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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

NEUNTES BUCH. Das Abbild der Dreieinigkeit im menschlichen Geiste, und zwar in der Dreiheit Geist, Selbsterkenntnis und Selbstliebe.

1. Kapitel. Die Methode der Untersuchung.

[S. 42] 1. Wir suchen also auf jeden Fall die Dreieinigkeit, nicht eine beliebige, sondern jene Dreieinigkeit, die Gott ist, und zwar der wahre und höchste und einzige Gott. Warte also noch zu, wer immer du bist, der du dies hörst! Wir sind nämlich noch beim Suchen, und niemand darf einen, der solches sucht, mit Recht tadeln, wenn er nur von der festen Glaubensgrundlage aus sucht, was zu erkennen oder auszusprechen äußerst schwer ist. Wenn aber jemand anfängt, Behauptungen aufzustellen, so soll ihn schnell und gerecht tadeln, wer immer etwas Besseres sieht oder lehrt. „Suchet“, heißt es, „Gott, und eure Seele wird leben.“1 Und damit niemand sich allzu kühn darüber freut, daß er gleichsam schon ergriffen habe, heißt es; „Suchet sein Antlitz immer!“2 Und der Apostel sagt: „Wenn jemand glaubt, er habe erkannt, dann hat er noch nicht erkannt, wie man erkennen muß. Wer aber Gott liebt, der ist von ihm erkannt.“3 Er sagt also nicht: der hat ihn erkannt, was eine gefährliche Anmaßung wäre, sondern: „der ist von ihm erkannt“. So verbessert er auch anderswo sein Wort: „da ihr Gott erkannt habt“ sogleich in: „Ja vielmehr [S. 43] ihr seid von Gott erkannt.“4 Am meisten trifft das zu an der Stelle: „Brüder, ich halte nicht dafür, daß ich es schon ergriffen habe, eines aber: Was hinter mir liegt, vergesse ich und strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt; ich eile, das Ziel im Auge, dem Siegespreis zu, für den Gott im Himmel mich durch Christus Jesus berufen hat. Alle, die wir vollkommen sind, wollen wir so denken.“5 Vollkommenheit in diesem Leben nennt er nichts anderes als: vergessen, was zurückliegt, und sich nach dem, was vorausliegt, ausstrecken, dem Ziele entgegen. Am sichersten ist nämlich die Ausrichtung des Suchenden nach dem Ziele, bis das ergriffen wird, wohin wir uns richten und wohin wir uns ausrichten. Das aber ist die rechte Ausrichtung nach dem Ziele, welche vom Glauben ausgeht. Der sichere Glaube ist nämlich irgendwie ein Anfang des Erkennens. Die sichere Erkenntnis aber wird erst nach diesem Leben vollendet, wenn wir schauen von Angesicht zu Angesicht.6 So also wollen wir denken, auf daß wir erkennen, daß sicherer ist die Neigung, die Wahrheit zu suchen, als das Unerkannte für Erkanntes vorwegzunehmen. So also wollen wir suchen: als solche, die finden werden, und so wollen wir finden; als solche, die suchen werden. „Wenn“ nämlich „der Mensch vollendet hat, dann beginnt er“.7 Über das, was zu glauben ist, wollen wir in keinerlei Unglauben zweifeln; über das, was einzusehen ist, in keinerlei Verwegenheit Behauptungen aufstellen. In jenem muß man sich an die Autorität halten, in diesem muß man die Wahrheit herausbringen. Was also unsere Frage betrifft, so wollen wir glauben, daß der Vater, Sohn und Heilige Geist der eine Gott ist, der Schöpfer und Lenker des geschaffenen Alls, daß der Vater nicht der Sohn ist, und daß der Heilige Geist nicht der Vater oder der Sohn ist, sondern daß es ist die Dreieinigkeit der aufeinander bezogenen Personen und die Einheit des gleichen Wesens. Das also wollen [S. 44] wir einzusehen suchen, indem wir von jenem, den wir einsehen wollen, Hilfe erflehen, und indem wir, was wir einsehen, soweit er es gewährt, mit solcher Sorgfalt und frommer Gewissenhaftigkeit zu erklären trachten, daß wir, auch wenn wir manches verwechseln, doch nichts Unwürdiges sagen. Wenn wir zum Beispiel vom Vater aussagen, was nicht dem Vater als Eigentümlichkeit zukommt, so soll es doch dem Sohne oder Heiligen Geiste oder der Dreieinigkeit zukommen. Oder wenn wir vom Sohne etwas aussagen, was für den Sohn als Eigentümlichkeit nicht paßt, dann soll es wenigstens für den Vater oder den Heiligen Geist oder die Dreieinigkeit passen. Ebenso soll, wenn wir vom Heiligen Geiste etwas aussagen, was für die Eigentümlichkeit des Heiligen Geistes sich nicht gehört, doch dem Vater oder dem Sohne oder dem einen Gott, eben der Dreieinigkeit, nicht fremd sein. So verlangen wir etwa jetzt zu sehen, ob jene über alles erhabene Liebe im eigentlichen Sinne der Heilige Geist sei; wenn das nicht zutrifft, ob dann der Vater die Liebe ist oder der Sohn oder die Dreieinigkeit selbst. Wir können ja dem sicheren Glauben und der machtvollen Autorität der Schrift, die sagt: „Gott ist die Liebe“,8 nicht widerstehen — wir dürfen jedoch nicht auf den gottlosen Irrweg geraten, daß wir von der Dreieinigkeit etwas behaupten, was nicht dem Schöpfer, sondern eher dem Geschöpf zukommt, oder daß man sich in eitler Vorstellung eine leere Einbildung macht.

1: Ps. 68, 33 [hebr. Ps. 69, 33].
2: Ps. 104, 4 [hebr. Ps. 105, 4].
3: 1 Kor. 8, 2 f.
4: Gal. 4, 9.
5: Phil. 3, 13―15.
6: 1 Kor. 13, 12.
7: Ekkli. 18, 6 [= Ekklisiastikus = Sirach].
8: 1 Joh. 4, 8.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger