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Ephräm d. Syrer († 373) - Hymnen gegen die Irrlehren (Hymnen contra haereses)

36.1

Nach derselben Melodie.

1. Schaue, mein Sohn, auf Gott, wie er hier steht in der Mitte zwischen Vorwürfen von unserer Seite und auch von seiner Seite. Es tadeln ihn nämlich die Bösen, daß er klein geworden sei und sich erniedrigt und seinen Geschöpfen Hilfe geleistet habe. Wenn er aber nicht klein geworden wäre oder Hilfe geleistet hätte, würde er, der Gerechte, sich selbst Vorwürfe gemacht haben, daß er wegen jener Beschimpfung der Elenden sich gescheut und gefürchtet habe, seinen Geschöpfen zu helfen.

Kehrvers: Gepriesen sei deine Liebe, die ihre Leugner besiegt hat!

2. Welcher Tadel ist wohl härter für den Gerechten: daß ihn der Böse und Ungerechte ohne Grund tadele, oder jener Tadel, daß er, wenn sonst kein Tadler sich findet, sich selbst tadelt? Denn wenn der Böse die Güte tadelt, schließt er sich selbst von ihr aus. Wem aber sein eigenes Herz Vorwürfe macht, der ist sehr verächtlich, weil ein Makel ihn verächtlich macht.

3. Es gibt auch heute Fälle von Hilfeleistungen, die mit Schmach und Schande und Lästerungen umgeben sind; wer aber tapfer ist, reißt die Mauer der Schmähung nieder und tritt vor, um zu siegen. Denn wer sich vor Schmach und Schande fürchtet und sich an die Hilfeleistung nicht heranwagt, ist zwar von der Beschimpfung durch andere entfernt, ist aber in seinen eigenen Augen verächtlich.

4. Wenn die Gottlosen den Gerechten schmähen, winden sie ihm, ohne es zu merken, einen Kranz des Lobes; nur dann beschimpfen sie ihn [wirklich], wenn ihm ihr häßliches Lob angenehm wäre. Das Lob des Gottlosen ist ihm ähnlich; wie das Unrecht [selbst] ist sein Lob verwerflich, denn ein Lob der Gottlosigkeit ist sein Lob, wie ein Fluch ist es in den Ohren der Gerechtigkeit.

5. Gott selbst also, der niemals kleiner oder größer wird, hat das Lob verschmäht und den Tadel verachtet, hat alle Gestalten angenommen, auf jede Weise sich erniedrigt und allen Geschöpfen geholfen. Wenn er sich nämlich gefürchtet hätte, sich zu erniedrigen, dann wäre er in Wahrheit kleiner geworden; aber gerade deshalb, weil er nicht kleiner war, machte er sich klein, wie er auch groß und siegreich wurde, weil er sich erniedrigte.

6. Gottes Natur ward nie kleiner oder größer; klein wird er aus freiem Willen und groß aus freiem Willen. Diese Zunahme also, die seiner Natur nicht eigen ist, geschieht nach seinem freien Willen. Denn sobald er [Sündern Leben verleiht, wird er hier größer seinem Willen nach] 2, und ohne daß er seiner Natur nach kleiner oder größer wird, wird sein Wille herrlich und groß.

7. Siehe, es ist für uns und für sie über den Sohn Gottes geschrieben, daß er ein Opfer und Wohlgeruch für Gott geworden ist 3. Mit welcher Frechheit tadeln sie nun jenen, der Tier-Opfer forderte, und tadeln nicht jenen, der die Opfer zurückwies und das Opfer seines Sohnes verlangte. Das Testament, dessen Opfer sie verwerfen, ist ganz in Christus abgebildet.

8. Beide Testamente, die die Leugner als [einander] widersprechend darstellen, sind übereinstimmend eines im andern abgebildet. Es war nämlich das Alte Testament gleichsam das Vorbild und Modell, das um jenes bleibenden wegen aufgestellt wurde und diente und aufgehoben wurde. Das Neue Testament wurde in den Vorbildern [Formen] des Alten gegossen, aber sie gingen in Erfüllung.

9. Wenn sie [die Markioniten] die Wahrheit des [obigen] Schriftwortes leugnen [und meinen], daß unser Herr in Wirklichkeit nicht ein Opfer gewesen, dann hat er also nur einen Schein angenommen. Wenn sie nun solche Scheingestalten lieben, siehe, dann darf auch der Schöpfer jede Gestalt annehmen. Warum scheuen denn die Leugner davor zurück? Von den Gestalten des Schöpfers wollen sie nichts wissen, mit den Gestalten des Fremden aber befreunden sie sich.

10. Mit Absicht zeigte der Höchste Reue und Betrübnis; das hörten die Irrlehrer und glaubten, daß es wirklich so sei. Es steht wiederum von unserm Herrn geschrieben, daß er sich fürchtete und sich verbarg, und sie wandten [allegorische] Deutung an. Sie zeigen [also[ offenkundig ihren Haß, indem sie das eine tadeln und das andere [scheinbar durch ihre allegorische Deutung] verbesserten. Die Symbole des Schöpfers wurden angeklagt, und die Tatsachen des Fremden wurden umgedeutet.

11. Wenn sie in verkehrter Weise Überzeugung vermitteln konnten, um wieviel leichter wäre also eine rechte Überzeugung gewesen! Aber den Verkehrten ist es sehr schwer, sich den richtigen Grundsätzen anzuschließen. Bei unserm Herrn nämlich, der wirklich starb und wieder auflebte, stellten sie dies als Schein hin; aber bei unserm Schöpfer, der in bildlichen Ausdrücken klein ward, hielten sie sein Kleinwerden für Wirklichkeit.

12. Von unserm Herrn, der Kleider und Glieder angezogen, behaupten sie, daß er nur Scheingestalten gezeigt habe; vom Alten der Tage 4, der in weißen Kleidern erschien, glaubten sie, daß er wirklich so war. Den Geistigen machen sie zum Körperlichen, den Körperlichen aber zur trügerischen Erscheinung. Nur darin finden sie ihre Befriedigung, die Wahrheit nach jeder Richtung zu verwirren.

13. Unser Herr, der in Wirklichkeit aß und trank, aß und aß doch wieder nicht, trank und trank doch nicht [nach ihrer Aussage]; den Schöpfer aber lästerten sie, daß er den Wohlgeruch des Bittopfers roch; diesen also, der nach dem bildlichen Ausdruck „roch“, lästern sie; bei jenem aber, der in Wirklichkeit ,,aß“, leugnen sie es. Sie kämpfen also gegen die Wahrheit, damit diese ganz in jedem Punkt als trügerisch erscheinen soll.

14. Es ist ferner über unsern Herrn geschrieben, daß er bedürftig war und Aufnahme heischte. Da mühen sich die Söhne des Irrtums ab, über ihn eine Auslegung zu finden, daß er ganz und gar nicht bedürftig gewesen sei und sich uns gegenüber verstellt habe, damit wir auf jede Weise das Leben gewännen. Die Wahrheit prägt sich wohl ihrem Geiste ein, aber sie verdecken sie wie die Erde ihren Samen, damit sie, wie sie über unsern Herrn phantasieren und lehren, so auch über unsern Gott [Törichtes] lehren können.

1: Eine Prosaübersetzung von Zingerle findet sich im 2. Ephrämbande der früheren Auflage der Bibliothek der Kirchenväter auf S. 283 – 88; metrisch ist der Hymnus teilweise von ihm übersetzt im 4. Bande der Innsbrucker Ausgabe, S. 310 – 12.
2: Der in Klammern stehende Text ist in der Handschrift nicht sicher lesbar.
3: Vgl. Eph. 5,2.
4: Vgl. Dan. 7,9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger