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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
VIERTES BUCH. Zweck der Sendung des Sohnes bzw. der Menschwerdung.

20. Kapitel. Der Sendende und Gesandte sind gleich. Die Sendung des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der Vater ist der Urgrund der Gottheit.

27. Wenn es aber vom Sohne deshalb heißt, daß er vom Vater gesandt ist, weil der eine Vater ist, der andere Sohn, so hindert nichts, zu glauben, daß der Sohn dem Vater gleich ist und von einer und derselben Substanz und Ewigkeit ist wie er und daß er doch von ihm gesandt ist. Nicht als ob der eine größer, der andere kleiner wäre, sondern weil der eine Vater, der andere Sohn ist, der eine Erzeuger, der andere Erzeugter, der eine es ist, von dem der Gesandte sein Sein hat, der andere es ist, welcher von dem [S. 177] Sendenden sein Sein hat. Der Sohn ist nämlich vom Vater, nicht der Vater vom Sohne. So kann man nun verstehen, daß der Sohn nicht nur deshalb gesandt heißt, weil das Wort Fleisch geworden ist,1 sondern daß er deshalb gesandt wurde, damit das Wort Fleisch werde und in seiner leiblichen Gegenwart die von der Schrift angekündigten Werke vollführe. Das bedeutet: Es soll nicht nur angenommen werden, daß der Mensch gesandt wurde, der das Wort Gottes geworden ist, sondern auch, daß das Wort Gottes gesandt wurde, auf daß es Mensch werde. Denn nicht sofern er dem Vater ungleich ist an Macht oder Sein oder einer sonstigen Bestimmung, wurde er gesandt, sondern sofern der Sohn vom Vater ist, nicht aber der Vater vom Sohne. Das Wort des Vaters nämlich ist der Sohn, welcher auch seine Weisheit heißt. Was ist also Auffallendes daran, wenn er gesandt wird, nicht weil er dem Vater ungleich ist, sondern weil „er der wahre Ausfluß des Glanzes des allmächtigen Gottes ist“?2 Dort aber ist der Ausfließende und sein Ursprung von einer und derselben Substanz. Es ist ja nicht so wie beim Wasser, das aus einer Quelle in der Erde oder im Gestein fließt, sondern wie beim Lichte, das vom Lichte kommt. Wenn es nämlich heißt: „Er ist der Glanz des ewigen Lichtes“,3 was heißt das anderes als: Er ist das Licht des ewigen Lichtes? Was ist denn der Glanz des Lichtes anderes als Licht? Deshalb ist er ebenso ewig wie das Licht, von dem er Licht ist. Die Schrift wollte jedoch lieber „Glanz des Lichtes“ als Licht des Lichtes sagen, damit das hervorfließende Licht nicht für weniger hell gehalten werde als seine Quelle. Wenn man nämlich hört, daß es sein Glanz sei, liegt es näher, zu glauben, daß durch das ausfließende das andere leuchte, als daß ersteres weniger hell leuchte. Da nämlich nicht die Meinung, das erzeugende Licht sei geringer als das erzeugte, abzuwehren war — kein Häretiker hat nämlich jemals eine [S. 178] solche Behauptung gewagt, und man braucht nicht zu fürchten, daß sie jemals einer wagen wird —, trat die Heilige Schrift der Vorstellung entgegen, daß das ausfließende Licht geringer sei als das, von dem es ausfließt. Diese Vermutung zerstörte sie mit dem Wort: „Er ist der Glanz jenes Lichtes“, nämlich des ewigen Lichtes. So zeigte sie seine Gleichheit. Wenn es nämlich geringer wäre, dann wäre es seine Finsternis, nicht sein Glanz. Wäre es größer, dann würde es nicht von ihm ausfließen. Das ausfließende kann ja nicht jenes überragen, von dem es hervorgebracht wird. Weil es also von jenem ausfließt, ist es nicht größer; weil es aber nicht seine Finsternis, sondern sein Glanz ist, ist es nicht kleiner. Es ist also gleich. Man darf sich nicht etwa dadurch bedenklich machen lassen, daß es der wahre Ausfluß des Glanzes des allmächtigen Gottes heißt, gleich als ob es selbst nicht allmächtig wäre, sondern nur der Ausfluß des Allmächtigen. Gleich darauf heißt es nämlich von diesem Ausfluß: „Obgleich er einzig ist, vermag er alles.“4

Wer alles kann, ist aber doch allmächtig. Er wird also von jenem gesandt, von dem er ausfließt. So wird er nämlich erbeten von dem, der ihn liebte und ersehnte. „Sende ihn“, sagt dieser, „aus von deinem heiligen Himmel und sende ihn von dem Sitze deiner Größe, auf daß er mit mir sei und mit mir arbeite!“5 Das heißt: Er lehre mich das Michmühen, damit ich mich nicht zermühe. Die Mühen sind nämlich seine Tugenden. In anderer Weise erfolgt jedoch seine Sendung, damit er unter den Menschen sei, in anderer, damit er selber Mensch sei. „In heilige Seelen nämlich übergehend, erzeugt er Gottes Freunde und Propheten“,6 wie er auch die heiligen Engel erfüllt und durch ihre Vermittlung alles wirkt, wofür ihre Dienste passen. Als aber die Fülle der Zeit kam,7 wurde er gesandt, nicht damit er die Engel erfülle, noch auch damit er selber ein Engel [S. 179] sei — außer sofern er den Ratschluß des Vaters verkündete, der auch sein Ratschluß war —, noch auch damit er unter den Menschen oder mit den Menschen sei — so war er ja auch schon früher mit den Patriarchen und Propheten —, sondern damit das Wort selbst Fleisch, das heißt Mensch wurde. In diesem in der Zukunft enthüllten Geheimnis sollte das Heil auch jener Weisen und Heiligen liegen, die vom Weibe geboren wurden, bevor er von der Jungfrau geboren wurde. In diesem Ereignis und in dieser Botschaft sollte das Heil aller Glaubenden, Hoffenden und Liebenden liegen. Denn das „ist ein großes Geheimnis der Frömmigkeit. Es ist erschienen im Fleische, beglaubigt im Geiste, kundgetan den Engeln, verkündet den Völkern, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit“.8

28. Das Wort Gottes empfängt also von jenem seine Sendung, dessen Wort es ist, von jenem, von dem es geboren ist. Die Sendung erteilt der Zeugende, empfängt der Gezeugte. Jedem einzelnen wird das Wort Gottes gesandt, wenn es von ihm erkannt und ergriffen wird, soweit es nach der Fassungskraft der zu Gott hinstrebenden oder schon in Gott vollendeten Geistseele erkannt und ergriffen werden kann. Nicht also schon deshalb, weil er vom Vater geboren ist, heißt der Sohn gesandt, sondern entweder deshalb, weil das fleischgewordene Wort der Welt erschienen ist — deshalb sagt er:„Ich bin vom Vater ausgegangen und in diese Welt gekommen“9 —, oder deshalb, weil er in der Zeit vom Geiste eines Menschen ergriffen wird. In diesem Sinne heißt es: „Sende ihn, auf daß er mit mir sei und mit mir arbeite!“10 Soferne er also von Ewigkeit geboren ist, ist er ewig; er ist ja der Glanz des ewigen Lichtes. Sofern er aber in der Zeit gesandt wird, wird er von jedem erkannt. Als jedoch der Sohn Gottes im Fleische erschienen ist, wurde er in diese Welt gesandt, in der Fülle der Zeit, geboren aus dem Weibe. „Denn [S. 180] da die Welt mit ihrer Weisheit Gott in seiner göttlichen Weisheit nicht erkennen konnte“ — es leuchtete ja das Licht in der Finsternis, und die Finsternis hat ihn nicht erkannt —, „gefiel es Gott, durch die Torheit der Predigt die zu retten, die da glauben“,11 so daß das Wort Fleisch wurde und unter uns wohnte.12 Wenn er aber in der Zeit von einem, der zu Gott hinstrebt, im Geiste ergriffen wird, dann heißt er zwar gesandt, aber nicht in diese Welt. Denn er erscheint dabei nicht sinnfällig, das heißt, er ist nicht den körperlichen Sinnen gegenwärtig. Sind doch auch wir, wenn wir mit dem Geiste eine ewige Wirklichkeit, so gut wir können, erfassen, nicht in dieser Welt; ja, die Geister aller Gerechten sind, auch wenn sie noch im Fleische leben, soweit sie Göttliches denken, nicht in dieser Welt. Wenn indes der Vater in der Zeit von jemandem erkannt wird, so sagt man nicht, daß er gesandt wurde. Er hat ja niemanden, von dem er wäre oder hervorginge. Die Weisheit hingegen sagt: „Ich bin aus dem Munde des Allerhöchsten hervorgegangen.“13 Und vom Heiligen Geiste heißt es: „Er geht vom Vater aus.“14 Der Vater aber ist von niemandem.

29. Wie also der Vater zeugte, der Sohn gezeugt wurde, so sandte der Vater, wurde der Sohn gesandt. Wie jedoch der Zeugende und der Gezeugte eins sind, so der Sendende und der Gesandte. Vater und Sohn sind ja eins.15 Auch der Heilige Geist ist mit ihnen eins, weil die drei eins sind. Wie nämlich das Geborensein für den Sohn so viel bedeutet wie vom Vater sein, so bedeutet das Gesandtwerden für ihn so viel wie erkennen lassen, daß er von ihm ist.

Und wie für den Heiligen Geist Geschenk-Gottes-sein so viel ist wie vom Vater hervorgehen, so bedeutet für ihn Gesandtwerden so viel wie erkennen lassen, daß er von ihm hervorgeht. Wir können dabei nicht sagen, daß der Heilige Geist nicht auch vom Sohne hervorgeht. [S. 181] Denn nicht grundlos heißt ein und derselbe Geist der Geist des Vaters und Sohnes. Ich sehe wenigstens nicht, welch andere Bedeutung er mit dem Worte „Empfanget den Heiligen Geist“16 hätte verbinden sollen, das er sprach, indem er die Jünger anhauchte. Dieser körperliche Hauch, der aus dem Körper herauskam und die Empfindung körperlicher Berührung weckte, war ja nicht die Substanz des Heiligen Geistes; er sollte vielmehr als passendes Symbol zeigen, daß der Heilige Geist nicht nur vom Vater, sondern auch vom Sohne hervorgeht. So wahnsinnig wird ja niemand sein, zu glauben, daß ein anderer der Geist war, den er durch Hauchen mitteilte, ein anderer jener, den er nach der Himmelfahrt sandte.17 Einer ist ja der Geist Gottes, der Geist des Vaters und Sohnes, der Heilige Geist, welcher alles in allen wirkt.18 Daß er zweimal gegeben wurde, war zweifellos nur eine Vervielfältigung des Symbols, über das ich am rechten Ort, wenn es Gottes Wille ist, sprechen werde. Wenn also der Herr sagt: „den ich euch vom Vater senden werde“,19 so zeigte er dadurch, daß der Geist des Vaters und Sohnes Geist ist. Auch als er sagte: „den der Vater senden wird“, fügt er hinzu: „in meinem Namen“.20 Nicht indes sagte er: den der Vater von mir senden wird, wie er sagte: „den ich euch vom Vater senden werde“, dadurch anzeigend, daß der Vater der Urgrund der ganzen Göttlichkeit oder, wenn man richtiger so sagt, der ganzen Gottheit ist. Derjenige also, der vom Vater und Sohn hervorgeht, wird auf den zurückgeführt, von dem der Sohn geboren ist. Welchen anderen Sinn sollte das Wort des Evangelisten: „Der Heilige Geist war noch nicht mitgeteilt, weil Jesus noch nicht verherrlicht war“,21 haben als den, daß die nach der Verherrlichung Christi sicher zu erwartende Mitteilung oder Sendung von einer solchen Art war wie keine zuvor. Denn nicht gab es vorher überhaupt keine Mitteilung [S. 182] des Heiligen Geistes, sondern nur keine von dieser Art. Wenn nämlich vorher der Heilige Geist nicht mitgeteilt worden wäre, wer hätte denn dann die Propheten erfüllt, so daß sie reden konnten? Die Schrift sagt doch offenkundig und bezeugt es an vielen Stellen, daß sie durch den Heiligen Geist gesprochen haben. Auch von Johannes dem Täufer heißt es ja: „Schon vom Mutterschoße an wird er vom Heiligen Geiste erfüllt sein.“22 Vom Heiligen Geiste zeigt sich sein Vater Zacharias erfüllt, indem er von ihm derartige Dinge aussagte. Vom Heiligen Geiste zeigt sich Maria erfüllt, indem sie vom Herrn, den sie in ihrem Schoße trug, derartige Dinge erzählte.23 Vom Heiligen Geiste zeigten sich Simeon und Anna erfüllt, indem sie die Größe des kleinen Christus erkannten.24 Wie ist also zu verstehen, daß „der Heilige Geist noch nicht mitgeteilt war, weil Jesus noch nicht verherrlicht war“? Doch nur so, daß diese Mitteilung, Schenkung oder Sendung des Heiligen Geistes, wenn sie einmal eintraf, ihre Eigentümlichkeit bei seiner Ankunft haben sollte wie keine je zuvor. Denn nirgends lesen wir, daß die Menschen, als der Heilige Geist auf sie herabkam, in Sprachen gesprochen haben, die sie nicht kannten, wie es damals geschah, als sein Kommen durch sinnfällige Symbole geoffenbart werden sollte, welche kundtun sollten, daß der ganze Erdkreis und alle Völker mit ihren verschiedenen Sprachen durch das Geschenk des Heiligen Geistes zum Glauben an Christus kommen werden. So sollte das Psalmenwort in Erfüllung gehen: „Nicht Reden sind es noch Worte, deren Laute nicht vernehmlich wären; über die ganze Erde hin dringt ihr Schall und bis an die Grenzen des Erdkreises ihr Wort.“25

30. Der Mensch wurde also mit dem Worte Gottes zur Einheit der Person verbunden und in einer gewissen Weise vermischt, als in der Fülle der Zeit der Sohn Gottes in die Welt gesandt wurde, geworden aus dem [S. 183] Weibe, auf daß er der Menschensöhne wegen Menschensohn sei. Diese Person konnte vorher die Natur des Engels darstellen, um sie vorherzuverkündigen, nicht aber konnte sie ihr das Eigensein nehmen, so daß der Engel selbst das Wort Gottes geworden wäre.

1: Joh. 1, 14.
2: Weish. 7, 25.
3: Weish. 7, 26.
4: Weish. 7, 27.
5: Weish. 9, 10.
6: Weish. 7, 27.
7: Gal. 4, 4.
8: 1 Tim. 3, 16.
9: Joh. 16, 28.
10: Weish. 9, 10.
11: 1 Kor. 1, 21.
12: Joh. 1, 14.
13: Ekkli. 24, 5 [Vulg.] [= Ekklisiastikus = Sirach; Septuag. u. hebr. = Sirach 24, 3].
14: Joh. 15, 26.
15: Joh. 10, 30.
16: Joh. 20, 22.
17: Apg. 2, 1―4.
18: 1 Kor. 12, 6.
19: Joh. 15, 26.
20: Joh. 14, 26.
21: Joh. 7, 39.
22: Luk. 1, 15.
23: Luk. 1, 41―79.
24: Luk. 2, 25―38.
25: Ps. 18, 4 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger