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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
VIERZEHNTES BUCH. Das Bild Gottes wird im menschlichen Geiste verwirklicht nicht so sehr durch die Erinnerung, Schau und Liebe eines vergänglichen Gegenstandes oder des Geistes selbst als vielmehr durch die Fähigkeit, sich Gottes zu erinnern, ihn zu schauen und zu lieben.

12. Kapitel. Die Dreiheit im Geiste ist dadurch Bild Gottes, daß sich der Geist Gottes erinnert, ihn einsieht und liebt.

15. Diese Dreiheit des Geistes ist also nicht deshalb Bild Gottes, weil der Geist sich seiner erinnert, sich einsieht und liebt, sondern weil er sich auch in das Gedächtnis rufen, einsehen und lieben kann den, von dem er geschaffen ist« Wenn er dies tut, wird er weise. Tut er es nicht, dann ist er, auch wenn er sich seiner erinnert, sich einsieht und liebt, töricht. Er möge sich daher seines Gottes, nach dessen Bild er geschaffen ist, erinnern, ihn einsehen und lieben. Um es kürzer zu sagen: Er möge Gott verehren, der nicht geschaffen ist, von dem er jedoch so geschaffen wurde, daß er aufnahmefähig ist für ihn und seiner teilhaftig werden kann, weshalb geschrieben steht: „Siehe, der Dienst Gottes ist Weisheit.“1 Nicht durch sein Licht, sondern durch Teilnahme an jenem höchsten Lichte wird der Geist weise sein, und wo das ewige Licht ist, wird er in Seligkeit herrschen. So nämlich heißt diese Weisheit des Menschen Weisheit, daß sie zugleich Gottes Weisheit ist. Dann nämlich ist sie wahre Weisheit. Wenn sie bloß menschliche Weisheit ist, ist sie eitel. Indes nicht so ist sie Gottes Weisheit, daß Gott durch sie weise ist. Nicht ist ja Gott durch Teilnahme an seiner eigenen Weisheit weise, wie der Geist durch Teilnahme an Gott. Wie vielmehr auch Gerechtigkeit Gottes heißt nicht bloß jene Gerechtigkeit, durch die er selbst gerecht ist, sondern auch jene, die er dem Menschen gibt, wenn er [S. 232] den Gottlosen rechtfertigt — der Apostel weist auf sie hin, wenn er von gewissen Menschen sagt: „Indem sie nämlich die Gerechtigkeit Gottes nicht kannten und ihre Gerechtigkeit aufrichten wollten, haben sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen,“2 — so kann man von manchen auch sagen: Indem sie die Weisheit Gottes nicht kannten und die ihrige aufrichten wollten, haben sie sich der Weisheit Gottes nicht unterworfen.

16. Die nicht geschaffene Natur also, die alle übrigen Naturen, die großen und die kleinen, schafft, überragt ohne Zweifel jene Natur, die sie schafft, und deshalb auch jene, über die wir sprachen, die Verstandes- und vernunftbegabte, welche der menschliche Geist ist, der nach dem Bilde seines Schöpfers geschaffen ist. Die Natur aber, welche die übrigen überragt, ist Gott. Er „ist nicht weit von einem jeden von uns“, wie der Apostel sagt; er fügt hinzu: „In ihm nämlich leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“3 Würde er das von unserem Leibe meinen, dann könnte es auch von dieser körperlichen Welt verstanden werden. Hinsichtlich unseres Leibes gilt ja auch von ihr, daß wir in ihr leben, uns bewegen und sind. Daher muß es vom Geiste, der nach seinem Bilde geschaffen ist, verstanden werden, und zwar auf eine erhabenere und zugleich unsichtbare, geistige Weise. Denn was wäre nicht in ihm, von dem das göttliche Schriftwort gilt: „Denn aus ihm, durch ihn und in ihm ist alles.“4 Wenn sonach alles in ihm ist, worin anders sollte denn da leben, was lebt, sich bewegen, was sich bewegt, als in ihm, in dem es ist? Nicht jedoch ist alles bei ihm auf jene Weise, die in dem an ihn gerichteten Worte gemeint ist: „Ich werde immer bei dir sein.“5 Auch er selbst ist nicht mit allen auf jene Weise, die wir mit dem Worte meinen: Der Herr sei mit dir. Ein großes Elend ist es also für den Menschen, nicht bei dem zu sein, ohne den er nicht sein kann. Ohne Zweifel ist er nämlich nicht ohne den, in [S. 233] dem er ist, und doch ist er, wenn er sich seiner nicht erinnert, ihn nicht einsieht, ihn nicht liebt, nicht bei ihm. Was man aber vollständig vergißt, daran kann man sicherlich auch nicht erinnert werden.

1: Job 28, 28.
2: Röm. 10, 3.
3: Apg. 17, 27 f.
4: Röm. 11, 36.
5: Ps. 72, 23 [hebr. Ps. 73, 23].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger