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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
ACHTES BUCH. Zunächst wird gezeigt, daß in Gott eine Person nicht größer ist als drei zusammen, weit eine nicht mehr Wahrheits- und Seinsbesitz hat als drei. Dann wird dargetan, wie man die Natur Gottes aus dem Begriff des Guten und der Gerechtigkeit erkennt, zugleich woher diese Begriffe selbst ihren Ursprung haben. Zur wahren Erkenntnis Gottes führt die Liebe, In der Liebe offenbart sich zugleich eine Spur der göttlichen Dreieinigkeit.

7. Kapitel. Von der wahren Liebe, welche zur Erkenntnis der Dreieinigkeit führt.

[S. 34] 10. Deshalb muß man in dieser Frage, die sich für uns um die Dreieinigkeit und die Erkenntnis Gottes dreht, vor allem zusehen, was wahre Liebe ist, oder vielmehr, was überhaupt Liebe ist. Denn nur die wahre Liebe darf man Liebe nennen. Sonst ist sie Begierlichkeit. So ist es ein sprachlicher Mißbrauch, wenn man von den Begierlichen sagt, daß sie lieben, wie es ein sprachlicher Mißbrauch ist, wenn man von denen, die lieben, sagt, daß sie begierlich sind. Das aber ist die wahre Liebe, daß wir, der Wahrheit anhangend, gerecht leben und so alles Sterbliche verachten außer der Liebe zu den Menschen, in der wir wünschen, daß sie ein gerechtes Leben führen. So werden wir nämlich auch die segensreiche Bereitschaft aufbringen können, für die Brüder zu sterben, was uns der Herr Jesus Christus durch sein Beispiel lehrte. Da es nämlich zwei Gebote gibt, an denen das ganze Gesetz hängt und die Propheten,1 die Liebe Gottes und die Liebe des Nächsten, so setzt die Schrift nicht mit Unrecht häufig eines für beide zusammen, sei es nur die Liebe zu Gott — etwa in dem Worte: „Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht“,2 und wiederum; „Wer aber Gott liebt, wird von ihm erkannt“,3 und nochmal: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“,4 und an vielen anderen Stellen. Wer nämlich Gott liebt, muß folgerichtig auch tun, was Gott geboten hat; ja soweit er es tut, liebt er Gott. Er muß also folgerichtig auch den Nächsten lieben, weil das Gott geboten hat — sei es, daß die Schrift nur die Liebe zum Nächsten erwähnt, wie in dem Worte: „Tragt gegenseitig eure Lasten, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“,5 oder [S. 35] in dem anderen: „Denn das ganze Gesetz wird mit dem einen Satz erfüllt, in dem es heißt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“,6 oder im Worte des Evangeliums: „Alles, was ihr wollt, daß euch die Menschen tun, das sollt ihr ihnen auch tun. Denn das ist das Gesetz und die Propheten.“7 Und viele andere Stellen finden wir in den heiligen Schriften, an denen nur die Liebe zum Nächsten als Weg zur Vollkommenheit geboten zu sein und die Liebe zu Gott verschwiegen zu werden scheint, während doch an beiden Geboten das Gesetz hängt und die Propheten. Aber auch das hat darin seinen Grund, daß derjenige, welcher den Nächsten liebt, folgerichtig vor allem auch die Liebe selbst liebt. „Gott“ aber „ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.“8 Es ist also folgerichtig, daß er vor allem Gott liebt.

11. Daher werden diejenigen, die Gott durch jene Mächte suchen, welche die Welt oder die Teile der Welt beherrschen, von ihm weggerissen und weit umher geschleudert, nicht durch Orte und Räume, sondern durch die Gegensätzlichkeit ihrer Neigungen. Sie versuchen nämlich nach außen zu gehen und verlassen ihr Inneres — innerlicher noch als dieses ist aber Gott. Wenn sie daher auch von einer heiligen himmlischen Macht hören oder irgendwie an sie denken, dann verlangen sie mehr nach deren Taten, welche der menschlichen Ohnmacht Staunen abnötigen; nicht ahmen sie die Frömmigkeit nach, durch welche die Ruhe in Gott errungen wird. Sie wollen nämlich lieber in Selbstherrlichkeit das Können des Engels als in Unterwürfigkeit das Sein des Engels besitzen. Kein Heiliger freut sich ja an seiner Macht, sondern an der Macht dessen, von dem er sein Können hat, mag er in passender Weise können was immer. Er weiß, daß es mehr Macht bedeutet, mit dem Allmächtigen in frommem Willen verbunden zu werden, als durch eigene Macht und eigenen Willen zu können, was [S. 36] jene erschrecken macht, die Derartiges nicht können. Daher hat der Herr Jesus Christus selbst, als er solches tat um die erstaunten Zuschauer Größeres zu lehren und die von den ungewohnten zeithaften Vorgängen Ergriffenen und Hingerissenen zum Ewigen und Innerlichen hinzulenken, gesagt: „Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken. Nehmet mein Joch auf euch!“9 Und nicht sagte er: Lernet von mir, daß ich Menschen, die vier Tage lang tot sind, erwecke, sondern: „Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen.“10 Mächtiger ist nämlich und sicherer fest gegründete Demut als windiger Hochmut. Deshalb fährt er fort: „Und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“11 „Die Liebe bläht“ nämlich „nicht auf“.12 Und „Gott ist die Liebe“,13 und „die Gläubigen werden in Liebe bei ihm ausruhen“,14 zurückgerufen von dem Lärm, der draußen ist, zu den stillen Freuden. Siehe „Gott ist die Liebe“.15 Warum gehen und laufen wir nach den Höhen des Himmels und den Tiefen der Erde, um ihn zu suchen, der bei uns ist, wenn wir bei ihm sein wollen?

1: Matth. 22, 40.
2: Röm. 8, 28.
3: 1 Kor. 8, 3.
4: Röm. 5, 5.
5: Gal. 6, 2.
6: Gal. 5, 14.
7: Matth. 7, 12.
8: 1 Joh. 4, 16.
9: Matth. 11, 28 f.
10: Matth. 11, 29.
11: Matth. 11, 29.
12: 1 Kor. 13, 4.
13: 1 Joh. 4, 8.
14: Weish. 3, 9.
15: 1 Joh. 4, 8.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger