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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

VIERTES BUCH. Zweck der Sendung des Sohnes bzw. der Menschwerdung.

Vorbemerkung: Das Wissen um Gott muß man von Gott erbeten.

[S. 138] 1. Vor dem Wissen um die irdischen und himmlischen Dinge pflegen die Menschen eine große Achtung zu haben. Dabei sind wahrlich diejenigen besser, die diesem Wissen das Wissen um sich selbst vorziehen, und preiswürdiger ist ein Geist, dem die eigene Unkraft bekannt ist, als einer, der, von ihr nichts wissend, die Bahnen der Gestirne durchschreitet, um sie kennenzulernen oder um das schon erworbene Wissen zu sichern, und dabei die Wege nicht kennt, die er beschreiten muß, um zu Heil und Kraft zu kommen. Wer aber schon wach geworden ist für Gott, von der Wärme des Heiligen Geistes aufgeweckt, und in der Liebe zu ihm seinen eigenen Unwert fühlte und, erfüllt vom Willen und von der Kraft, bei ihm einzutreten, von seinem Lichte getroffen, auf sich acht hat und zu sich selber findet und die Unvergleichlichkeit seines Krankseins mit Gottes Heiligkeit erkannt hat, den überkommt ein süßes Weinen, dem entringt sich das Gebet, daß Gott unaufhörlich Erbarmen mit ihm habe, bis er sein ganzes Elend abgetan habe; sein Bitten ist von Zutrauen getragen, da er ja schon das freigeschenkte Unterpfand des Heiles empfing, in Christus, dem einzigen Erlöser und Lichtbringer der Menschen. Wer so handelt und bereut, den bläht das Wissen nicht auf, weil ihn die Liebe erbaut.1 Er zieht nämlich die eine Wissenschaft der anderen vor, [S. 139] das Wissen um seine Schwachheit dem Wissen um die Mauerwehr der Welt, um die Fundamente der Erde, um den Scheitel des Himmels. Indem er sich dieses Wissen beilegt, legt er sich den Schmerz2 bei, den Schmerz des Wandernden, den die Sehnsucht nach der Heimat und nach ihrem Schöpfer, seinem seligen Gott, treibt. Wenn ich zu dieser Menschenart, zur Familie deines Gesandten gehöre, Herr, mein Gott, wenn ich unter den Armen seufze, dann gib mir, daß ich von deinem Brote denen darbiete, die nicht hungern und dürsten nach Gerechtigkeit,3 sondern gesättigt sind und Überfluß haben. Es sättigte sie aber der Trug ihrer Sinne, nicht deine Wahrheit, die sie von sich stoßen und fliehen; so fallen sie in ihre Leere. Ich weiß gut, wie viele Einbildungen das menschliche Herz gebiert, und was wäre mein Herz anders als ein menschliches Herz? Aber darum bitte ich den Gott meines Herzens, daß ich von diesen Einbildungen nichts für feste Wahrheit in meine Schriften aufnehme, sondern daß, was immer über mich den Weg zu den Menschen finden soll, von dort her in meine Bücher komme, von wo aus auch mir, obwohl ich von dem Angesichte deiner Augen verstoßen bin4 und aus der Ferne zurückzukehren versuche auf dem Wege, den die Göttlichkeit seines Eingeborenen in ihrer Menschheit bahnte, der Duft der Wahrheit entgegengetragen wird. Diese Wahrheit trinke ich in dem Maße, in dem ich, wenngleich ich wandelbar bin, sie frei weiß von jeder Wandelbarkeit, von der Wandelbarkeit durch Zeit und Ort — ihr unterliegen die Körper —, von der Wandelbarkeit durch die Zeit allein und gleichsam durch den Ort — ihr unterliegen die Gedanken unseres Geistes —, frei auch von der Wandelbarkeit durch die Zeit allein und jeglichen, auch den nur in der Vorstellung existierenden Raum — sie beherrscht manche Schlußfolgerungen unseres Denkens. Denn das das Sein Gottes bedingende Wesen Gottes hat nichts [S. 140] Wandelbares an sich, weder in seinem ewigen Bestande noch in seiner Wahrheit, noch in seinem Willen. Denn ewig ist dort die Wahrheit, ewig die Liebe, und wahr ist dort die Liebe, wahr die Ewigkeit, und liebeerfüllt ist dort die Wahrheit, liebeerfüllt die Ewigkeit.

1: 1 Kor. 8, 1.
2: Pred. 1, 18.
3: Matth. 5, 6.
4: Ps. 30, 23 [hebr. Ps. 31, 23].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger