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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
VIERTES BUCH. Zweck der Sendung des Sohnes bzw. der Menschwerdung.

3. Kapitel. Der eine Tod Christi hat unseren doppelten Tod überwunden, und die eine Auferstehung Christi hat unsere Auferstehung bewirkt.

5. Augenblicklich drängt es uns, zu erklären, soweit es uns Gott gewährt, wie das, was an unserem Herrn und Heiland Jesus Christus einmal geschah, dem zweifachen Mangel an uns entspricht und angepaßt ist, uns zum Heile. Kein Christ bezweifelt, daß wir an Leib und Seele tot sind, an der Seele wegen der Sünde, am Leibe zur Strafe für die Sünde, also letztlich auch wegen der Sünde. Beide Wirklichkeiten an uns, die Seele und der Leib, bedürfen der Heilkraft und Auferstehung, auf daß zum Besseren erneuert werde, was sich zum Schlechteren gewandelt hatte. Der Tod der Seele ist die Gottlosigkeit, der Tod des Leibes das [S. 145] Zerfallenkönnen, durch das auch das Entweichen der Seele vom Körper bewirkt wird. Wie nämlich die Seele stirbt, wenn sie Gott verläßt, so stirbt der Leib, wenn ihn die Seele verläßt; die Seele wird durch dieses Ereignis töricht, der Leib leblos. Die Seele wird wieder erweckt durch Buße. Sie fängt so im Leibe, der sterblich bleibt, ein neues Leben an durch den Glauben, durch den sie an den glaubt, der den Sünder rechtfertigt,1 und wächst an guter Gesinnung und wird darin gefestigt von Tag zu Tag, während der innere Mensch mehr und mehr erneuert wird.2 Unser Leib aber, gleichsam der äußere Mensch, geht durch Alter oder Krankheit oder allerlei Ungemach um so mehr seinem Verfall entgegen, je weiter unser Leben voranschreitet, bis er zur letzten Mühsal kommt, die wir alle Tod heißen. Seine Auferstehung aber wird verschoben bis ans Weltende. Dann wird auch unsere Rechtfertigung ihre letzte unaussprechliche Vollendung erfahren. Denn dann werden wir ihm ähnlich sein, weil wir ihn sehen, wie er ist.3 Jetzt aber, solange der vergängliche Körper unsere Seele beschwert4 und das menschliche Leben auf der Erde eine ständige Anfechtung ist,5 wird in seinen Augen nicht irgendein Lebender gerechtfertigt,6 im Vergleich zu der Gerechtigkeit, die uns den Engeln an die Seite stellen wird, und zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Wozu soll ich aber für den Unterschied des Leibestodes vom Seelentod viele Beweise anführen? Der Herr hat ja in einem Worte des Evangeliums diesen zweifachen Tod erwähnt, so daß ihn jeder leicht verstehen kann. Er sagt: „Laßt die Toten ihre Toten begraben.“7 Begraben muß der Körper werden. Unter seinen Totengräbern wollte er aber die verstanden wissen, die wegen ihres gottlosen, ungläubigen Sinnes an der Seele tot sind. An sie richtet sich der Weckruf: „Stehe auf, der du schläfst; erhebe dich von den Toten, und es wird [S. 146] dich Christus erleuchten!“8 Es gibt einen Tod, den der Apostel verabscheut, dort, wo er von der Witwe sagt: „Führt aber eine ein ausschweifendes Leben, so ist sie lebendig tot.“9 Von der Seele, die jetzt gotthingegeben lebt, während sie früher gottlos war, heißt es wegen ihrer Glaubensgerechtigkeit, daß sie von den Toten auferstanden ist und lebt. Der Körper aber wird nicht nur, weil er infolge der zukünftigen Trennung der Seele vom Leibe dem Tode geweiht ist, sondern auch wegen der großen Schwäche des Fleisches und Blutes an einer Stelle in der Schrift tot genannt. Der Apostel sagt nämlich: „Der Leib ist zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber lebt um der Rechtfertigung willen.“10 Dieses Leben ist aus dem Glauben geboren, weil „der Gerechte aus dem Glauben lebt“.11 Doch was folgt? „Wohnt aber der Geist dessen in euch, der Jesus von den Toten auferweckt hat, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber zum Leben auferwecken durch seinen Geist, der in euch wohnt.“12

6. Für diesen unsern doppelten Tod also läßt es sich unser Erlöser seinen einfachen kosten; und um unsere zweifache Auferstehung zu wirken, stellte er im voraus seine einmalige vor uns hin als Geheimnis und als Beispiel. Er war nicht sündig und gottlos, so daß er wie ein geistigerweise Toter nach dem inneren Menschen hätte erneuert werden müssen13 und wie ein zur Weisheit Zurückkehrender wieder zum Leben der Gerechtigkeit hätte zurückgerufen werden müssen. Vielmehr hat er, angetan mit dem Gewande des sterblichen Fleisches und nur in ihm sterbend, nur in ihm auferstehend, allein in ihm unseren zweifachen Tod und unsere zweifache Auferstehung zumal getroffen, indem er in seinem Fleische ein Geheimnis vollzog für unseren inneren Menschen und ein Beispiel gab für unseren äußeren. Auf das Geheimnis für unseren inneren Menschen weist jene [S. 147] Stimme hin, die nicht nur im Psalm, sondern auch am Kreuze erscholl: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“14 Sie sollte den Tod unserer Seele versinnbilden. Mit ihr stimmt überein ein Apostelwort: „Wir wissen ja, daß der alte Mensch in uns mitgekreuzigt wurde, damit der sündige Leib vernichtet werde und wir nicht mehr der Sünde dienen.“15 Unter der Kreuzigung des inneren Menschen sind die Leiden der Buße und die Schmerzen heilsamer Enthaltsamkeit zu verstehen. Durch diesen Tod wird der Tod der Gottlosigkeit vernichtet, in dem uns Gott verließ. Daher wird durch dieses Kreuz der Leib der Sünde vernichtet, damit wir unsere Glieder nicht mehr der Sünde zu Werkzeugen der Ungerechtigkeit hingeben.16 Wenn nämlich auch der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert wird,17 so ist er sicher alt, bevor er erneuert wird. Denn im Inneren vollzieht sich, wovon der Apostel spricht: „Legt den alten Menschen ab und ziehet einen neuen an!“18 Das erklärt er gleich darauf so: „Darum legt ab die Lüge, und jeder rede die Wahrheit!“19 Die Lüge legt man aber doch nur im Inneren ab, auf daß auf dem heiligen Berge Gottes wohne, wer die Wahrheit spricht in seinem Herzen.20 Daß die Auferstehung des Herrn in Beziehung steht zum Geheimnis unserer inneren Auferstehung, ergibt sich aus den Worten, die er nach der Auferstehung zu einer Frau sagte: „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater.“21 Mit diesem geheimnisvollen Worte stimmt ein Ausspruch des Apostels überein: „Wenn ihr mit Christus auferstanden seid, so suchet, was droben ist, wo Christus ist zur Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist!“22 Christus nicht berühren, bevor er zum Vater aufgefahren ist, heißt nämlich: von Christus nicht irdisch denken. Ein Beispiel aber für den Tod unseres äußeren [S. 148] Menschen stellt der leibliche Tod des Herrn dar, weil er durch sein Leiden vor allem seinen Dienern die Mahnung gab, jene nicht zu fürchten, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können.23 Deshalb sagt der Apostel: „Ich ergänze an meinem Fleisch, was von Christi Leiden noch aussteht.“24 Daß die leibliche Auferstehung des Herrn ein Vorbild für die Auferstehung unseres äußeren Menschen ist, ergibt sich aus dem Worte, das er zu seinen Jüngern sagte: „Tastet mich an und seht! Ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr es an mir seht.“25 Einer von seinen Jüngern, der auch die Wundmale berührte, rief aus: „Mein Herr und mein Gott!“26 Als sich sein Leib ganz unversehrt erwies, da zeigte sich die Wahrheit des an die Seinigen gerichteten Trostwortes: „Kein Haar eures Hauptes wird verlorengehen.“27 Warum anders sagte er zuerst: „Rühr’ mich nicht an, denn ich bin noch nicht zu meinem Vater aufgefahren“, während er sich von den Jüngern vor seiner Auffahrt berühren ließ, als deshalb, weil er das eine Mal auf das Geheimnis des inneren Menschen hinweisen wollte, während das andere Mal ein Vorbild für den äußeren gegeben werden sollte? Oder ist etwa jemand so dumm und der Wahrheit ferne, daß er die Behauptung wagt, vor seiner Auffahrt sei er nur von Männern, nach seiner Auffahrt auch von Frauen berührt worden? Mit Bezug auf das im Herrn gegebene Vorbild für unsere zukünftige leibliche Auferstehung sagt der Apostel: „Christus als Erstling, dann jene, die Christus angehören.“28 Jene Stelle handelt nämlich von der leiblichen Auferstehung. Sie hat er auch im Auge, wenn er sagt: „Er wird unsern armseligen Leib umwandeln und seinem verherrlichten Leibe gleichgestalten.“29 Der eine Tod unseres Erlösers wurde also unserem zweifachen Tode zum Heil. Und die eine Auferstehung Christi verschaffte uns eine zweifache Auferstehung. Sein Leib diente [S. 149] nämlich bei beiden Geschehnissen, nämlich bei seinem Tode und bei seiner Auferstehung, als Geheimnis für den inneren Menschen und als Vorbild für den äußeren, in heilbringendem Zusammenstimmen.

1: Röm. 4, 5.
2: 2 Kor. 4, 16.
3: 1 Joh. 3, 2.
4: Weish. 9, 15.
5: Job 7, 1.
6: Ps. 142, 2 [hebr. Ps. 143, 2].
7: Matth. 8, 22.
8: Eph. 5, 14.
9: 1 Tim. 5, 6.
10: Röm. 8, 10.
11: Röm. 1, 17.
12: Röm. 8, 11.
13: 2 Kor. 4, 16.
14: Ps. 21, 2 [hebr. Ps. 22, 2]; Matth. 27, 46.
15: Röm. 6, 6.
16: Röm. 6, 13.
17: 2 Kor. 4, 16.
18: Eph. 4, 22. 24.
19: Eph. 4, 25.
20: Ps. 14, 1. 3 [hebr. Ps. 15, 1. 3].
21: Joh. 20, 17.
22: Kol. 3, 1 f.
23: Matth. 10, 28.
24: Kol. 1, 24.
25: Luk. 24, 39.
26: Joh. 20, 28.
27: Luk. 21, 18.
28: 1 Kor. 15, 23.
29: Phil. 3, 21.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger