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Ephräm d. Syrer († 373) - Hymnen gegen die Irrlehren (Hymnen contra haereses)

34.

Nach derselben Melodie.

1. Unser Herr in der Höhe ward Staub infolge seiner Güte, um uns zu sich hinaufzuheben. „Die Natur ist viel zu niedrig, daß er zu uns herabsteigen könnte“, rast zügellos unser Mund und greift ihn an. Wenn er in seiner Glorie gekommen wäre, hätten wir ihn als einen Fremden angesehen, und da er in unserer Gestalt kam, betrachten wir ihn als armselig. Das Seinige begriffen wir nicht als das Seinige, und das Unsrige erkannten wir nicht als das Unsrige.

Kehrvers: Gepriesen sei der Erhabene, der sich erniedrigte, um uns zu erheben; gepriesen sei, der herabstieg und uns erlöste durch seine Niedrigkeit!

2. Der Barmherzige sah, daß beides schwer sei; wenn er käme in seiner Macht, wußte er, daß er uns schade, wenn er käme in unserer Gestalt, wußte er, daß die Vermessenen beginnen würden, ihn anzugreifen. Es siegte über sie seine Liebe, und er hüllte sich in unsere Gestalt. Über jeden Menschen ließ er seine Hilfe herabregnen; das Unkraut nahm durch seinen Regen Schaden, es sproßte durch ihn [der Same] 1 hundertfach.

3. Es möge jener Fremde davor zurückschrecken, seine Anhänger zu schelten, damit sie ihn nicht etwa wegen seiner Züchtigung dem Gerechten gleichsetzen; er möge es zulassen, daß seine Söhne und Töchter dem Verderben anheimfallen, so dass er durch seine Güte sich verfehle, wie seine Herolde sagen. Es wird nämlich seine Güte als Fehler erfunden; gegen seine Schäflein kämpft statt der Wölfe der Gütige, der keinen kräftigen Stab führt.

4. Liebt also der Gute den Bösen und den Satan? Wenn er ihn haßt, dann ist er aus Gerechtigkeit zusammengesetzt; wenn er ihn liebt, dann ist seine Liebe verwerflich, weil er den Satan liebt. Wenn er den Trug von der Wahrheit entfernt, dann ist er ein gerechter Ofen der Prüfung; wenn er das Unkraut vom Weizen sondert, dann ist er der, von dem Johannes spricht 2.

5. Wenn er den Bösen und den Satan haßt, dann ist sein Haß gerecht, da er seinen Hasser haßt; und wenn er jenen liebt, der ihn liebt, dann ist echt und gerecht seine Liebe. Wenn er Wohlgefallen hat an den Büßern, so ist er gütig, und wenn er die Verleugner verwirft, dann ist er mächtig. Wenn dieses sich bei unserm Gott findet, kann man es nicht bei dem Fremden finden.

6. Es ist nämlich Reinheit bei [unserm?] Gott. Wird nun ein und dieselbe bei diesem und bei jenem gefunden 3? Wenn nun der Schöpfer die Wahrheit ergriffen hat, sehnt auch jener sich nach ihr und freit um sie? Wie sind beide heilig? Wie sind beide weise? Und wenn sich dieses bei beiden findet, wie können sie einander fremd sein?

7. Die Natur der Majestät kann nur in Gestalten [Erscheinungsformen] sich verkleinern und erniedrigen, Sieh, mein Sohn, auch jener „Fremde“ lieh sich unsere Formen und bekleidete sich [mit ihnen]. Wenn er aber unsere Formen an sich hat, kann er kein Fremder sein, das beweisen nämlich jene Formen selbst, da sie eins sind und von einem und durch einen.

8. Wenn jener „Fremde“ einen Sohn hat, so hat David von ihm gesagt 4: „Mein Sohn bist du, und ich habe dich gezeugt.“ Und wenn er einen Himmel hat, so hat Moses von ihm gesagt 5; „Seine Wohnung sind die Himmel,“ Und wenn er Diener hat, so ist er es, „vor dem tausendmal Tausende stehen 6“. Wenn er gerecht ist, richtet er alles, und wenn er gut ist, ernährt er alles

9. Es schämten sich geradezu die Bösen, seine Häßlichkeit zu bekennen; statt ihn einen Räuber zu nennen, nannten sie ihn den „Fremden“, denn auch der Dieb ist sehr fremd dem Herrn des Besitzes. Der Herr der Diener ist mächtig, der Dieb der Diener aber ein Aufwiegler; wenn er aufwiegelt und stiehlt unter dem Anschein des Guten, unterjocht er sie wieder, als sei er gerecht.

10. Betrachte doch die Jäger und betrachte auch die Betrüger 7, wie sie sich zunächst mit Süßigkeiten den Seelen nähern; wenn sie sie aber gefangen und betrogen haben, welch eine gewaltige Verwirrung entsteht da! Denn unter dem Namen eines Befreiers betrügt der Betrüger den Knecht, der ihm nicht gehört, und wenn er ihn unter dem Namen der Freiheit betrogen hat, beugt er ihn wieder unter das Joch der Knechtschaft.

11. Denn jene Güte, die er anfangs gezeigt hat, ist ganz und gar ein Nachteil, sie schadet den Menschen. Jene Gerechtigkeit, die er am Ende übt, die er an dem ausführt, den er betrogen, überführt den „Fremden“ als Betrüger 8 … und indem er betrügt unter dem Namen der Güte, gibt er den Betrügern recht.

12. Wer ein Weib ansieht und es begehrt, den tadelt er aus Gerechtigkeit, weil er im Herzen mit ihr Ehebruch begangen. Er betrügt durch seine Güte und beginnt, uns mit Schranken der Gerechtigkeit zu umgeben. Es konnte nämlich das Eigentum, das er gestohlen, nicht ohne Gerechtigkeit geordnet werden, denn wenn keine Gerechtigkeit da ist, sind die Dinge verdorben und verwirrt.

13. Der Stock des Zuchtmeisters bringt die Diebe zur Ruhe, und das Schwert des Richters schreckt die Ehebrecher. Wenn keine Gerechtigkeit ist, ist die Unordnung groß 9 ... Auch der Fremde ordnet das Eigentum mit Gerechtigkeit, das er geraubt hat. Er reizte sie an, und sie beschimpften ihren Vater, und dann bewirkte er wieder, daß er von ihnen geehrt wurde.

14. Er lehrte Lästerungen die Diener des Schöpfers und forderte doch wieder von ihnen, daß sie ihn priesen. Er machte uns zu Abtrünnigen und fesselte uns doch wieder an das Joch seiner Gebote. Er lehrte uns ferner, unsern Gott zu berauben und ihm doch wieder als das Seinige alle Früchte darzubringen. Sieh, nun handelt jener gerecht an den Dieben, der freventlich gestohlen hatte.

15. Siehe, er löst die Gerechtigkeit auf und stellt sie wieder her. Er haßt es, daß wir ihn verleugnen und macht uns unsern Schöpfer verleugnen. Jene Gerechtigkeit aber, die er gegen sich selbst übte, rechtet mit ihm, denn wenn es recht ist, daß der Fremde geehrt werde von den Kindern, die ihren Vater lästern, um wieviel mehr ist es recht und rühmenswert, daß ihr Vater von ihnen geehrt werde.

1: Das eingeklammerte Wort ist unsicher; doch dürfte die Lesung der römischen Ausgabe „Unkraut“ kaum in Frage kommen.
2: Vgl. Matth. 3,12.
3: Der Anfang der 6. Strophe ist in der Handschrift nicht sicher lesbar.
4: Ps. 2,7.
5: Deut. 33,27 [nach der Pešitta].
6: Dan. 7,10.
7: Hier und im folgenden ist zu beachten, daß das hier als „Betrüger“ bzw. „betrügen“ übersetzte Wort im Syrischen auch „Dieb“ bzw. „stehlen“ bedeutet; das Bild im syrischen Text ist darum einheitlicher und geschlossener, als es sich deutsch wiedergeben läßt.
8: Eine Zeile der Handschrift ist völlig unlesbar.
9: Eine Zeile der Handschrift ist völlig unlesbar.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger