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Ephräm d. Syrer († 373) - Hymnen gegen die Irrlehren (Hymnen contra haereses)

51.1

Nach derselben Melodie.

1. Wie konnte der Gute, der süße und liebliche Wohltaten spendete, auch furchtbare und gewaltige Übel geben? Er ist ein verständiger Arzt, der weiß, dass die Heilmittel verschieden sein müssen. Er spendete Heilmittel der Güte, und er spendete solche der Gerechtigkeit, um einem jeden Kranken das zu geben, was für ihn zutrifft,

Kehrvers: Preis sei deinen Heilmitteln!

2. Die Krankheit der Gotteslästerung und das Leiden des Stolzes fand sich bei den Kreuzigern, und der Arzt erkannte das Leiden, daß es ein furchtbares Übel und ein abscheulicher Schandfleck sei: da legte er allerlei Wehe auf, Brennen aus Gerechtigkeit, um durch Strenge die Übel des Hochmuts zu vertreiben die infolge der Freiheit überhand genommen.

3. Das Buch des Jesaias erzählt von ihnen [den Juden] furchtbar voller Drohungen die Leiden, die niemals zur Heilung kommen, weil sie sich empörten und sich vom Schatze der Heilmittel entfernten, denn sie sind ein Volk, dessen Wunden stündlich wieder aufbrechen, und bei dem die Quelle seiner Krankheit nie versiegt.

4. Jene Philister, deren Beulen aufbrachen wegen ihrer Sünden 2, wußten, daß Heilmittel für ihre Krankheiten angewendet werden müßten, und es ward ihnen volle Heilung ihrer Krankheiten zuteil; sie brachten dem unsichtbaren Arzte, der in der Bundeslade wohnte, Opfer dar, als Dank für seine Hilfsmittel.

5. Jener gute Arzt, der Sohn des unsichtbaren Arztes, der aus Gnade gesandt wurde, um die Krankheiten zu heilen und die Schwächen zu beseitigen, öffnete unter dem Volke der Hebräer seinen reichen Schatz an seinen Heilmitteln, und es wurden durch seine Arzneien die Kranken gesund, die sich aber dann erhoben und ihm mit dem Kreuze vergalten, das sie ihm bereiteten

6. Eine unheilbare und nicht zu verbindende Wunde erweichte er durch Öl, aber da brach die Quelle ihrer Schmerzen auf, und ihr Leiden siegte über die Arzneien und wurde hartnäckiger. Er gebrauchte sanfte Mittel und ruhte nicht, er gebrauchte strenge und ließ nicht nach, er mischte Arzneien und wandte sich nicht ab, er wurde nachsichtig und hörte nicht auf.

7. Es kam der unsichtbare Arzt, der die verborgenen Dinge erfaßt, und untersuchte jenes Volk, das irrte und in die Irre führte, und sich selbst schmückte. Er mischte seine Milde mit dem Wehe der Gerechtigkeit, um in den Kampf gegen das verborgene Übel einzutreten, damit er als Arzt das Heilmittel für die Heilung zuverlässig mache.

8. Der Gute sah, daß das Volk am Willen krank sei. Krank ist der, der nicht will, daß er zur Genesung gelange. Wunden lassen sich verbinden, Leiden können geheilt werden, schwer aber ist es, einen kranken Willen zu heilen; wenn er aber nachgibt, dann kann der Arzt mit seinen Mitteln obsiegen.

9. Eine häßliche versteckte Gewohnheit ist schwer zu heilen, denn sie ist ein tückisches Leiden; im geheimen schwillt es an, um dem Arzte zu entfliehen, denn verborgen schleicht [wie ein Tropfen] der Tod ins Herz hinein. Auswendig sieht er [der Kranke] schön und gesund aus, im Innern aber ist er faul und modernd; deshalb hat er sie mit geschmückten Gräbern verglichen 3.

10. Er öffnete in seiner Güte jenen Schatz des Lebens, damit jeder Mensch in seiner Freiheit wähle und sich die für ihn geeignete Medizin aussuche. Er ist ein Arzt, der niemals in unseren Krankheiten an scharfen Schnitten und starkem Brennen Gefallen findet, sondern an einem guten und milden Heilmittel, um unsere Wunden zu beseitigen.

11. Wenn nun der Gute, obwohl nicht drohend und leidenschaftlich, doch gegen die Frevler einen sehr scharfen Schnitt, eine sehr starke Arznei, ein sehr heftiges Brennmittel, eine sehr weiche Binde 4 anwandte, so sollen ihn seine Diener nachahmen, um mit dem Eifer der Wahrheit und der Arznei der Gerechtigkeit [Strenge] die Irrenden zu heilen.

12. Das „Wehe“, das unser Herr ausgesprochen, komme über Markion, der über seinen Schöpfer gelästert hat. Das Heilmittel selbst ist ein Beweis gegen die Krankheit der Lästerung 5, daß er nämlich nicht der [strengen] Gerechtigkeit wegen jenes „Wehe“ ausgesprochen habe; und da er [Markion] seinen Wundarzt verleugnete, wurde seine Krankheit nicht geheilt; er behielt seine Krankheit und ging dahin und hat sie sogar seinen Anhängern vererbt.

13. Das „Wehe“, das unser Herr aussprach, traf den Bardaisan, der sieben Wesen [Äonen] aufstellte; denn das Eisen der Wahrheit schnitt ihn ab und gab ihn dahin. Er verkündet die Zeichen des Tierkreises und beobachtet die Stunde [Horoskop] und lehrt die sieben Planeten und forscht nach den Zeiten. Siebenfaches „Wehe“ nahm er dafür hin und vererbte es seinen Jüngern.

14. Die „Wehe“, die unser Herr aussprach, sammelte Mani, denn er verleugnete seinen Schöpfer und lästerte den Heiligen mit jeglichen unpassenden Namen. Auch gegen Moses und die Propheten wütete und lästerte er, und weil er seinen Wundarzt leugnete, wurde er ohne Schonung zerbrochen; die Zerbrechung trug er davon und vererbte sie seinen Anhängern.

15. „Wehe“ sprach er auch über jene aus, die die Schlüssel verbargen und die Kleinen hinderten, in das Reich des Lebens einzutreten. Denjenigen, die durch das Tor, das Tor der Wahrheit, eintreten, gab er Leben; sie aber gleichen Irrenden, die bis zu ihrem Ende herumirren und die Strafe beim Rächer vermehren, der von ihnen Rechenschaft fordert; sie gehen zugrunde und stürzen viele ins Verderben.

16. Siehe also, durch die furchtbaren „Wehe“, die unser Herr aussprach, sind die Leiden weggeschnitten worden, vermittelst der guten Eisen jenes guten Arztes. Er verband sie auch durch Worte des Trostes. Wenn sie gesund wurden, herrschte Freude, wenn sie krank blieben, Furcht; denn die Toren vereitelten vielfach die ganze Sorgfalt.

1: Zingerle übersetzte diesen Hymnus im 2. Ephrämbande der früheren Auflage der Bibliothek der Kirchenväter S. 303 – 308.
2: Vgl. 1 Kön. 5,6; 9; 12.
3: Vgl. Matth. 23,27.
4: So hat die Hs; vielleicht ist statt rakîk „weich“, kerîk „fest gebunden“ zu lesen, also „eine sehr feste Binde“
5: Tertullian erwähnt adv. Marcionem 4,15 [ed. Oehler II, 292], daß dieser gesagt habe, dieses „Wehe“: „non tarn maledictionis sit quam admonitionis.“

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger