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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

DREIZEHNTES BUCH. Nochmals der Unterschied von Weisheit und Wissenschaft. Zum Bereiche der Wissenschaft gehört der Glaube an das Erlösungswerk Christi, durch den wir zur wahren Glückseligkeit gelangen. Im geistigen Besitz des Glaubens läßt sich eine Dreiheit feststellen.

1. Kapitel. Erörterung und Veranschaulichung des Unterschieds zwischen Weisheit und Wissenschaft durch Beispiele aus der Schrift.

[S. 158] 1. Im vorhergehenden zwölften Buche dieses Werkes haben wir uns hinlänglich bemüht, den Aufgabenkreis des verstandesbegabten Geistes innerhalb der zeitlichen Dinge, bei denen nicht nur unser Erkennen verweilt, sondern auch unser Tun, zu unterscheiden von jenem erhabeneren Aufgabenkreis des gleichen Geistes, welchen er durch die Bemühung um die Beschauung der ewigen Dinge erfüllt und der sein Endziel in der Erkenntnis allein hat. Ich halte es aber für ein passenderes Vorgehen, daß ich aus den heiligen Schriften selbst etwas einschalte, wodurch beides besser auseinandergehalten werden kann.

2. Der Evangelist Johannes begann sein Evangelium so:1 „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort; dies war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe geworden, und ohne es ist nichts geworden, was geworden ist; in ihm war [S. 159] das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen, und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt. Es war ein Mensch von Gott gesandt, der Johannes hieß. Dieser kam zum Zeugnis, auf daß er Zeugnis gebe vom Lichte, daß alle durch ihn glaubten. Er war nicht das Licht, sondern er sollte Zeugnis geben vom Lichte. Es war das wahre Licht, welches jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, und die Welt hat ihn nicht erkannt. Er kam in sein Eigentum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blute, nicht aus Fleischeswillen, nicht aus dem Manneswollen, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, eine Herrlichkeit wie des Eingeborenen vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ Dieser ganze Text, den ich aus dem Evangelium hierher setzte, hat es in seinem ersten Teil mit dem Unwandelbaren und Immerwährenden zu tun, dessen Beschauung uns selig macht. Im folgenden Teil indes wird vom Ewigen gesprochen in Verbindung mit dem Zeitlichen. Und deshalb gehört hier manches zur Wissenschaft, manches zur Weisheit, wie unsere vorausgehende Unterscheidung im zwölften Buche dartut. Die Worte nämlich: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort; dies war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe geworden, und ohne es ist nichts geworden; was geworden ist, war Leben in ihm,2 und das Leben war das Licht der Menschen, und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt“,3 verlangen ein beschauliches Leben und lassen sich nur mit dem beschauenden Geiste sehen. Je [S. 160] weiter jemand hierin voranschreitet, um so weiser wird er ohne jeden Zweifel. Wegen des Wortes aber: „Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt“,4 ist sicherlich der Glaube nötig, damit geglaubt wird, was man nicht sieht. Unter der Finsternis wollte er ja die von diesem Lichte abgewandten und für seine Schau weniger befähigten Herzen der Sterblichen verstanden wissen. Deshalb fügt er das Wort hinzu: „Es war ein Mensch von Gott gesandt, der Johannes hieß. Dieser kam zum Zeugnis, auf daß er Zeugnis gebe vom Lichte, daß alle an ihn glaubten.“5 Das nun ist schon ein zeithaftes Geschehnis und gehört zur Wissenschaft, die in geschichtlicher Erkenntnis besteht. Den Menschen Johannes aber stellen wir uns in einem Bilde der Einbildungskraft vor, welches sich von der Kenntnis der menschlichen Natur her unserem Gedächtnis einprägte. Dabei haben dieselbe Vorstellung jene, welche an diese Worte glauben, und jene, welche nicht daran glauben. Beiden ist nämlich bekannt, was ein Mensch ist, dessen äußeren Teil, das heißt dessen Leib sie durch das Licht des Leibes erfahren haben, dessen inneren Teil aber, das heißt dessen Seele, sie in sich selbst, weil ja auch sie Menschen sind, und durch den Verkehr mit Menschen erkannt haben und kennen, so daß sie sich die Aussage: „Es war ein Mensch, der Johannes hieß“ vorstellen können — sie kennen ja auch Namen, vom Sprechen und Hören her. Wenn aber dort steht: „von Gott gesandt“, so halten es die, die es festhalten, im Glauben fest, und die es nicht im Glauben festhalten, schwanken im Zweifel hin und her oder verlachen es in Unglauben. Beide aber denken, wenn sie nicht zur Zahl der allzu großen Toren gehören, die in ihrem Herzen sprechen: „Es ist kein Gott“,6 beide denken, sobald sie diese Worte hören, beides, nämlich sowohl was Gott ist, wie auch, was es heißt, von ihm gesandt zu werden, [S. 161] wenn vielleicht auch nicht so, wie sich die Wirklichkeit verhält, so doch sicher so, wie sie es vermögen.

3. Den Glauben selber aber, den jeder in seinem Herzen sieht, wenn er glaubt, oder nicht dort sieht, wenn er nicht glaubt, kennen wir in anderer Weise, nicht wie die Körper, die wir mit den Leibesaugen sehen, und nicht durch deren Bilder, die wir im Gedächtnis besitzen, auch wenn wir an die Körper selbst in ihrer Abwesenheit denken, auch nicht wie das, was wir nicht gesehen haben und aus dem, was wir sahen, irgendwie im Denken formen und dem Gedächtnis anvertrauen — zu diesem Gedächtnisbesitz können wir, wenn wir wollen, wieder zurückkehren, auf daß wir diese Dinge oder vielmehr ihre Bilder, die wir dort befestigen, mögen sie sein wie immer, in der Erinnerung in ähnlicher Weise wieder schauen —, auch nicht wie einen lebenden Menschen, dessen Seele wir zwar nicht sehen, aber aus der unsrigen erschließen; auf Grund körperlicher Bewegungen schauen wir ja einen lebenden Menschen, wie wir ihn sehend erfahren haben, auch im Denken. Nicht so wird der Glaube im Herzen, in dem er ist, gesehen von dem, dem er gehört; ihn hält vielmehr das sicherste Wissen fest, ihn bezeugt laut das Gewissen. Da wir also deshalb geheißen werden zu glauben, weil wir das, was wir zu glauben geheißen werden, nicht sehen können, so können wir doch den Glauben selbst, wenn er in uns ist, in uns sehen, weil ja auch der Glaube an abwesende Dinge anwesend ist, weil der Glaube an Dinge, die draußen sind, drinnen ist, der Glaube an Dinge, die nicht gesehen werden, gesehen wird, und doch entsteht er in der Zeit in den Herzen der Menschen; und wenn aus Gläubigen Ungläubige werden, dann geht er ihnen verloren. Manchmal aber wird auch falschen Dingen Glaube entgegengebracht. Wir sagen ja auch: Es wurde ihm Glaube geschenkt, und er hat enttäuscht. Dieser Glaube geht, wenn er überhaupt Glaube genannt werden kann, ohne Schuld in den Herzen verloren, wenn [S. 162] ihn die aufgefundene Wahrheit vertreibt. Wünschenswert aber ist es, daß der Glaube an wahre Dinge zu diesen selbst weiterschreitet. Man kann nämlich nicht sagen, daß der Glaube verlorengeht, wenn das, was geglaubt wird, geschaut wird. Freilich wie kann man da noch vom Glauben sprechen, wo doch im Briefe an die Hebräer der Glaube bestimmt wurde und von ihm gesagt wurde, daß er die Überzeugung von den Dingen ist, die man nicht sieht?7

4. Was dann folgt: „Er kam zum Zeugnis, auf daß er Zeugnis gebe vom Lichte, daß alle durch ihn glaubten“,8 ist, wie wir sagten, ein zeithaftes Geschehnis. In der Zeit nämlich wird Zeugnis gegeben, auch wenn es gegeben wird über ein immerwährendes Ding, wie es das geistige Licht ist. Um von ihm Zeugnis zu geben, kam Johannes, der „nicht das Licht war, sondern Zeugnis geben sollte vom Lichte“.9 Die Schrift fügt nämlich hinzu: „Es war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, und die Welt hat ihn nicht erkannt. Er kam in sein Eigentum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.“10 Alle diese Worte verstehen jene, die Lateinisch können, von den Dingen her, die sie kennen. Einige hiervon sind uns bekannt geworden durch die Leibessinne, wie zum Beispiel der Mensch, wie die Welt, deren offensichtliche Größe wir sehen, wie die Lautklänge eben dieser Worte. Denn auch das Gehör ist ein Leibessinn. Anderes aber ist bekannt geworden durch den Verstand der Seele, wie der Satz: „Sie nahmen ihn nicht auf.“ Mit keinem Leibessinn nämlich versteht man, was es heißt: Sie glaubten nicht an ihn, sondern wir erkennen es mit dem Verstande der Seele. Auch die Bedeutung der Worte, nicht bloß ihren Lautklang haben wir teils durch den Leibessinn, teils durch den Verstand der Seele erfahren. Nicht haben wir ja diese Worte jetzt zum erstenmal gehört; wir hörten [S. 163] vielmehr, was wir schon gehört hatten, und nicht nur die Lautklänge, sondern auch deren Bedeutung hielten wir als Erkenntnisbesitz im Gedächtnis fest und haben sie hier wieder erkannt. Wenn nämlich das einsilbige Wort „Welt“ ausgesprochen wird, dann ist uns das körperliche Ding, weil es eben ein Lautklang ist, naturgemäß durch den Leib bekannt geworden, das heißt durch das Ohr; aber auch das, was es bedeutet, ist uns durch den Leib bekannt geworden, das heißt durch die Leibesaugen. Die Welt ist ja, soweit sie bekannt ist, durch das Sehen bekannt. Der dreisilbige Ausdruck hingegen „sie glaubten“ dringt in seinem Lautklang, weil dieser eine körperliche Wirklichkeit ist, durch das Ohr des Fleisches ein; seine Bedeutung aber wird durch keinen Leibessinn, sondern durch den Verstand der Seele erkannt. Würden wir nämlich die Bedeutung der Aussage „sie glaubten“ nicht durch die Seele erkennen, dann würden wir es nicht zum Verstehen bringen, was jene nicht taten, von denen es heißt: „Und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.“ Der Lautklang also des Wortes schlägt von außen an das Ohr des Leibes und berührt den Sinn, der Gehör heißt. Auch die Gestalt des Menschen ist uns in uns selbst bekannt und ist draußen den verschiedenen Leibessinnen gegenwärtig: den Augen, wenn sie gesehen wird, den Ohren, wenn sie gehört wird, dem Tastsinn, wenn sie festgehalten und berührt wird. Sie hat auch in unserem Gedächtnis ihr Bild, ein unkörperliches freilich, aber doch ein dem Körper ähnliches. Endlich ist auch die wunderbare Schönheit der Welt draußen gegenwärtig sowohl unseren Blicken als auch dem sogenannten Tastsinn, wenn wir etwas von ihr berühren. Auch sie hat drinnen in unserem Gedächtnis ihr Bild, zu dem wir hineilen können, wenn wir die Welt, in Mauern eingesperrt oder auch im Dunkeln, denken. Aber von diesen Bildern körperlicher Dinge, die zwar unkörperlich sind, aber doch eine Ähnlichkeit mit den Körpern haben und zum Leben des äußeren [S. 164] Menschen gehören, haben wir schon hinreichend im elften Buche11 gesprochen. Jetzt aber handeln wir vom inneren Menschen und seinem Wissen, von jenem, das sich auf die zeitlichen und wandelbaren Dinge bezieht. Wenn in den Bereich seiner Aufmerksamkeit auch etwas von den Dingen aufgenommen wird, die zum äußeren Menschen gehören, dann muß es zu dem Zwecke aufgenommen werden, daß man hieraus eine Belehrung empfange, welche dem Verstandeswissen dient; und so gehört der vom Verstande geleitete Gebrauch der Dinge, die wir mit den vernunftlosen Lebewesen gemeinsam haben, zum inneren Menschen, und man kann nicht mit Recht sagen, daß er uns mit den vernunftlosen Lebewesen gemeinsam sei.

1: Joh. 1, 1—14.
2: So ist hier in der Migne-Ausgabe interpunktiert.
3: Joh. 1. 1—5.
4: Joh. 1, 5.
5: Joh. 1, 6 f.
6: Ps. 13, 1 [hebr. Ps. 14, 1].
7: Hebr. 11, 1.
8: Joh. 1, 7.
9: Joh. 1, 8.
10: Joh. 1, 9―11.
11: S. 103 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger