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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
ACHTES BUCH. Zunächst wird gezeigt, daß in Gott eine Person nicht größer ist als drei zusammen, weit eine nicht mehr Wahrheits- und Seinsbesitz hat als drei. Dann wird dargetan, wie man die Natur Gottes aus dem Begriff des Guten und der Gerechtigkeit erkennt, zugleich woher diese Begriffe selbst ihren Ursprung haben. Zur wahren Erkenntnis Gottes führt die Liebe, In der Liebe offenbart sich zugleich eine Spur der göttlichen Dreieinigkeit.

6. Kapitel. Wie kann der nicht Gerechte den Gerechten kennen und lieben?

9. Kehre also mit mir zurück! Wir wollen überlegen, warum wir den Apostel lieben. Etwa wegen der menschlichen Gestalt, von der wir eine ganz genaue Kenntnis haben, weil wir glauben, daß er ein Mensch war? Sicherlich nicht. Sonst hätten wir jetzt keinen Anlaß, ihn zu lieben, da er ja kein Mensch mehr ist. Seine Seele ist ja vom Leibe getrennt. Wir glauben aber, daß das, was wir lieben, auch jetzt noch am Leben ist. Wir lieben nämlich die gerechte Seele. Auf Grund welchen anderen allgemeinen oder besonderen Gesetzes als dieses, daß wir wissen, was die Seele ist und was ein Gerechter ist? Was die Seele betrifft, so sprechen wir uns ihre Kenntnis nicht unpassend deshalb zu, weil auch wir eine Seele haben. Wir haben ja nie eine Seele gesehen und haben nicht aus der Ähnlichkeit mit anderen Dingen, die wir sahen, einen Gattungs- oder Artbegriff von ihr gebildet, vielmehr wissen wir, wie gesagt, um ihr Wesen, weil wir selbst eine Seele haben. Was wird denn so innerlich gewußt, und was weiß so um sein eigenes Wesen, als das, wodurch alles andere gewußt wird, nämlich die Seele selbst? Die Bewegungen der Körper nämlich, durch welche wir das Leben anderer Wesen außer uns wahrnehmen, beurteilen wir auf Grund der Ähnlichkeit mit uns. Auch wir bewegen ja in unseren Lebenstätigkeiten unseren Leib so, wie wir jene Körper in Bewegung sehen. [S. 29] Wenn nämlich ein lebendiger Körper bewegt wird, dann tut sich für unsere Augen nicht irgendein Weg auf zur Schau der Seele, einer Wirklichkeit, die man mit Augen nicht sehen kann. Wir merken vielmehr, daß jener körperlichen Masse etwas Ähnliches innewohnt wie uns, damit wir unseren Körper in Bewegung setzen können. Das ist das Leben und die Seele. Und das ist nicht eine Eigentümlichkeit etwa der menschlichen Klugheit und des menschlichen Verstandes. Auch die Tiere merken nicht nur von sich selbst, daß sie leben; sie merken es vielmehr auch voneinander, ja auch von uns. Auch sie sehen unsere Seelen nicht, sondern erfahren sie aus den Bewegungen des Leibes, und zwar schnell und leicht durch einen gewissen Naturzusammenhang. Wir kennen also die Seele eines anderen aus unserer eigenen, und von unserer eigenen her glauben wir, was wir nicht kennen. Wir wissen ja nicht nur um das Dasein der Seele, sondern können auf Grund unserer Selbstbeobachtung auch das Wesen der Seele kennenlernen; wir haben ja eine Seele. Woher aber wissen wir, was ein Gerechter ist? Wir sagten doch, daß wir den Apostel aus keinem anderen Grunde lieben, als deshalb, weil er eine gerechte Seele ist. Wir wissen also auch, was ein Gerechter ist, wie wir wissen, was die Seele ist. Was aber die Seele ist, wissen wir, wie gesagt, aus uns. In uns wohnt ja eine Seele. Woher wissen wir aber, was ein Gerechter ist, wenn wir selbst nicht gerecht sind? Wenn niemand weiß, was ein Gerechter ist, außer der Gerechte selbst, dann liebt niemand den Gerechten außer der Gerechte. Man kann ja einen Menschen, den man für gerecht hält, nicht gerade deshalb, weil man ihn für gerecht hält, lieben, wenn man nicht weiß, was ein Gerechter ist. Wie wir oben gezeigt haben, kann niemand lieben, was er nur glaubt und nicht sieht, außer auf Grund eines Gattungs- oder Artbegriffs. Wenn sonach nur der Gerechte den Gerechten liebt, wie kann einer, der noch nicht gerecht ist, gerecht werden wollen? Denn [S. 30] nicht will jemand sein, was er nicht liebt. Damit aber der welcher noch nicht gerecht ist, es werden kann, hat er jedenfalls den Wunsch, gerecht zu sein. Damit er aber diesen Wunsch haben kann, muß er den Gerechten lieben. Es liebt also einen Gerechten auch jener, der noch nicht gerecht ist. Einen Gerechten aber kann nicht lieben, wer nicht weiß, was ein Gerechter ist. Also weiß, was ein Gerechter ist, auch jener, der noch nicht gerecht ist. Woher weiß er es also? Sieht er es mit den Augen? Gibt es einen gerechten Körper, so wie es einen weißen, schwarzen, viereckigen oder runden gibt? Wer möchte so etwas sagen? Mit den Augen aber sieht man nur Körper. Gerecht ist aber im Menschen nur die Seele. Und wenn der Mensch gerecht heißt, dann heißt er es nur auf Grund seiner Seele, nicht seines Körpers. Die Gerechtigkeit ist nämlich eine Art Schönheit der Seele, durch welche die Menschen schön sind, vielfach auch solche, welche einen verwachsenen und unförmigen Leib haben. Wie aber die Seele mit den Augen nicht gesehen wird, so auch ihre Schönheit nicht. Woher weiß also einer, der noch nicht gerecht ist, was ein Gerechter ist, und woher liebt er den Gerechten, um selbst einer zu werden? Oder strahlen etwa durch die Bewegung des Leibes gewisse Zeichen aus, durch welche dieser und jener Mensch als gerecht erscheint? Aber woran erkennt jener, der gar nicht weiß, was überhaupt ein Gerechter ist, jene Zeichen als Zeichen einer gerechten Seele? Dann weiß er eben, was ein Gerechter ist. Aber woher wissen wir, was ein Gerechter ist, auch wenn wir noch nicht gerecht sind? Wenn uns dieses Wissen von außen zufließt, dann kommt es von einem Körper. Aber es handelt sich da gar nicht um eine körperliche Eigenschaft. Also wissen wir aus uns selbst, was ein Gerechter ist. Denn nicht anderswo als bei mir selbst finde ich dies, wenn ich es suche, um es auszusprechen. Und wenn ich einen anderen frage, was ein Gerechter ist, dann sucht er bei sich selbst nach einer Antwort. [S. 31] Und wer immer eine wahre Antwort geben konnte, fand seine Antwort bei sich selbst. Wenn ich etwa Karthago aussprechen will, dann suche ich bei mir selbst, was ich aussprechen will, und bei mir selbst finde ich das Vorstellungsbild Karthagos. Aber ich habe es durch den Körper aufgenommen, das heißt durch den Leibessinn, weil ich dort mit dem Leibe anwesend war, es gesehen, mit den Sinnen wahrgenommen und in meinem Gedächtnis aufbewahrt habe, und so finde ich bei mir das Wort von ihm, wenn ich über Karthago reden will. Denn dessen Vorstellungsbild in meinem Gedächtnis ist eben sein Wort, nicht der Dreisilbenklang, den man bildet, wenn man Karthago nennt oder auch schweigend seinen Namen in einem zeithaften Vorgang denkt, sondern jenes Wort, welches ich in meiner Seele sehe, wenn ich diese drei Silben mit der Stimme hervorbringe, ja noch bevor ich sie hervorbringe. So ist mir auch, wenn ich Alexandrien aussprechen will, das ich niemals gesehen habe, ein Vorstellungsbild von ihm gegenwärtig. Da ich nämlich von vielen hörte und glaubte, daß es eine große Stadt ist, so bildete ich mir nach der Schilderung, die man mir geben konnte, in meiner Seele ein Bild von ihm, so gut ich konnte. Das ist das Wort, welches ich von ihm habe, wenn ich es aussprechen will, bevor ich mit der Stimme die fünf Silben hervorbringe, eben seinen Namen, der fast allen bekannt ist. Könnte ich dieses Bild aus meiner Seele heraus vor die Augen der Menschen hinsetzen, die Alexandrien kennen, so würden sie bestimmt entweder alle sagen: Das ist es nicht, oder wenn sie sagten: So ist es, dann würde ich mich sehr wundern, und es, das heißt sein Bild wie ein Gemälde von ihm, in meiner Seele schauend, würde ich doch nicht wissen, daß es so ist, sondern würde es denen glauben, die es gesehen haben und sein Bild festhalten. Nicht so aber suche ich, was der Gerechte ist, nicht so finde ich es, nicht so schaue ich es, wenn ich es ausspreche. Nicht so erhalte ich eine Bestätigung, wenn man mich hört; nicht so gebe [S. 32] ich eine Bestätigung, wenn ich höre, gleich als hätte ich etwas Derartiges mit Augen gesehen oder durch irgendeinen Leibessinn erfahren oder von denen, die so etwas erfuhren, gehört. Wenn ich nämlich sage, und zwar als Wissender sage: Gerecht ist die Seele, welche mit Wissen und Überlegung im Handel und Wandel jedem das Seinige zuteilt, so denke ich nicht ein abwesendes Ding, wie Karthago, so mache ich mir nicht, so gut ich kann, ein Vorstellungsbild wie von Alexandrien, mag es stimmen oder nicht, sondern ich sehe etwas Gegenwärtiges, und zwar sehe ich es bei mir, wenn auch ich selber nicht bin, was ich sehe; und viele werden mir zustimmen, wenn sie hören, was ich sehe. Und jeder, der mich hört und als Wissender seine Zustimmung gibt, sieht auch seinerseits bei sich das gleiche, auch wenn er selber nicht ist, was er sieht. Wenn indes der Gerechte dies sagt, dann sieht und sagt er, was er ist. Wo aber schaut auch er selber es, außer bei sich selbst? Aber das ist nicht verwunderlich. Wo sollte er sich denn sehen, außer bei sich selbst? Doch das ist verwunderlich, daß die Seele bei sich sieht, was sie sonst nirgends sieht, und zwar der Wahrheit gemäß, und daß sie eben die wahrhaft gerechte Seele sieht, und daß sie selbst zwar Seele, aber nicht die gerechte Seele ist, die sie bei sich sieht. Ist etwa eine andere gerechte Seele in der noch nicht gerechten Seele? Trifft das nicht zu, wen sieht sie da, wenn sie sieht und sagt, was eine gerechte Seele ist, und wenn sie das nicht anderswo als in sich selbst sieht, wo sie doch selbst keine gerechte Seele ist? Oder ist das, was sie sieht, eine innerliche Wahrheit, die der Seele gegenwärtig ist, die sie zu schauen vermag? Nicht alle vermögen es, und die sie zu schauen vermögen, sind auch nicht alle, was sie schauen, das heißt, sie sind nicht auch selbst gerechte Seelen während sie sehen und sagen können, was eine gerechte Seele ist. Woher anders wird ihnen das Vermögen hierzu kommen als daher, daß sie eben der nämlichen [S. 33] Gestalt, die sie schauen, anhangen, auf daß sie von ihr gestaltet und gerechte Seelen werden? Dann werden sie nicht nur sehen und sagen, daß eine gerechte Seele jene ist, welche mit Wissen und Überlegung im Handel und Wandel jedem das Seinige zuteilt, sondern auch selbst gerecht handeln und gerecht wandeln, jedem das Seinige zuteilend, so daß sie niemandem etwas schulden, es sei denn einander zu lieben.1 Wie soll man dieser Gestalt anhangen außer in Liebe? Warum also lieben wir einen anderen, den wir für gerecht halten, und lieben nicht auch die Gestalt selbst, in der wir sehen, was eine gerechte Seele ist, auf daß auch wir gerecht werden können? Oder würden wir etwa, wenn wir nicht auch diese liebten, in keiner Weise jenen lieben, den wir von ihr her lieben; lieben wir aber, solange wir nicht gerecht sind, sie zu wenig, als daß wir gerecht zu sein vermöchten? Der Mensch also, der als gerecht gilt, wird von der Gestalt und Wahrheit her geliebt, die jener, der liebt, bei sich sieht und schaut. Diese Gestalt und Wahrheit selbst jedoch kann nicht von anderswoher geliebt werden. Wir finden nämlich außerhalb ihrer nichts Derartiges, so daß wir sie, solange sie noch unbekannt ist, auf Grund dieser ihr ähnlichen Wirklichkeit, die wir schon kennen, gläubig lieben würden. Was immer nämlich du an Derartigem erblicken magst, ist sie selbst; und nicht gibt es sonst etwas Derartiges, da nur sie allein so ist, wie sie ist. Wer also die Menschen liebt, muß sie lieben, weil sie gerecht sind oder auf daß sie gerecht werden. So muß er nämlich auch sich selbst lieben: entweder weil er gerecht ist oder damit er gerecht wird. So liebt er dann seinen Nächsten wie sich selbst ohne irgendeine Gefahr. Wer sich nämlich anders liebt, liebt sich ungerecht, weil er sich dazu liebt, daß er ungerecht ist, dazu also, daß er böse ist, und deshalb liebt er sich schon nicht mehr. Denn „wer das Unrecht liebt, haßt seine Seele.“2

1: Röm. 13, 8.
2: Ps. 10, 6 [hebr. Ps. 11, 5].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger