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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
VIERTES BUCH. Zweck der Sendung des Sohnes bzw. der Menschwerdung.

21. Kapitel. Die sichtbare Offenbarung der Dreieinigkeit.

Was aber die sinnfällige Offenbarung des Heiligen Geistes betrifft, sei es, daß sie in der Gestalt einer Taube1 oder in feurigen Zungen erfolgte,2 so wage ich nicht zu behaupten, daß vorher nichts Derartiges geschah, da ein Gott unterworfenes und dienendes Geschöpf durch zeithafte Bewegungen und Gestalten seine Substanz, die ebenso ewig und unwandelbar ist wie jene des Vaters und Sohnes, kundtat, jedoch nicht mit dem Heiligen Geiste zur Einheit der Person verbunden wurde, wie das beim Fleische der Fall war, welches das Wort wurde.3 Doch möchte ich ganz zuversichtlich behaupten, daß Vater, Sohn und Heiliger Geist, im Besitze einer und derselben Substanz, der Schöpfer Gott, die allmächtige Dreieinigkeit, untrennbar sind in ihrem Wirken, daß sie aber durch das ganz andere und insbesondere durch das stoffliche Geschöpf nicht untrennbar dargestellt werden können. So können die Worte Vater, Sohn und Heiliger Geist, welche hörbar erklingen, nur in jeweils ganz genau bestimmten, klar voneinander geschiedenen Zeitteilen ausgesprochen werden, wie sie eben die Silben des betreffenden Wortes gerade fordern. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind also in ihrer Substanz, durch welche sie sind, trotz ihrer Dreiheit eins, keine zeithafte Bewegung stört die über jede geschöpfliche Wirklichkeit erhabene Einheit; es gibt da keine Zeit- oder Ortsunterschiede; sie sind allzumal ein und dasselbe von Ewigkeit zu Ewigkeit wie die Ewigkeit [S. 184] selbst, die nicht ohne Wahrheit und Liebe sein kann. In meinen Worten aber sind Vater, Sohn und Heiliger Geist getrennt, ja ich kann sie gar nicht gleichzeitig nennen. Ebenso nehmen sie in den sichtbaren Buchstaben, durch die man sie ausdrückt, jeweils getrennt einen bestimmten Raum ein. So ähnlich ist es, wenn ich mein Gedächtnis, meine Vernunft und meinen Willen nenne. Da beziehen sich die einzelnen Worte auf je einen Gegenstand, doch ist jedes von allen dreien zugleich gebildet. Denn keines von diesen drei Worten kann ausgesprochen werden, ohne daß Gedächtnis, Vernunft und Wille zugleich am Werke wären. So hat die ganze Dreieinigkeit zugleich die Stimme des Vaters, das Fleisch des Sohnes und die Taube des Heiligen Geistes gewirkt, während sich jede Erscheinung immer nur auf eine Person bezog. Durch dieses Gleichnis läßt sich erkennen, daß die in sich untrennbare Dreieinigkeit durch die Bilder der sichtbaren Schöpfung getrennt geoffenbart wird und daß das Wirken der Dreieinigkeit auch bei jenen Geschehnissen untrennbar ist, welche jeweils nur den Vater oder den Sohn oder den Heiligen Geist offenbaren sollen.

31. Wenn man mich also fragt, wie jene Stimmen oder sinnfälligen Gestalten und Bilder vor der Fleischwerdung des Wortes Gottes entstanden sind, welche dieses in der Zukunft liegende Ereignis vorher vorbilden sollten, so erwidere ich, daß Gott diese Erscheinungen durch Engel gewirkt hat. Ich habe das auch durch Zeugnisse der Heiligen Schrift, wie ich glaube, hinlänglich bewiesen. Wenn man aber fragt, wie die Menschwerdung selbst geschah, so sage ich, daß das Wort Gottes selber Fleisch, das heißt Mensch wurde; nicht jedoch wurde es in das, was es wurde, umgewandelt und umgestaltet; vielmehr geschah die Menschwerdung so, daß die neue Wirklichkeit nicht nur Wort Gottes und Fleisch des Menschen ist, sondern auch eine menschliche Geistseele, und daß dieses Ganze sowohl Gott [S. 185] heißt Gottes wegen als auch Mensch des Menschen wegen. Wenn das schwer zu begreifen ist, so muß der Geist durch den Glauben gereinigt werden, sich mehr und mehr der Sünde enthalten, Gutes tun und mit den Seufzern heiligen Sehnens beten, daß er mit göttlicher Hilfe vorankomme und zum Begreifen und Lieben gelange. Wenn man aber fragt, wie nach der Menschwerdung des Wortes die Stimme des Vaters entstand oder die körperliche Erscheinung, welche die Gegenwart des Heiligen Geistes offenbarte, so zweifle ich nicht daran, daß es durch Vermittlung eines Geschöpfes geschah. Ob jedoch nur ein stoffliches und sinnfälliges Geschöpf oder ein Verstandes- oder geistbegabtes, körperloses Wesen — so wollten manche das griechische νοερόν [noeron] übersetzen — seine Dienste lieh, nicht indem es zur Personeneinheit verbunden wurde — wer möchte etwa behaupten, daß jenes Geschöpf, durch dessen Vermittlung die Stimme des Vaters erklang, mag es sein was immer, so Gott Vater ist, und daß jenes Geschöpf, durch welches unter der Gestalt der Taube oder feuriger Zungen die Gegenwart des Heiligen Geistes geoffenbart wurde, mochte es sein was immer, so der Heilige Geist ist, wie der Sohn Gottes jener Mensch ist, welcher aus der Jungfrau geboren wurde? —, sondern nur, indem es als Gleichnis diente, das nach Gottes Ratschluß dargeboten werden sollte, oder ob irgendeine andere Wirklichkeit darunter zu verstehen ist, das festzustellen ist nicht leicht, und eine gewagte Behauptung hat keinen Zweck. Wie freilich diese Erscheinungen ohne Vermittlung eines verstandesbegabten oder geistbegabten Geschöpfes erfolgen konnten, vermag ich nicht einzusehen. Es ist hier nicht der Ort, diese meine Meinung zu begründen, soweit mir Gott hierzu überhaupt die Fähigkeit gibt. Zuerst sind nämlich die Beweise der Häretiker darzulegen und zu widerlegen, welche sie nicht aus der Heiligen Schrift, sondern aus ihrem eigenen Verstande hervorziehen, durch sie sich mächtig gezwungen fühlen, die [S. 186] Schriftzeugnisse vom Vater, Sohne und Heiligen Geiste nach ihrem eigenen Willen zu erklären.

32. Für jetzt habe ich, wie ich glaube, hinlänglich bewiesen, daß der Sohn deshalb, weil er vom Vater gesandt ist, nicht geringer ist, und daß der Heilige Geist deshalb, weil der Vater und Sohn ihn sandten, nicht geringer ist. Derartige Aussagen der Heiligen Schrift weisen, wie sich ersehen läßt, hin auf die sichtbare Offenbarung einer Person oder richtiger auf den Urgrund der Dreieinigkeit, nicht auf Ungleichheit, Verschiedenheit oder Unähnlichkeit der Substanz. Auch wenn nämlich der Vater durch das Medium eines ihm unterworfenen Geschöpfes sichtbar hätte erscheinen wollen, wäre es Torheit zu sagen, er sei vom Sohne, den er erzeugte, oder vom Heiligen Geiste, welcher von ihm hervorging, gesandt worden.

Doch dieser Band ist nun umfangreich genug geworden. In den folgenden Büchern wollen wir die schlauen Argumente der Häretiker und ihre Widerlegung kennenlernen.

1: Matth. 3, 16.
2: Apg. 2, 3.
3: Joh. 1, 14.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger