn man ohne Sünde ist? Doch dies lehrt unsere Schrift nicht, die da sagt: „Weise zurecht einen Weisen, und er wird dich lieben.“8 Sie urteilt also in der Tat, daß eine Sünde habe, wer nach ihrer Meinung zurechtgewiesen werden muß. Aber ich wage auch so nicht, mich als Weisen zu bekennen. Es genügt mir, daß es, was auch jene nicht leugnen können, daß es Aufgabe des Philosophen, das heißt des Liebhabers der Weisheit ist, über die Weisheit zu handeln. Denn unaufhörlich taten dies, die sich eher als Liebhaber der Weisheit denn als Weise bekennen wollten.

3. Die über die Weisheit handelten, bestimmten aber ihr Wesen mit den Worten: Die Weisheit ist die Wissenschaft von den göttlichen und menschlichen Dingen.9 Deshalb habe auch ich im vorhergehenden Buch nicht unterlassen, zu sagen, daß die Kenntnis beider Arten von Dingen, das heißt der göttlichen und menschlichen, Weisheit und Wissenschaft genannt werden kann.10 Indes nach der Unterscheidung, aus der heraus der Apostel sagt: „Dem einen wird gegeben die Rede der Weisheit, dem anderen die Rede der Wissenschaft,“11 muß man die Wesensbestimmung so verteilen, daß man die Wissenschaft der göttlichen Dinge im eigentlichen Sinne Weisheit nennt, daß jene der menschlichen Dinge aber im eigentlichen Sinne den Namen Wissenschaft bekommt. Darüber habe ich im dreizehnten Buche [S. 209] gehandelt; nicht freilich habe ich dabei alles, was vom Menschen in den menschlichen Dingen gewußt werden kann — es läuft dabei sehr viel überflüssige Eitelkeit und schädliche Neugierde mit —, dieser Wissenschaft zugeteilt, sondern nur jenes, wodurch der heilsame Glaube, der zur wahren Seligkeit führt, erzeugt, genährt, verteidigt, gestärkt wird: Dieser Wissenschaft sind nicht sehr viele Gläubige mächtig, wenngleich sie des Glaubens sehr mächtig sind. Etwas anderes ist es nämlich, nur zu wissen, was der Mensch glauben muß, um das selige Leben zu erlangen, das nur das ewige ist, etwas anderes aber ist es, die Glaubensinhalte zu wissen, wie sie den Frommen dargeboten, gegen die Unfrommen verteidigt werden, was der Apostel im eigentlichen Sinne Wissenschaft zu nennen scheint. Als ich vorher darüber sprach, habe ich mich bemüht, vor allem den Glauben zu empfehlen; indem ich dabei zuvor das Ewige kurz vom Zeitlichen unterschied und dann das Zeitliche erörterte, das Ewige aber für dieses Buch aufschob, habe ich gezeigt, daß zwar auch hinsichtlich der ewigen Dinge ein zeithafter Glaube zeithaft in den Herzen der Glaubenden wohne, daß er jedoch notwendig ist für die Erlangung eben des Ewigen.12 Ebenso habe ich dargelegt, daß der Glaube über die zeitlichen Dinge, die der Ewige für uns tat und erlitt in der Menschengestalt (homine), die er zeithaft trug und in die Ewigkeit mit sich führte, eben zur Erreichung des Ewigen nütze, ebenso daß die Tugenden, durch die man in dieser zeitlichen Sterblichkeit klug, tapfer, maßvoll und gerecht lebt, nur wahre Tugenden sind, wenn sie auf den Glauben, der zwar zeitlich ist, aber doch zum Ewigen hinführt, hingeordnet sind.

1: Ekkli. 24, 5 [= Ekklisiastikus = Sirach]; 1 Kor. 1, 24.
2: Lib. XII c. 14.
3: Job 28, 28.
4: Hebr. 12, 7.
5: Hebr. 12, 11.
6: 1 Kor. 3, 19.
7: Weish. 6, 26.
8: Sprichw. 9, 8.
9: So definierten die Weisheit die Stoiker, z. B. Aëtii plac. I prooem. 2 (vgl. H. Diels, Doxographi graeci, Berolini 1879, 273. Joh. ab Arnim, Stoicorum veterum fragmenta, vol. II, Lipsiae 1903, 15, Nr. 35); ferner Sextus, Adv. math. IX, 13 (Arnim Nr. 36), Seneca, Epist. 89, 5. Cicero, De officiis, l. II c. 2 n. 5. Laktanz zitiert die stoische Meinung und übt Kritik an ihr: De div. instit. l. III n. 13; Epit. instit. n. 26. Siehe Schmaus 286 f.
10: Lib. XIII c. 1; c. 19.
11: 1 Kor. 12, 8.
12: Lib. XIII c. 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger