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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
VIERTES BUCH. Zweck der Sendung des Sohnes bzw. der Menschwerdung.

1. Kapitel. Durch die Erkenntnis unserer Schwachheit gelangen wir zu unserer Vollendung.

2. Weil wir jedoch fernab irrten von der unwandelbaren Freude, ohne doch von ihr abgeschnitten und verworfen zu werden, so daß wir nicht auch in diesen wandelbaren und vergänglichen Dingen Ewigkeit, Wahrheit und Glück suchten — wir wollen nämlich nicht sterben, nicht getäuscht werden und nicht elend sein —, deshalb sind uns von Gott Erscheinungen gesandt worden, die unserer Pilgerschaft entsprachen, durch die wir erinnert werden sollten, daß nicht hier ist, was wir suchen, daß wir vielmehr aus der Fremde dorthin zurückkehren müssen, wovon wir abhängig sind — wären wir es nicht, würden wir nicht jene Güter suchen. Zuerst mußten wir die Überzeugung gewinnen, daß uns Gott sehr liebt, damit wir nicht verzweifeln und den Mut verlieren, uns zu ihm hin aufzurichten. Damit wir uns aber nicht unserer Verdienste wegen überheben und so uns noch weiter von ihm entfernen und eben in unserer Kraft noch mehr versagen, mußte uns gezeigt werden, wie wir, die er liebte, beschaffen waren. Deshalb war er mit uns tätig, damit wir durch seine Kraft eher vorankämen und so in der Schwachheit der Demut die Tugend der Liebe vollendet werde. Das ist gemeint mit dem Psalmvers: „Du läßt wieder einen Gabenregen strömen, o Gott, für dein Erbe; es ist schwach geworden; du aber erquickst es.“1 Unter „Gabenregen“ soll nichts anderes verstanden werden als die Gnade, die nicht als Lohn [S. 141] für Verdienste, sondern gnadenhaft gegeben wird; daher heißt sie ja auch Gnade. Er gab sie nämlich, nicht weil wir würdig waren, sondern weil er wollte. Wenn wir das erkennen, dann werden wir nicht mehr auf uns selber bauen, das heißt schwach werden. Derjenige aber wird uns zur Vollendung führen, der auch zum Apostel Paulus sagte: „Meine Gnade genügt dir. Denn die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung.“2

Der Mensch mußte also überzeugt werden von der Größe der Liebe Gottes und von seiner eigenen Beschaffenheit, das erstere, damit wir nicht verzweifeln, das letztere, damit wir uns nicht überheben. Diesen höchst notwendigen Vorgang erklärt der Apostel folgendermaßen: „Gott aber beweist seine Liebe zu uns dadurch, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Nachdem wir nun durch sein Blut gerechtfertigt sind, werden wir um so sicherer durch ihn vor dem Zorn bewahrt bleiben. Denn wurden wir durch den Tod seines Sohnes mit Gott versöhnt, als wir noch seine Feinde waren, so werden wir um so viel sicherer, nachdem wir versöhnt sind, durch sein Leben errettet werden.“3 Und an einer anderen Stelle: „Was sollen wir dazu sagen? Wenn Gott für uns ist, wer ist dann wider uns? Wenn er seines eigenen Sohnes nicht geschont hat, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht alles andere schenken?“4 Der gleiche Sachverhalt, der uns hier verkündet wird, wurde den Gerechten der alten Zeit für die Zukunft kundgemacht, damit auch sie in gläubiger Hinnahme sich demütigten und ihre Ohnmacht erkannten und, ihre Schwachheit bekennend, zur Vollendung gelangten.

3. Weil es also ein einziges Wort Gottes gibt, durch das alles geworden ist, das selber die unwandelbare Wahrheit ist, so ist alles ursprünglich und unwandelbar allzumal in ihm, nicht nur, was jetzt im Gesamtbereich dieser Schöpfung existiert, sondern auch das Zukünftige [S. 142] und das Vergangene. Dort besaßen freilich die Dinge keine Zukunft und keine Vergangenheit, sondern nur ein gegenwärtiges Sein. Alle Dinge sind dort Leben, alle sind dort eins, ja alles ist dort eine unterschiedslose Einheit, ein einziges Leben. Alles, was geworden ist, ist ja so durch das Wort geworden, daß es vorher in ihm Leben war, und dieses war nicht geschaffen. Denn das Wort wurde „im Anfang“ nicht geschaffen, sondern „das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort, und alles ist durch dasselbe geworden“5 Nicht wäre alles durch das Wort geworden, wenn es nicht vor allem Existenz hätte und selber unerschaffen wäre. Zu den Dingen, die durch das Wort geschaffen wurden, gehört auch der Körper, der kein Leben ist. Er würde nicht durch das Wort geschaffen, wenn er nicht in ihm, bevor er wird, Leben wäre. Denn was geworden ist, war schon Leben in ihm,6 und zwar nicht irgendein Leben; auch die Seele ist ja das Leben des Leibes; aber auch sie ist geschaffen, weil sie wandelbar ist. Wodurch wäre sie geschaffen, wenn nicht durch das unwandelbare Wort Gottes? Denn „alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort ist nichts geworden“. Was also geworden ist, war schon „Leben in ihm“, und zwar nicht irgendein Leben, sondern jenes Leben, welches das Licht der Menschen ist, das Licht nämlich des vernunftbegabten Geistes, durch welchen sich die Menschen von den Tieren unterscheiden und durch den sie eben Menschen sind. Nicht also ist es ein körperliches Licht, welches für das Fleisch leuchtet, mag es vom Himmel herunterleuchten oder mag es an einer irdischen Flamme entzündet werden, nicht nur für die Sinne der Menschen, sondern auch der Tiere bis zum kleinsten Gewürm herab; denn alle diese sehen jenes Licht. Jenes Leben aber ist das Licht der Menschen, und nicht ferne von jedem von uns ist es aufgestellt. Denn „in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“.7

1: Ps. 67, 10 [hebr. Ps. 68, 10].
2: 2 Kor. 12, 9.
3: Röm. 5, 8―10.
4: Röm. 8, 31 f.
5: Joh. 1, 1. 3.
6: Joh. 1, 3 f.
7: Apg. 17, 27 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger