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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

SIEBENTES BUCH. Hier beantwortet Augustinus die oben ungelöst gelassene Frage, in welchem Sinne der Sohn die Kraft und Weisheit des Vaters ist. Der Vater ist nicht nur der Erzeuger von Kraft und Weisheit, sondern selber Kraft und Weisheit, ebenso der Heilige Geist. Doch sind die drei Personen nur eine Kraft und Weisheit. Ferner erörtert er den Begriff Person und die Formel: Ein Wesen, drei Personen.

1. Kapitel. Augustinus nimmt die Frage wieder auf, ob jede Person für sich Weisheit sei, und gibt den Grundsatz an, nach dem sie zu beantworten ist

[S. 232] 1. Nun wollen wir, soweit Gott es gibt, gründlicher untersuchen, was wir vorhin aufschoben, ob nämlich auch jede einzelne Person in der Dreieinigkeit auch für sich allein ohne die übrigen zwei Gott, groß, weise, wahr, allmächtig, gerecht genannt werden oder ob eine andere, nicht beziehentliche, sondern absolute Aussage von ihr gemacht werden könne, die sich von Gott machen läßt, oder ob man alle diese Bestimmungen nur von der Dreieinigkeit aussagen könne. Anlaß zu der Frage gibt das Schriftwort, Christus sei die Kraft und Weisheit Gottes.1 Ist der Vater in der Weise Vater seiner Weisheit und Kraft, daß er durch die von ihm gezeugte Weisheit weise und durch die von ihm gezeugte Kraft kräftig ist, und daß er deshalb Kraft und Weisheit immer [S. 233] zeugte, weil er immer kräftig und weise ist? Wir hatten vorher gefragt, warum er dann nicht auch Vater seiner Größe ist, durch die er groß ist, der Güte, durch die er gut ist, der Gerechtigkeit, durch die er gerecht ist. Wenn das alles nur verschiedene Bezeichnungen für eine und dieselbe Wirklichkeit sind, die mit den Worten Weisheit und Kraft ausgedrückt wird, so daß die Größe mit der Kraft, die Güte mit der Weisheit, diese wiederum mit der Kraft zusammenfällt, wie wir schon gezeigt haben, dann wollen wir daran denken, daß mit einer einzigen Eigenschaft alle anderen mitbezeichnet werden. Die Frage ist also, ob der Vater auch für sich allein weise ist und ob er auch für sich selber Weisheit ist, oder ob er in dem Sinne weise ist, wie er sprechend ist. Er spricht nämlich durch das Wort, das er zeugte, nicht durch das Wort, das ausgesprochen wird, erklingt und vergeht, sondern durch das Wort, das bei Gott war, und Gott war, und durch das alles geworden ist,2 durch ein ihm gleiches Wort, durch welches er immer und unwandelbar sich selbst ausspricht. Er ist nicht selbst Wort, so wenig wie Sohn oder Bild. Wenn er aber spricht — nicht durch jene zeitlichen Worte, die in der Schöpfung entstehen, die erklingen und vergehen —, wenn er also durch das ihm gleichewige Wort spricht, dann kann man nicht an ihn allein denken, ohne zugleich an das Wort zu denken, ohne das er nicht sprechen kann. Ist er also in der Weise weise, wie er sprechend ist, so daß die Weisheit in derselben Weise Bestand hat wie das Wort, und daß Wort sein soviel ist wie Weisheit sein, soviel auch wie Kraft sein, so daß Kraft, Weisheit und Wort ein und dasselbe ist und eine Beziehung besagt wie Sohn und Bild? In diesem Falle wäre der Vater nicht für sich allein mächtig oder weise, sondern nur in Verbindung mit der Kraft und Weisheit, die er zeugt, wie er nicht für sich allein spricht, sondern nur durch das Wort und mit dem Worte, das er [S. 234] zeugt. Ebenso wäre er nur groß durch die Größe, die er zeugt. Und weil für ihn groß sein und Gott sein nicht Verschiedenes besagen, sondern ein und dieselbe Wirklichkeit bedeuten, da für ihn nicht etwas anderes ist groß sein, etwas anderes Gott sein, so ergibt sich, daß er auch nicht für sich allein Gott sein kann, sondern nur durch die Gottheit und mit der Gottheit, die er selbst zeugte, so daß also der Sohn ebenso die Gottheit des Vaters wäre, wie er die Weisheit und Kraft des Vaters ist und wie er das Wort und Bild des Vaters ist. Und weil für ihn nicht etwas anderes ist das Gottsein, etwas anderes das Sein (Wesen), deshalb wäre der Sohn auch das Wesen des Vaters, wie er sein Wort und sein Bild ist. Deshalb hätte der Vater, abgesehen von seinem Vatersein, auch sein ganzes Sein nur daher, daß er einen Sohn hat. Klar ist, daß das Vatersein keine absolute, sondern eine beziehentliche Bestimmung und daher eine Beziehung zum Sohne besagt, und daß er daher Vater ist, weil er einen Sohn hat. Unter der angegebenen Voraussetzung hätte er aber auch sein absolutes Sein nur, weil er sein Wesen zeugte. Wie er nämlich groß ist durch die von ihm gezeugte Größe, so hätte er auch sein Sein nur durch das von ihm gezeugte Sein (Wesen), da bei ihm nicht etwas anderes ist das Sein, etwas anderes das Großsein. Ist er also in derselben Weise der Vater seines Wesens, wie er der Vater seiner Größe, wie er der Vater seiner Kraft und Weisheit ist? Größe und Kraft, Wesen und Größe sind ja bei ihm ein und dasselbe.

2. Unsere Erörterung ging aus von dem Schriftwort, daß Christus die Kraft und Weisheit Gottes ist. Durch dieses Wort nun wird unser Reden, wenn wir das Unaussprechliche aussprechen wollen, in die Verlegenheit versetzt, entweder zu behaupten, daß Christus nicht die Kraft und Weisheit Gottes ist, und so sich verwegen und gottlos gegen den Apostel zu stellen, oder zuzugeben, daß Christus die Kraft und Weisheit Gottes ist, [S. 235] aber zu verneinen, daß sein Vater der Vater seiner Kraft und Weisheit ist — keine geringere Gottlosigkeit. In diesem Falle wäre er nämlich auch nicht der Vater Christi, da ja Christus die Kraft Gottes und Weisheit Gottes ist. Oder wir müßten annehmen, daß der Vater nicht mächtig ist durch seine Kraft und nicht weise durch seine Weisheit — wer möchte das behaupten? — oder daß im Vater etwas anderes das Sein, etwas anderes das Weisesein ist, so daß Sein und Weisesein bei ihm nicht zusammenfallen — für die Seele trifft das zu, da sie bald töricht, bald weise ist, weil sie ein veränderliches, nicht im höchsten und vollkommensten Grade einfaches Wesen ist —, oder daß der Vater keine in sich ruhende Wirklichkeit sei, und daß nicht nur das Vatersein, sondern die ganze Wirklichkeit des Vaters eine Beziehung zum Sohne bedeute. Wie könnte jedoch im letzteren Fall der Sohn von demselben Wesen sein wie der Vater, wenn auch sein Wesen und seine gesamte Wirklichkeit nichts in sich Ruhendes ist, wenn vielmehr auch sein gesamtes Sein eine Beziehung zum Sohne darstellt? Man kann darauf erwidern, daß der Sohn erst recht eines und desselben Wesens ist wie der Vater, weil doch Vater und Sohn ein und dasselbe Wesen sind, wenn das gesamte Sein des Vaters nicht eine in sich ruhende Wirklichkeit, sondern eine Beziehung zum Sohne darstellt, der eben das vom Vater gezeugte, die ganze Fülle des väterlichen Seins begründende Wesen ist. Keiner von beiden ist sonach eine in sich ruhende Wirklichkeit, beide besagen eine gegenseitige Beziehung. Oder soll etwa nur der Vater nicht nur in seinem Vatersein, sondern im ganzen Umfang seines Seins eine Beziehung zum Sohne besagen, der Sohn aber eine in sich ruhende Wirklichkeit sein? In welchem Bereiche seines Seins würde denn dann der Sohn diese in sich ruhende Wirklichkeit bedeuten? Im Bereiche des Wesens? Das ist unmöglich. Denn der Sohn ist das Wesen des Vaters, wie er die Kraft und Weisheit des Vaters ist, wie er das [S. 236] Wort und Bild des Vaters ist. Wäre wirklich das Wesen die in sich ruhende Wirklichkeit des Sohnes, der Vater aber nicht das Wesen, sondern der Erzeuger des Wesens, und eben deshalb für ihn das im Wesen gründende Sein keine in sich ruhende Wirklichkeit, sondern hätte er vielmehr das Sein durch das von ihm gezeugte Wesen, wie er groß ist durch die von ihm gezeugte Größe, dann ist auch Größe, Kraft, Weisheit, Wort, Bild für den Sohn eine absolute, in sich ruhende Wirklichkeit. Gibt es aber etwas Törichteres, als das Bild eine absolute, in sich ruhende Wirklichkeit zu heißen? Wenn man aber zwischen Bild und Wort einerseits und Kraft und Weisheit andererseits einen Unterschied macht, jene als beziehentliche, diese als absolute Wirklichkeiten bezeichnet, dann hört der Vater auf, durch die gezeugte Weisheit weise zu sein, da es unmöglich ist, daß das Vatersein eine Beziehung besage zur Weisheit, die Weisheit aber keine zum Vater. Alle Beziehungen müssen nämlich gegenseitig sein. Infolgedessen muß auch das Wesen, das der Sohn ist, eine Beziehung zum Vater besagen. Daraus ergibt sich nun der Unsinn, daß das Wesen nicht Wesen ist, oder daß wenigstens mit dem Begriff Wesen nicht das Wesen, sondern eine Beziehung gemeint ist. So ist mit dem Ausdruck Herr nicht das Wesen, sondern eine Beziehung zum Diener gemeint. Mit dem Ausdruck Mensch hingegen oder mit einem anderen eine in sich ruhende, nicht eine beziehentliche Wirklichkeit bezeichnenden Ausdruck ist das Wesen gemeint. Wenn sonach ein Mensch Herr genannt wird, so bezeichnet das Wort Mensch das Wesen, das Wort Herr eine Beziehung. Mensch drückt nämlich eine in sich ruhende Wirklichkeit aus, Herr hingegen eine Beziehung zum Diener. Wenn nun in unserem Falle Wesen als eine beziehentliche Wirklichkeit verstanden wird, dann hört es auf, Wesen zu sein. Dazu kommt noch folgendes: Jedes Wesen, das eine Beziehung in sich schließt, stellt auch über die Beziehung hinaus noch eine Wirklichkeit dar. [S. 237] Wenn ich sage: Der Mensch ist Herr, der Mensch ist Diener, das Pferd ist ein Zugtier, das Geld ist ein Kaufpreis, so stellen Mensch, Pferd, Geld in sich ruhende absolute Wirklichkeiten dar, sind Substanzen oder Wesen. Herr hingegen, Diener, Zugtier, Kaufpreis sind beziehentliche Wirklichkeiten. Gäbe es jedoch nicht die Wirklichkeit Mensch, das heißt eine in sich ruhende Wirklichkeit, dann gäbe es kein Sein, welchem die beziehentliche Bezeichnung Herr zukommen könnte. Gäbe es nicht die absolute, in sich ruhende Wirklichkeit Pferd, dann gäbe es keine Wirklichkeit, von der man die im Worte Zugtier liegende Beziehung aussagen könnte. Wäre das Geld nicht eine Substanz, dann gäbe es keine Wirklichkeit, von der man die im Ausdruck Kaufpreis liegende Beziehung aussagen könnte. So ist es auch mit der Wirklichkeit Vater. Besagt sie nicht ein in sich ruhendes Sein, dann fehlt die Wirklichkeit, von der man eine Beziehung aussagen kann. Man darf nicht etwa, wie die Farbe sich auf einen gefärbten Gegenstand bezieht und keine in sich ruhende Wirklichkeit ist, sondern immer Farbe an einem Ding ist, während man den gefärbten Gegenstand auf Grund seines Gefärbtseins zwar auf die Farbe bezieht, sofern man sein Gegenstandsein für sich jedoch ins Auge faßt, als eine in sich ruhende Wirklichkeit bezeichnet — man darf nicht in dieser Weise etwa annehmen, daß der Vater zwar keine in sich ruhende Wirklichkeit besage, sondern im ganzen Umfange seines Seins nur eine Beziehung zum Sohne darstelle, daß aber wohl der Sohn sowohl eine in sich ruhende Wirklichkeit als auch eine Beziehung zum Vater besage, da er sowohl die große Größe als auch die mächtige Kraft ist — eine in sich ruhende Wirklichkeit —, wie auch die Größe und Kraft des großen und mächtigen Vaters, durch die der Vater groß und mächtig ist. So also ist die Sachlage nicht. Vielmehr ist jeder eine Substanz, und beide sind eine einzige Substanz. Wie es aber dumm wäre, zu behaupten, die weiße Farbe sei [S. 238] nicht weiß, so wäre es dumm, zu behaupten, die Weisheit sei nicht weise; und wie die weiße Farbe für sich selber ohne Beziehung zu einem anderen weiß ist, so ist die Weisheit für sich selber ohne Beziehung zu einem anderen weise. Doch ist die weiße Farbe des Körpers nicht sein Wesen, da der Körper selbst sein Wesen ist und die weiße Farbe seine Eigenschaft. Von der weißen Farbe empfängt ja der Körper, für den Sein und Weißsein nicht dasselbe ist, das Weißsein. Gestalt und Farbe sind ja hier verschieden. Und beides existiert nicht in sich selbst, sondern in einer körperlichen Masse, die eben körperliche Masse und nicht Gestalt und nicht Farbe, sondern gestaltet und gefärbt ist. Die Weisheit hingegen ist weise, und zwar in sich selbst. Deshalb verharrt auch die Weisheit in ihrem Sein, wenn eine Seele, die durch Teilnahme an ihr weise ist, wieder aufhört, weise zu sein. Sie erfährt keine Wandlung, wenn eine weise Seele sich zur Torheit wendet. Bei jemandem, der durch die Weisheit weise wird, liegt daher die Sache anders als bei einem Körper, der durch die weiße Farbe weiß ist. Wenn nämlich der Körper eine andere Farbe erhält, dann bleibt die weiße Farbe nicht, sondern hört überhaupt zu sein auf. Wenn also der Vater auf Grund der von ihm gezeugten Weisheit weise wird und sein und weise sein bei ihm nicht ein und dasselbe ist, dann ist der Sohn seine Eigenschaft, nicht sein Kind, und es herrscht in Gott nicht mehr die höchste Einfachheit. Ferne sei uns eine solche Behauptung! Gott ist wirklich das höchst einfache Wesen. Daher ist dort sein und weise sein ein und dasselbe. Wenn aber sein und weise sein ein und dasselbe ist, dann ist der Vater nicht durch die von ihm gezeugte Weisheit weise. Sonst hätte ja nicht er die Weisheit, sondern die Weisheit hätte ihn gezeugt. Was wollen wir denn mit dem Ausdruck: Sein und weise sein ist für ihn ein und dasselbe, anderes sagen als: Der Grund seines Seins ist der Grund seines Weiseseins? Daher ist die Ursache seines Weiseseins auch die [S. 239] Ursache seines Seins. Wenn daher die gezeugte Weisheit die Ursache seines Weiseseins ist, dann ist sie auch die Ursache seines Seins. Das kann sich jedoch nur vollziehen durch Zeugung oder durch Schöpfung. Niemand aber wird auch nur von ferne die Weisheit die Erzeugerin oder Schöpferin des Vaters nennen wollen. Gäbe es einen größeren Unsinn? Daher ist auch der Vater für sich selbst Weisheit, und der Sohn heißt im gleichen Sinne die Weisheit des Vaters, wie er das Licht des Vaters heißt. Der letztere Ausdruck will sagen: Licht vom Lichte. Das heißt: Wie der Sohn Licht vom Lichte ist und beide ein Licht sind, so ist er Weisheit von Weisheit, und beide sind eine Weisheit; also sind sie auch ein Wesen, weil dort sein und weise sein ein und dasselbe ist. Was nämlich für die Weisheit das Weisesein, für die Kraft das Können, für die Ewigkeit das Ewigsein, für die Gerechtigkeit das Gerechtsein, für die Größe das Großsein, das ist für das Wesen das Sein. Weil nun in der göttlichen Einfachheit das Weisesein nicht etwas anderes ist als das Sein, deshalb ist auch Weisheit und Wesen ein und dasselbe.

1: 1 Kor. 1, 24.
2: Joh. 1, 1 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger