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Ephräm d. Syrer († 373) - Hymnen gegen die Irrlehren (Hymnen contra haereses)

6.

Nach derselben Melodie.

1. Wie sollen wir gegen das Fatum auftreten, so fragt man mich 1. Wenn es etwas Fremdes ist, so wird die Natur darüber Herr; tritt es als Gebieter auf, so unterliegt es doch der Notwendigkeit. Die ganze Natur mit allen ihren Teilen erhebt sich gegen dasselbe; das ist nicht nur Sache der Gerechtigkeit, denn sein Frevel ist ohne Maß, sondern auch der Gnade, denn sein Gift ist ohne Grenze.

Kehrvers: Gepriesen sei, der den Irrtum beschämte und seine Verkünder bloßstellte!

2. Ist ein Stern einem Verachteten günstig, um ihm Ruhm zu verleihen, warum vermag der [selbe] Stern nicht, einem Blinden das Licht zu geben? Das Fatum, dem alles unterworfen sein soll, ist selbst bei den Gebrechen unterlegen. Gerade durch seine Unbeständigkeit wird es bloßgestellt. Denn es kommt nicht vor, daß es ein fehlendes Auge heilt, ebensowenig wie es einen Finger wiedergeben kann.

3. Wenn es vorkommt, daß ein Kind ohne Sinnesorgane empfangen wird, frage dann, wer das Gebrechen im Mutterleibe gebildet hat, und um wieviel das Gebrechen des Kindes seinem Geburtstag vorausgeht! Wenn es aber ferner zwei Nativitäten 2 gibt, dann stehen beider Stunden miteinander im Widerstreit, die Stunde seiner Geburt mit der an deren Stunde seiner Empfängnis und seines Anfangs.

4. Und wenn sie sagen, daß die Stunde seiner Empfängnis dieselbe ist, die bei seiner Geburt zusammentrifft und wiederkehrt, so irren sie gewaltig und führen in die Irre, denn sie [die Stunde] vermag das nicht zu tun. Ein Trug ist’s, der erdichtet und widerlegt wurde. – Doch siehe, es ist eine Kraft erschienen, die die Horoskope auflöst, im Mutterleibe tötet und außerhalb desselben lebendig macht.

5. Wie verteilt nun der Irrende 3 die Nativität? Beziehen sie ihre Berechnung auf die Stunde seiner Empfängnis oder stützen sie sich bei der Zuteilung auf die Stunde seiner Geburt? Das Fatum fängt sich selbst und wird überführt: denn wenn es [erst] bei der Geburt hinzutrat, dann ergibt sich, daß die Empfängnis [längst] vorangegangen ist; wenn es aber schon die Empfängnis in Anspruch nimmt, – diese Stunde ist verborgen.

6. Wenn jener Stern, der Blindheit brachte, so mächtig war, warum ist ein anderer seinesgleichen so schwach, daß er nicht imstande ist, [das Auge] zu öffnen? Wenn aber die Natur die Nativitäten überwindet, zeigt sie, daß der Herr des Alls alles erhält, und wie er die Lose zugeteilt hat, daß die Sklaven Sklaven und die Freien allezeit Freie erzeugen.

7. Und wenn es vom Fatum herrührt, daß die Fische einander verschlingen, warum schlachten die Lämmer einander nicht? Wenn ferner die Nativitäten die Großäugigen bestimmt, so traf die Maulwürfe das Los, blind zu sein 4. Welches ist denn die Nativität der Teufel und Dämonen oder die Stunde der „Legion“, des Herrn der Chaldäer?

8. Betrachte diese Aufstellung 5, wie sie sich gegenseitig auflösen, frage die Zauberer, Wahrsager und Chaldäer, prüfe sie in irgend etwas, und sofort werden sie des Irrtums überführt, denn ihr ganzes Fundament ist gespalten, die Wahrsagekünste heben die Vorzeichendeutung auf, ein Zauberer besiegt den andern, eine Traumdeutung macht die andere wirkungslos und die Sterne die Zauberer.

9. Wenn nun der Lauf der Gestirne und Leuchten nicht in dem eigenen freien Willen ebendieser Leuchten liegt, wollen wir sie bezüglich dieses schwierigsten aller Punkte fragen: wer leitet die Bewegung aller? Und wer sich nicht als Beherrscher seiner Bewegung erweisen kann, den sollst du nicht als Herrn hinstellen, denn ein Knecht ist er nur, ohne Beine.

10. Scharfsinnig war Bardaisan, daß er dieses Fatum durch ein höheres fesselte, das in Freiheit wandelt; den Zwang der unteren [Gestirne] Planeten widerlegte er durch die oberen, ihr Schatten widerlegte ihren Körper; denn jene Berechnung, die die unteren fesselte, lähmte auch die volle Freiheit der oberen.

11. Verlasset jetzt den furchtbaren Frevel der Chaldäer, die den Schöpfer erzürnen und seine Macht einschränken, als werde auch er vom Zwange [Notwendigkeit] blindlings regiert; seine Gedanken fesseln sie an die Gestirne. – Wer wird noch das Gute lieben und das Gerechte pflegen, wenn es kein Gericht und keinen Feuerofen der Vergeltung gibt?

12. Wenn nun [jemandem] vom Mutterleibe her die Stunde [das Geschick] eines Mörders zuteil geworden war, die Natur aber im Kinde siegte und es die Freiheit eintreten ließ, damit sie im Kinde siegreich bleibe, bis es erwachsen ist, und wenn dann dem Mannesalter ein nützliches Los [Stellung] zuteil wird, so kann man sehen, daß die Zucht das Kindesalter sanft und das Greisenalter frei machte.

13. Die Sterne nämlich warten auf keine Zucht, weil das Fatum seine Unordnung nicht zur Ordnung 6 machen kann, denn sein Lauf und seine Dispositionen entspringen nicht seinem Willen, Zwang ist es immer und Zufall. Wenn sie [die Zucht] die Jugend und das Alter sanft macht, zeigt sie, dass der Freiheit die Krone gebührt.

14. Die Wahrheit ist eine einzige, und ihre Kraft lässt sich nicht spalten; wenn aber ihre Hörer uneinig sind und sich bekämpfen, so berührt der Schmutz der Widerspenstigen ihre Schönheit nicht. Und wenn sie in sich selbst also nicht geteilt ist, so ist das Herumstreiten eine Krankheit der Grübler selbst, da sie die Grenzen der Lehre nicht genau beobachten.

15. Drei Grenzen sind nämlich den Gläubigen gesetzt, über die auch keiner von ihnen hinausgehen kann und darf; innerhalb derselben müssen wir das Unstäte unseres Denkens festhalten; da eine [Grenze] sich weithin mit den andern mischt, so verletzt der Mensch, der eine überschreitet, alle und fällt in Hunderttausende ihrer Hinterhalte.

16. Die Vormauer ist mit einem Kranz von Fluten umgeben, nicht vermag das Feuer des Streites sie zu erreichen; durch die Mauer wird ihr Feind, der auf sie losgeht, besiegt. Schweigen gebietet sie [die Mauer] unserm Worte, und nicht kann es [unser Wort] dahin gelangen, die Quellen der Fluten zu erforschen, denn ihre [der Mauer] Fluten reißen es fort.

17. Verlassen wir das Innere [Verborgene] und sprechen wir von den Chaldäern! Wenn das Fatum wirklich Einfluß hat auf das Kind, dem es bestimmt ist, die Jugend in gedrückter Lage zuzubringen, und wenn aber das Fatum vorbeigeht und diese schlimme Stunde [Geschick] mit sich nimmt, ohne daß sie Schaden hinterläßt, so ist die Natur, die sie überwältigt, ein Zeuge ihrer Schuld.

18. Wie soll durch das Fatum alles geordnet sein, das alles verwirrt? Maße und Gewichte, warum und für wen 7? Welche Ursachen riefen die Gesetze hervor? Das Fatum vernichtet sich selbst in jeder Beziehung. Siehe, es ruft die ganze Schöpfung durch aller Mund: Es besitzt der Mensch die Nachbarin 8 der Gerechtigkeit.

19. Nicht vom Fatum kommt Beschneidung und Vorhaut her [Judentum und Heidentum], denn dieses [das Heidentum] beobachtet Gebräuche und jenes [das Judentum] die [Speisen-] Unterschiede. Das eine unterscheidet die Speisen, das andere Einrichtungen. Von wem kommen die vielen Enthaltsamen in der Welt, deren Stand das Fatum und die Natur verachtet? Denn nicht die Sterne haben das Heilige in den Heiligen zubereitet.

20. Die Reichen verachten es [das Fatum], wenn sie für ihren Reichtum Sorge tragen; die Armen verachten es, da sie ihre Mühseligkeiten ertragen; die Fastenden verachten es, die in ihrem Fasten aushalten; es bezeugt die Jungfräulichkeit, daß es [das Fatum] nicht existiert. Siehe, der Gegner sind ihm viele in [diesem] Kampfe erstanden; sie halten aus und werden von ihm [unbehelligt] gelassen auf der Laufbahn der Freiheit.

21. Wenn es einen stumm macht, so ist er jederzeit stumm; wenn das Fatum die Hand bildete, daß sie überall morde, warum ruht in der Volksmenge der Arm des Mörders? Wer hat den Einfluß seines Sternes wirkungslos gemacht? Die Ehebrecherin schämt sich vor Gericht und empfindet Reue; wer hat den Blick jenes unreinen Gestirns 9 keusch gemacht?

22. Wenn Wahrheit und Unrecht vom Fatum kommt, weshalb wird die Wahrheit geliebt, warum das Unrecht gehaßt? Wenn es keine Freiheit gäbe und keinen Läuterungsofen, und wenn das Fatum allein existierte, wer hat dann dem Menschen geoffenbart, daß er Gott angehört, und wie Christus das Fatum besiegt hat und seine Gesetze?

23. Wenn das Fatum die Wahrheit wäre in allem, was es sagt, und der Mensch ohne dieses nicht denken könnte, so müßte in allen Regungen, Worten und Gedanken Wahrheit ausgesprochen werden 10; wenn es [das Fatum] aber lügenhaft ist, muß es schweigen, und wir rufen: die Freiheit ist die Quelle der Gedanken!

24. Durch sein Joch wird das tyrannische Joch der Chaldäer zuschanden, das die Menschheit wie Tiere unterjocht, denn sie rauben den freien Willen, der die Gedanken lenkt. Meer und Festland liefern den Beweis, daß das Schiff und den Wagen ein anderer lenkt. Lerne, daß der, welcher alles schuf, auch alles lenkt!

1: Die vatikanische Hs hat „uns“.
2: Ephräm widerlegt hier den Irrtum der Astrologen [Chaldäer], die aus der Konstellation der Gestirne zur Zeit der Geburt [Nativität, Horoskop] das Schicksal eines Menschen herleiten wollten.
3: „Der Irrende“, kann auch Planet bedeuten. – Von hier ab hat Pius Zingerle O. S. B. die Übersetzung aller Hymnen gegen die Ketzer geliefert im 38. Bande der sämtlichen Werke der Kirchenväter, Kempten 1850.
4: Eine auch im sogenannten Physiologus vertretene Anschauung; vgl. Das Buch der Naturgegenstände, herausgegeben und übersetzt von K. Ahrens, Kiel 1892, S. 65.
5: Berechnungen, Systeme.
6: Wortspiel mit den vom Stamme takkes gebildeten Ausdrücken, die ich mit „Zucht“ und „Ordnung“ übersetze.
7: Sie wären nicht notwendig, wenn das Fatum wirklich die Herrschaft hätte.
8: Gegenstück, Korrelat der Gerechtigkeit, ist die Freiheit.
9: Die Venus.
10: Weil der Mensch zur Wahrheit nicht gezwungen werden kann, kann auch der Zwang des Fatums nicht wahr sein.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger