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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
VIERZEHNTES BUCH. Das Bild Gottes wird im menschlichen Geiste verwirklicht nicht so sehr durch die Erinnerung, Schau und Liebe eines vergänglichen Gegenstandes oder des Geistes selbst als vielmehr durch die Fähigkeit, sich Gottes zu erinnern, ihn zu schauen und zu lieben.

19. Kapitel. Das Johanneswort von unserer Ähnlichkeit mit Gott muß man eher von unserem Geiste verstehen.

25. Von jenem Bilde aber, von dem es heißt: „Lasset uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis,“1 glauben wir, daß der Mensch, weil es nicht heißt: nach meinem oder deinem Bilde, nach dem Bilde der Dreieinigkeit geschaffen wurde, und so gut wir können, wollen wir dies durch Nachsinnen begreifen. Und so ist richtiger in Übereinstimmung damit auch das Johanneswort zu verstehen: „Wir werden ihm ähnlich sein, weil wir ihn sehen werden, wie er ist.“2 Er sagte dies von dem gleichen Sachverhalt, den er mit dem Worte meinte; „Wir sind Söhne Gottes.“3 Die Unsterblichkeit des Fleisches wird in jenem Augenblick vollendet [S. 247] sein, von dem der Apostel Paulus sagt: „In einem Augenblicke, beim letzten Posaunenschall werden auch die Toten auferstehen in Unverweslichkeit, und wir werden verwandelt werden.“4 Im Augenblicke nämlich unmittelbar vor dem Gerichte wird auferstehen in Kraft, Unverweslichkeit, Herrlichkeit der geistige Leib, der jetzt als tierischer Leib gesät wird in Schwachheit, Ver-weslichkeit und Unehre. Das Bild aber, das im Geiste unseres Denkens in der Erkenntnis Gottes von Tag zu Tag erneuert wird, nicht draußen, sondern drinnen, wird vollendet werden in der Schau, die dann nach dem Gerichte von Angesicht zu Angesicht sich verwirklicht, jetzt aber voranschreitet durch Spiegel und Rätselbilder. Von diesem Vollendungszustande ist das Wort zu verstehen: „Wir werden ihm ähnlich sein, weil wir ihn sehen werden, wie er ist.“5 Dies Geschenk nämlich wird uns dann gegeben werden, wenn das Wort gesprochen sein wird: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, und nehmet in Besitz das Reich, das euch bereitet ist.“6 Dann wird der Gottlose hinweggenommen werden, daß er nicht sieht die Herrlichkeit des Herrn, wenn die zur Linken eingehen werden in die ewige Pein, die zur Rechten in das ewige Leben. „Das aber ist“, wie die Wahrheit sagt, „das ewige Leben, daß sie dich erkennen, den einen wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus.“7

26. Auf diese beschauende Weisheit, die, wie ich glaube, in den heiligen Schriften von der Wissenschaft unterschieden und im eigentlichen Sinne Weisheit genannt wird, natürlich Weisheit des Menschen — er kann sie freilich nur von jenem haben, an dem der Verstandes- und vernunftbegabte Geist Anteilnahme gewinnen kann, um so wahrhaft weise zu werden —, weist Cicero am Ende seines Zwiegesprächs Hortensius mit den Worten hin; „Wenn wir dies Tag und Nacht überdenken und unsere Einsicht, welche die Schärfe des [S. 248] Geistes ist, schärfen und uns davor hüten, daß sie stumpf werde, das heißt, wenn wir als Philosophen leben, dann haben wir große Hoffnung, daß uns, wenn unsere Meinungen und Anschauungen sterblich und vergänglich sind, nach der Erfüllung unserer menschlichen Aufgaben ein willkommener Untergang bevorsteht, nicht ein schmerzliches Erlöschen, sondern gleichsam das Ausruhen vom Leben. Wenn wir aber, wie die alten Philosophen, und zwar gerade die größten und weitaus berühmtesten glaubten, unsterbliche und göttliche Seelen haben, dann muß man annehmen, daß diesen, je mehr sie immer in ihrer Bahn waren, das heißt im vernünftigen Überlegen und im Verlangen nach Forschung, und je weniger sie sich in die Fehler und Irrtümer der Menschen verstrickten und verwickelten, um so leichter der Aufstieg und die Rückkehr in den Himmel sein werde.“8 Schließlich fügte er, die ganze Abhandlung zusammenfassend und beendigend, diesen kurzen Schluß hinzu: „Deshalb müssen wir, um meine Darlegungen einmal zu schließen, ob wir nun ruhig verlöschen wollen, wenn wir in diesem Getriebe gelebt haben, oder ob wir aus diesem in ein anderes vielleicht besseres Haus ungesäumt ausziehen wollen, auf solche Bemühungen unsere ganze Arbeit und Sorge verwenden.“ Hier wundere ich mich, daß ein Mann von solcher Begabung den Menschen, die mit der Philosophie ihr Leben verbringen, die doch durch die Schau der Wahrheit selig macht, nach der Erfüllung der irdischen Aufgaben einen willkommenen Untergang verheißt, wenn unsere Meinungen und Anschauungen sterblich und vergänglich sind, als ob dabei das sterben und untergehen würde, was wir nicht liebten, sondern schrecklich haßten, so daß uns sein Untergang willkommen ist. Indes dies hatte er nicht von den Philosophen gelernt, die er mit so großer Auszeichnung nennt; diese Anschauung riecht vielmehr nach jener neuen Akademie, in der man sich [S. 249] gefiel, auch die offenkundigsten Dinge zu bezweifeln. Von den größten und berühmtesten Philosophen aber hatte er, wie er selbst gesteht, gelernt, daß unsere Seelen ewig seien. Die ewigen Seelen freilich werden durch diese Ermahnung nicht unpassenderweise aufgeweckt, daß sie sich in ihrer Bahn finden lassen sollen, wenn das Ende dieses Lebens kommt, das heißt auf den Wegen des Verstandes und des Verlangens nach Forschung, und sich weniger verstricken und verwickeln in die Fehler und Irrtümer der Menschen, damit ihnen die Rückkehr zu Gott leichter fällt. Diese Bahn aber, die in der Liebe und dem Aufspüren der Wahrheit besteht, genügt nicht für die Elenden, das heißt für alle Sterblichen, die sich ohne Glauben an den Mittler allein auf ihren Verstand stellen. Das habe ich in den vorhergehenden Büchern dieses Werkes, vor allem im vierten und dreizehnten, so gut ich konnte, zu beweisen mich bemüht.

1: Gen. 1, 26.
2: 1 Joh. 3, 2.
3: 1 Joh. 3, 2.
4: 1 Kor. 15, 52.
5: 1 Joh. 3, 2.
6: Matth. 25, 34.
7: Joh. 17, 3.
8: Vgl. S. 170, Anm. 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger