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Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
ERSTES BUCH. Erweis der Einheit und Gleichheit der drei göttlichen Personen auf Grund der Schrift. Erklärung einiger anscheinend gegen die Gleichheit des Sohnes sprechender Schrifttexte.

6. Kapitel. Der Sohn ist wahrer Gott und eines Wesens mit dem Vater, ebenso der Heilige Geist.

[S. 13] 9. Diejenigen, welche sagten, unser Herr Jesus Christus sei nicht Gott oder sei nicht wahrer Gott oder nicht mit dem Vater der eine und alleinige Gott oder er sei, weil wandelbar, nicht wirklich unsterblich, sind durch die Stimme der göttlichen Zeugnisse klar und eindeutig widerlegt worden. Dahin gehören die Worte: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“1 Es ist nämlich offenkundig, daß wir unter dem Worte Gottes den einzigen Sohn Gottes zu verstehen haben, von dem es nachher heißt: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“,2 wegen seiner Menschwerdung nämlich und Geburt, die in der Zeit aus der Jungfrau erfolgte. An dieser Stelle aber erklärt die Schrift, daß er nicht nur Gott ist, sondern daß er auch von derselben Substanz ist wie der Vater. Denn nachdem sie gesagt hat: „Und Gott war das Wort“, fährt sie fort: „Dies war im Anfang bei Gott, alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts gemacht“3 Sie versteht ja unter „alles“ nichts anderes als die gewordene Wirklichkeit, das heißt die ganze Schöpfung. Daraus ergibt sich klar und bestimmt, daß er selber nicht geworden ist, wo doch alles durch ihn geworden ist. Wenn er aber nicht geworden ist, dann ist er kein Geschöpf; wenn er aber kein Geschöpf ist, dann ist er von derselben Substanz wie der Vater. Denn jede Substanz, die nicht Gott ist, ist Geschöpf, und die nicht Geschöpf ist, ist Gott. Wenn also der Sohn nicht von derselben Substanz ist wie der Vater, dann ist er eine gewordene Substanz; wenn er eine gewordene Substanz ist, dann ist nicht alles durch ihn geworden. Nun aber „ist alles durch ihn geworden“.4 Also ist er von einer und derselben Substanz wie der Vater. Daher ist er [S. 14] nicht nur Gott, sondern auch wahrer Gott. Ebenso schildert Johannes den Sachverhalt mit ganz durchsichtigen Worten in seinem Briefe: „Wir wissen, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns Einsicht gegeben hat, daß wir den wahren Gott erkennen und in seinem wahren Sohn Jesus Christus sind. Dieser ist der wahre Gott und das ewige Leben.“5

10. Daraus ergibt sich folgerichtig auch, daß das Wort des Apostels Paulus: „der allein Unsterblichkeit besitzt“,6 nicht nur vom Vater gemeint ist, sondern von dem einen und alleinigen Gott, welcher eben die Dreieinigkeit ist. Ist doch das ewige Leben nicht auf Grund irgendeiner Wandelbarkeit sterblich. Deshalb ist der Sohn Gottes, weil er „das ewige Leben ist“,7 mit dem Vater auch seinerseits mitgemeint, wenn es heißt: „der allein Unsterblichkeit besitzt“. Seines ewigen Lebens teilhaftig geworden, werden ja auch wir nach unserem kleinen Maß unsterblich. Etwas anderes aber ist das ewige Leben, dessen wir teilhaftig werden, etwas anderes sind wir, die wir durch die Teilnahme an ihm in Ewigkeit leben werden. Wenn er nämlich auch gesagt hätte: Ihn wird zu seiner Zeit kundtun der Vater, der selige und alleinige Gebieter, der König der Könige und Herr der Herrscher, der allein Unsterblichkeit besitzt, auch dann dürfte man von dem Sinn des Schrifttextes den Sohn nicht ausschließen. Es hat ja auch der Sohn dadurch, daß er selbst anderswo mit der Stimme der Weisheit — er ist nämlich selbst die Weisheit Gottes8 — sagte: „Den Himmelskreis habe ich allein umschritten“,9 sich nicht vom Vater gesondert. Um wieviel mehr ist man dann berechtigt, das Wort: „der allein Unsterblichkeit besitzt“, nicht nur vom Vater ohne den Sohn zu verstehen, wo es doch an dieser Stelle der Schrift so heißt: „Bewahre das Gebot ohne Fehl und Tadel bis zum Erscheinen unseres Herrn Jesus Christus, den zu [S. 15] seiner Zeit kundtun wird der selige und alleinige Gebieter, der König der Könige und der Herr der Herrscher, der allein Unsterblichkeit besitzt, der im unzugänglichen Lichte wohnt, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Ihm sei Preis und Ruhm in Ewigkeit! Amen“10 In diesen Worten ist weder vom Vater, noch vom Sohne, noch vom Heiligen Geiste für sich gesondert die Rede, sondern vom „seligen und alleinigen Gebieter, dem König der Könige und Herrn der Herrscher“, welcher der eine und alleinige und wahre Gott ist, eben die Dreieinigkeit.

11. Man darf auch nicht auf den Gedanken verfallen, daß diesen Sinn des Schriftwortes die folgenden Worte: „den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann“ in Frage stellen, da sich ja nach meiner Annahme dieses Wort auch auf Christus hinsichtlich seiner Göttlichkeit bezieht; was nämlich die Juden sahen, war nicht die Göttlichkeit; vielmehr sahen und kreuzigten sie die menschliche Natur. Die Göttlichkeit aber kann mit menschlicher Schau in keiner Weise geschaut werden, sie läßt sich vielmehr nur mit einer Schau schauen, darin die Schauenden nicht mehr bloße Menschen, sondern Über-Menschen sind. Mit Recht wird also unter „dem seligen und alleinigen Gebieter“ der Dreieinige Gott verstanden, der „die Ankunft unseres Herrn Jesu Christi zu seiner Zeit“ kundtat. Denn das Schriftwort: „der allein Unsterblichkeit besitzt“ ist im gleichen Sinn zu verstehen wie das Wort: „der allein Wunder wirkt“.11 Ich möchte doch wissen, von wem man dieses Wort verstehen soll: Versteht man es vom Vater allein, wie bleibt dann noch wahr, was der Sohn selbst sagt: „Was nämlich immer der Vater tut, das gleiche tut auf die nämliche Weise der Sohn?“12 Gibt es unter den Wundern etwas Wunderbareres als Tote erwecken und beleben? Nun sagt aber eben der Sohn: „Wie der Vater Tote erweckt und lebendig macht, so macht auch der [S. 16] Sohn lebendig, die er will.“13 Wie sollte man also annehmen, daß nur der Vater Wunder wirkt, wo doch diese Worte weder vom Vater allein noch vom Sohn allein verstanden werden können, sondern ohne Zweifel nur von dem einen, wahren, alleinigen Gott, das heißt vom Vater, Sohne und Heiligen Geiste?

12. Wenn ferner der gleiche Apostel sagt: „Für uns gibt es nur einen Gott, den Vater, von dem alles ist und für den wir sind, und einen Herrn Jesus Christus, durch den alle Dinge und auch wir sind“,14 wer wollte da zweifeln, daß er von der ganzen Schöpfung spricht, wie Johannes in seinem Wort: „Alles ist durch ihn geworden?“15 Ich frage sonach, von wem er anderswo sagt: „Denn aus ihm und durch ihn und für ihn ist alles. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“16 Wenn nämlich hier auch so vom Vater, Sohne und Heiligen Geiste die Rede wäre, daß je ein Wort von je einer Person gilt, daß also „aus ihm“ bedeutet „aus dem Vater“, „durch ihn“ „durch den Sohn“, „in ihm“, „im Heiligen Geiste“, so ist doch klar ersichtlich, daß Vater, Sohn und Heiliger Geist der eine wahre Gott sind, wenn der Apostel in der Einzahl schließt; „Ihm sei Ehre in Ewigkeit.“ Dort nämlich, wo er den ganzen Abschnitt beginnt, sagt er nicht: „O Tiefe des Reichtums der Weisheit und Erkenntnis des Vaters oder Sohnes oder Heiligen Geistes“, sondern „der Weisheit und Erkenntnis Gottes. Wie unerforschlich sind seine Gerichte, wie unergründlich seine Wege. Denn wer erkennt den Sinn des Herrn? Oder wer ist sein Ratgeber? Oder wer gibt ihm zuerst etwas, daß er es ihm vergelten müßte? Aus ihm und durch ihn und für ihn ist ja alles. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“17 Wenn man diesen Text vom Vater allein verstehen will, wie soll dann alles durch den Vater sein, wie es hier heißt, und alles durch den Sohn, wie es in einem Schreiben an die Korinther heißt, wo [S. 17] der Apostel sagt: „und einen Herrn Jesus Christus, durch den alles ist“,18 und wie es im Johannesevangelium heißt: „Alles ist durch ihn geworden?“19 Wenn nämlich das eine durch den Vater, das andere durch den Sohn ist, dann ist nicht mehr alles durch den Vater und nicht mehr alles durch den Sohn. Wenn aber alles durch den Vater und alles durch den Sohn ist, dann ist das gleiche durch den Vater, das auch durch den Sohn ist. Gleich ist also dem Vater der Sohn, und untrennbar ist das Wirken des Vaters und Sohnes. Wenn also etwa den Sohn der Vater schuf, den doch der Sohn selbst nicht schuf, dann ist nicht mehr alles durch den Sohn geworden. Nun ist aber tatsächlich alles durch den Sohn geworden. Also ist er selbst nicht geschaffen, auf daß er mit dem Vater alles schaffe, was geschaffen ist. Zu allem Überfluß hat uns der Apostel auch das klare Wort selbst nicht versagt und ganz offen ausgesprochen: „Da er in Gottes Gestalt war, hielt er es nicht für einen unrechtmäßigen Besitz, Gott gleich zu sein“,20 hier den Vater eigens für sich Gott nennend, wie auch an der anderen Stelle: „Das Haupt Christi aber ist Gott.“21

13. In ähnlicher Weise wurden die Zeugnisse über den Heiligen Geist gesammelt, welche die vor uns diese Fragen erörternden Schriftsteller in ziemlich großem Umfange verwendeten: Nach ihnen ist auch er Gott und kein Geschöpf. Weil er aber kein Geschöpf ist, ist er nicht nur Gott — auch die Menschen werden ja Götter genannt22 —, sondern auch wahrer Gott. Er ist also Vater und Sohn vollkommen gleich und in der Einheit der Dreieinigkeit von gleichem Wesen und gleicher Ewigkeit. Am klarsten erhellt die Wahrheit, daß der Heilige Geist kein Geschöpf ist, aus der Stelle, wo uns geboten wird, nicht einem Geschöpfe, sondern dem Schöpfer zu dienen,23 nicht so wie uns geboten ist, [S. 18] einander mit Liebe zu dienen,24 was im Griechischen δουλεύειν [douleuein] heißt, sondern so, wie man nur Gott dient, was im Griechischen λατρεύειν [latreuein] heißt. Deshalb heißen Götzendiener diejenigen, welche Götzenbildern einen Dienst erweisen, welcher nur Gott gebührt. Dieser Dienst ist nämlich gemeint, wenn es heißt: „Du sollst den Herrn deinen Gott anbeten und ihm allein dienen.“25 Auch das ist im griechischen Text der Schrift deutlicher ausgedrückt. Dort heißt es nämlich: λατρεύσεις [latreuseis]. Wenn wir also einen solchen Dienst dem Geschöpfe nicht erweisen dürfen, da es ja heißt: „Den Herrn deinen Gott sollst du anbeten und ihm allein dienen“ — deshalb verachtet ja auch der Apostel jene, welche mehr dem Geschöpf als dem Schöpfer Ehre und Dienst erweisen —,26 dann ist der Heilige Geist sicher kein Geschöpf, da ihm von allen Heiligen ein solcher Dienst erwiesen wird, nach der Versicherung des Apostels: „Die wahre Beschneidung sind wir, die wir dem Geiste Gottes dienen“27. Im Griechischen steht: λατρεύοντες [latreuontes]. Es haben nämlich auch mehrere lateinische Handschriften die Lesart: „die wir dem Geiste Gottes dienen“. Die griechischen haben sie alle oder fast alle. In einigen lateinischen Ausgaben freilich finden wir nicht den Wortlaut: „Wir dienen dem Geiste Gottes“, sondern: „Wir dienen im Geiste Gott.“ Diejenigen aber, welche hier irren und dem Gewichte des Textes zu beugen sich weigern, finden sie in den Bibelhandschriften nicht auch dieses Wort: „Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Tempel des Heiligen Geistes in euch sind, den ihr von Gott habt?“28 Was aber wäre törichter und gottloser, als daß jemand zu behaupten wagte, die Leiber Christi seien Tempel eines Geschöpfes, das nach ihnen niedriger wäre als Christus? An einer anderen Stelle heißt es nämlich: „Eure Leiber sind Glieder Christi.“29 Wenn aber diejenigen, welche Glieder Christi sind, Tempel [S. 19] des Heiligen Geistes sind, dann ist der Heilige Geist kein Geschöpf. Denn, wem wir unseren Leib als Tempel darbieten, dem müssen wir auch jenen Dienst leisten, den man nur Gott leisten darf, der im Griechischen λατρεία [latreia] heißt. Deshalb fährt die Schrift fort: „Verherrlicht also Gott in eurem Leibe!“30

1: Joh. 1, 1.
2: Joh. 1, 14.
3: Joh. 1, 2 f.
4: Joh. 1, 3.
5: 1 Joh. 5, 20.
6: 1 Tim. 6, 16.
7: 1 Joh. 5, 20.
8: 1 Kor. 1, 24.
9: Ekkli. 24, 8 [= Ekklisiastikus = Sirach].
10: 1 Tim. 6, 14—16.
11: Ps. 71, 19 [hebr. Ps. 72, 19].
12: Joh. 5, 19.
13: Joh. 5, 21.
14: 1 Kor. 8, 6.
15: Joh. 1, 3.
16: Röm. 11, 36.
17: Röm. 11, 33―36.
18: 1 Kor. 8, 6.
19: Joh. 1, 3.
20: Phil. 2, 6.
21: 1 Kor. 11, 3.
22: Ps. 81, 6 [hebr. Ps. 82, 6].
23: Röm. 1, 25.
24: Gal. 5, 13.
25: Deut. 6, 13.
26: Phil. 3, 2.
27: Phil. 3, 3.
28: 1 Kor. 6, 19.
29: 1 Kor. 6, 15.
30: 1 Kor. 6, 20.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger