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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
DREIZEHNTES BUCH. Nochmals der Unterschied von Weisheit und Wissenschaft. Zum Bereiche der Wissenschaft gehört der Glaube an das Erlösungswerk Christi, durch den wir zur wahren Glückseligkeit gelangen. Im geistigen Besitz des Glaubens läßt sich eine Dreiheit feststellen.

19. Kapitel. Was am menschgewordenen Worte zur Weisheit, was zur Wissenschaft gehört.

24. Das alles aber, was das Fleisch gewordene Wort in Zeit und Raum für uns tat und ertrug, gehört nach der Unterscheidung, die aufzuzeigen wir unternommen haben, zur Wissenschaft, nicht zur Weisheit. Weil aber das Wort zeitlos und raumlos ist, ist es so ewig wie der Vater und überall ganz. Wenn hierüber jemand, so gut er es vermag, eine wahre Rede vorbringen kann, so wird es eine Rede der Weisheit sein. Und deshalb besitzt das Fleisch gewordene Wort, das Christus Jesus ist, die Schätze der Weisheit und Wissenschaft. In seinem Schreiben an die Kolosser sagt nämlich der Apostel: „Ich will euch wissen lassen, wie sehr ich um euch und um die Laodizeer und überhaupt um alle, die mich [S. 200] persönlich nicht kennen, besorgt bin. In ihrem Herzen gestärkt und in Liebe vereint, sollen sie zur ganzen reichen Fülle der Einsicht gelangen, zur Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, das Christus Jesus ist, in dem alle Schätze der Weisheit und Wissenschaft verborgen sind.“1 Wie weit der Apostel diese Schätze kannte, wieviel er von ihnen durchdrungen hatte, wie weit er in ihnen gelangt war, wer kann das wissen? Gemäß dem Schriftwort jedoch: „Einem jeden von uns aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben, dem einen wird durch den Geist die Rede der Weisheit gegeben, dem anderen die Rede der Wissenschaft gemäß dem gleichen Geiste,“2 kann ich, wenn die beiden sich in der angegebenen Weise unterscheiden, daß nämlich die Weisheit den göttlichen, die Wissenschaft den menschlichen Dingen zuzuweisen ist, beides in Christus feststellen und mit mir jeder an ihn Glaubende. Wenn ich lese: ,,Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“,3 dann verstehe ich unter „Wort“ den wahren Sohn Gottes, im „Fleisch“ sehe ich den wahren Menschensohn, und beides zusammen wurde zur einen Person Gottes und des Menschen in unsagbarem Gnadengeschenk verbunden. Deshalb fährt die Schrift fort: „Und wir sahen seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“4 Wenn wir die Gnade auf die Wissenschaft beziehen, die Wahrheit auf die Weisheit, dann weichen wir, wie ich glaube, von der vorhin angegebenen Unterscheidung der beiden Wirklichkeiten nicht ab. In den in der Zeit entstandenen Dingen ist nämlich die höchste Gnade die, daß der Mensch in der Einheit der Person mit Gott verbunden wurde, in den ewigen Dingen hingegen wird die höchste Wahrheit mit Recht dem Worte Gottes zugeteilt. Daß hingegen eben derselbe zugleich der Eingeborene vom Vater ist, voll Gnade und Wahrheit, das [S. 201] ist deshalb geschehen, damit eben derselbe in den Dingen existiere, die in der Zeit für uns geschahen, und wir für ihn durch den gleichen Glauben gereinigt werden, damit wir ihn stetig in den ewigen Dingen schauen. Jene heidnischen Hauptphilosophen aber haben zwar das Unsichtbare an Gott durch das, was geschaffen ist, in geistiger Einsicht zu schauen5 vermocht; sie hielten jedoch, weil sie ohne Mittler, das heißt ohne den Menschen Christus philosophierten, dessen künftiges Kommen sie nicht den Propheten, dessen eingetretenes Kommen sie nicht den Aposteln glaubten, die Wahrheit, wie es in der Schrift heißt, in Ungerechtigkeit nieder.6 Sie konnten nämlich, auf der untersten Stufe dieser Dinge stehend, nichts anderes, als einige Mittelstufen suchen, durch die sie zu dem, was sie als das Höhere erkannt hatten, gelangten, und so verfielen sie trügerischen Dämonen, durch die sie dazu gebracht wurden, die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes zu vertauschen mit den Abbildern von vergänglichen Menschen, von Vögeln, vierfüßigen und kriechenden Tieren.7 In solchen Formen haben sie sich nämlich auch Götterbilder geschaffen oder verehrt. Unsere Wissenschaft also ist Christus, unsere Weisheit ist ebenfalls der gleiche Christus. Er pflanzt uns den Glauben hinsichtlich der zeitlichen Dinge ein, er bietet uns die Wahrheit über die ewigen dar. Durch ihn schreiten wir hindurch zu ihm, durch die Wissenschaft trachten wir nach der Weisheit; nicht jedoch entfernen wir uns dabei von dem einen und selben Christus, „in dem alle Schätze der Weisheit und Wissenschaft verborgen sind.“8 Jetzt aber sprechen wir über die Wissenschaft, hernach werden wir, soweit er selbst es uns gewährt, über die Weisheit sprechen. Nicht wollen wir die zwei so verstehen, als ob es nicht erlaubt wäre, [S. 202] bei den menschlichen Dingen von Weisheit, bei den göttlichen von Wissenschaft zu reden. In einem weiteren Sprachgebrauch kann man ja beide Male von Weisheit, beide Male von Wissenschaft sprechen. Auf keinen Fall jedoch würde es beim Apostel heißen: „Dem einen wird gegeben die Rede der Weisheit, dem anderen die Rede der Wissenschaft“,9 wenn die beiden nicht auch gemäß ihrer eigentlichen Sonderbedeutung mit Sondernamen benannt werden sollten. Über ihre Unterscheidung handeln wir jetzt.

1: Kol. 2, 1―3.
2: 1 Kor. 12, 7 f.
3: Joh. 1, 14.
4: Joh. 1, 14.
5: Röm. 1, 20.
6: Röm. 1, 18. Gemeint ist der Neuplatonismus, besonders Porphyrius.
7: Röm. 1, 23.
8: Kol. 2, 3.
9: 1 Kor. 12, 8.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger