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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
VIERZEHNTES BUCH. Das Bild Gottes wird im menschlichen Geiste verwirklicht nicht so sehr durch die Erinnerung, Schau und Liebe eines vergänglichen Gegenstandes oder des Geistes selbst als vielmehr durch die Fähigkeit, sich Gottes zu erinnern, ihn zu schauen und zu lieben.

8. Kapitel. Die Dreiheit, die ein Bild der göttlichen Dreieinigkeit ist, ist im Hauptteil des menschlichen Geistes zu suchen.

11. Jetzt sind wir aber bei unseren Erörterungen schon da angelangt, wo wir die Überlegungen über den Hauptteil des menschlichen Geistes, mit dem man Gott erkennt oder erkennen kann, in Angriff nehmen, um in ihm ein Bild Gottes zu finden. Wenngleich nämlich der menschliche Geist nicht von derselben Natur ist wie Gott, so ist doch das Bild jener Natur, die besser ist als jede andere, dort in uns zu suchen und zu finden, wo auch das Beste ist, das unsere Natur hat. Zuvörderst aber ist der Geist in seinem eigenen Bestände, bevor er Gottes teilhaftig ist, zu betrachten, und so in ihm Gottes Bild zu entdecken. Wir sagten ja schon, daß er auch nach dem Verluste der Teilnahme an Gott ein zwar abgebrauchtes und entstelltes, aber eben doch ein Bild Gottes bleibt.1 Eben dadurch ist er ja Bild Gottes, daß er aufnahmefähig ist für Gott und seiner teilhaftig werden kann. Ein so großes Gut kann er nur dadurch, daß er sein Bild ist, verwirklichen. Siehe nun, der Geist erinnert sich seiner, sieht sich ein, liebt sich. Wenn wir das schauen, schauen wir eine Dreiheit, noch nicht zwar Gott, aber doch schon Gottes Bild. Nicht draußen empfing das Gedächtnis, was es festhalten kann, nicht draußen fand die Einsicht, was sie anblicken kann, wie das Auge des Leibes; nicht einte diese beiden der Wille draußen wie die Form des Körpers und die in der Sehkraft des Schauenden hiervon gebildete Form; nicht hat das Denken das Bild des Gegenstandes, der draußen [S. 224] gesehen wurde, gewissermaßen erbeutet und im Gedächtais geborgen und nun, als es sich ihm zuwandte, wieder gefunden, so daß das Auge des sich Erinnernden hiervon geformt wurde, indem der Wille als drittes beide einte. Wir zeigten, daß es so bei jenen Dreiheiten geht, die sich in den körperlichen Dingen fanden oder von den Körpern her durch den Leibessinn gleichsam nach innen geschleppt wurden — über all dies haben wir im elften Buche gehandelt.2 Es ist auch nicht so, wie es sich begab oder zu sein schien, als wir jene schon in den Werken des inneren Menschen sich vollziehende Wissenschaft besprachen, die von der Weisheit zu unterscheiden ist — was man durch die Wissenschaft erkennt, ist wie ein Ankömmling in der Seele, mag es in geschichtlicher Erkenntnis dort eingetreten sein, wie Geschehnisse und Worte, die sich in der Zeit ereignen und vorübergehen, oder wie Dinge, die in der Natur an ihrem Orte und in ihrem Räume stehen, mag im Menschen selbst, was nicht war, entstehen, entweder auf Belehrung durch andere hin oder durch eigenes Nachdenken wie der Glaube, auf den wir ganz eingehend im dreizehnten Buche3 hinwiesen, oder wie die Tugenden, durch die man, wenn sie echt sind, in dieser Sterblichkeit deshalb gut lebt, damit man in jener Unsterblichkeit, die von Gott verheißen ist, selig lebt. Dies und Derartiges hat in der Zeit seinen ordnungsgemäßen Verlauf, und darin ergab sich uns leichter die Dreiheit von Gedächtnis, Schau und Liebe. Manches hiervon geht nämlich der Erkenntnis der Lernenden voraus. Es gibt ja Dinge, die erkennbar sind, auch bevor man sie erkennt, und die ihre Erkenntnis im Lernenden erzeugen. Es sind Dinge, die entweder an einem bestimmten Orte sind oder in der Zeit vergingen — was freilich vergangen ist, besteht nicht mehr in seinem eigenen Sein weiter, sondern in gewissen Zeichen des Vergangenen, die man schaut und hört und durch die man so erkennt, [S. 225] was war und vorüberging. Diese Zeichen finden sich entweder an bestimmten Orten, wie die Grabmäler der Toten oder Ähnliches, oder in glaubwürdigen Schriften, wie sie jede ernsthafte und durch das Gewicht ihrer Stimme Zustimmung heischende Geschichtschreibung darstellt, oder in den Herzen jener, die das Vergangene noch kennen. Was nämlich einmal jemandem bekannt ist, das ist sicherlich auch anderen erkennbar — es hat schon vor ihrem wissenschaftlichen Erkennen Bestand gehabt und kann von ihnen durch die Belehrung derer, denen es bekannt ist, erfahren werden. All dies verwirklicht, wenn es gelehrt wird, eine Art Dreiheit, durch seine Gestalt nämlich, die erkennbar war, auch bevor sie erkannt wurde, ferner durch die zu ihr hinzukommende Erkenntnis des Lernenden, die dann zu sein beginnt, wenn man lernt, und durch den Willen als dritte Wirklichkeit, die beides eint. Wenn diese Dinge einmal erkannt werden, dann entsteht, da man sich an sie erinnert, eine andere Dreiheit schon weiter drinnen in der Seele, bestehend aus jenen Bildern, die sich, als man lernte, dem Gedächtnis einprägten, ferner aus der Formung des Denkens, da sich der Blick des sich Erinnernden dem Gedächtnisinhalt zuwendet, und dem Willen, der als drittes die beiden eint. Das aber, was in der Seele, wo es nicht war, entsteht, wie der Glaube und sonstiges Derartiges, erscheint auch wie ein Ankömmling, da es durch Belehrung eingepflanzt wird; aber es ist doch nicht draußen gewesen oder draußen vollzogen worden wie das, was man glaubt, sondern ganz und gar drinnen in der Seele beginnt es zu sein. Der Glaube ist hier nicht der Inhalt, der geglaubt wird, sondern der Vorgang, in dem geglaubt wird; der Inhalt ist Gegenstand des Glaubens; der Vorgang ist das, was man sieht. Weil der Glaube jedoch in der Seele zu sein beginnt, die schon Seele war, bevor jene Vorgänge in ihr zu sein begannen, scheint er etwas Ankömmlinghaftes zu sein. Er wird einmal zum [S. 226] Vergangenen gerechnet werden, weil er, wenn die Schau der unverbauten Gestalt eintritt, zu sein aufhören wird; so verwirklicht er jetzt eine andere Dreiheit durch seine Gegenwart, indem er gedächtnismäßig behalten, geschaut und geliebt wird; eine andere wird er dann durch eine Art Spur von sich verwirklichen, die er im Vorübergehen im Gedächtnis zurückläßt, wie oben schon gesagt wurde.4

1: Lib. XIV c. 4.
2: Lib. XI c. 2 ff.
3: Lib. XIII c. 2; c. 20.
4: Lib. XIV c. 2 und 3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger