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Ephräm d. Syrer († 373) - Hymnen gegen die Irrlehren (Hymnen contra haereses)

30.

Nach der Melodie 1: Das erste Jahr.

1. Wessen Natur könnte sich zu jenem Erhabenen erheben, wenn dieser sich nicht selbst erniedrigt hätte durch das, was nicht zu ihm gehört? Sich selbst hat er nämlich [dadurch] erniedrigt, daß er das Opfer, das das Feuer verzehrt, ißt, obwohl er kein Essender ist; erniedrigt hat er sich selbst dadurch, dass er sich sichtbar machte der Menschheit, obwohl er doch seinem Wesen nach ein völlig Verborgener [Unsichtbarer] ist; erniedrigt hat er sich selbst durch die Reue, die nicht zu ihm gehört, um sie in unserem Geschlecht hervorzurufen, zu dem sie gehört.

Kehrvers: Gepriesen sei, der jegliche Form ertrug, um uns Leben zu schenken; gepriesen sei, der Opfer wählte und es doch zurückwies!

2. Damit er nun nicht mit sich selbst uneinig erscheine, als ob in seinen Augen die Wahrheit, die bei ihm ist, verhaßt wäre, bekannte er anderseits seine wahre Natur, um zu zeigen, wie er beschaffen sei. Obwohl er zu erkennen gab, daß er nach Brandopfern hungerte, bekannte er anderseits, daß er kein Opfer esse; während er andeutete, daß er im Heiligtum wohnte, zeigte er anderseits, daß der Himmel voll von ihm sei.

3. Er hat seine Hoheit erniedrigt, um zu offenbaren, wie barmherzig er sei; er bekannte aber seine Hoheit, um seine Preiswürdigkeit anzuzeigen; er ließ sich herab und nahm unsere Gestalt an, er ward erhöht und offenbarte seine Glorie, um uns Leben durch beides zu geben. Er erniedrigte sich und bekannte wiederum sein wahres Wesen: durch beides half er uns. Er hat in seiner Güte [Herablassung] sich selbst herabgesetzt und unsern Schatz bereichert und durch sein wahres Wesen unsere Schätze vermehrt.

4. Er hat seine Größe durch uneigentliche [metaphorische] Ausdrücke verkleinert; damit es uns aber nicht schiene, daß er ganz und gar so sei, hat er seine Majestät enthüllt, zwar nicht so, wie sie ist, sondern nach unserer Fassungskraft. Auch seine Größe ist nämlich eine Verkleinerung, da er nur einen Strahl von ihr uns zeigte; nach dem Maße unserer Sehkraft teilte er uns etwas von seiner gewaltigen Strahlenfülle mit.

5. Es ließen aber die Ungläubigen die Kraft der Ursachen, die uns zum Heile sind, beiseite und klammerten sich an deren Namen an, um gegen deren Ursache zu streiten. Ihr Sinnen ist eine Quelle der Lästerung, ein Schatz von Abscheulichkeiten ist ihre Bosheit, die Gott an seinem eigenen Orte entehrt, wie die Schlange, die von den Früchten ißt und dem Landmann in seinem Weinberg nachstellt.

6. Lasset uns in den Kampf eintreten! Fragen wir, und lassen wir uns fragen! Eines nämlich von zwei Möglichkeiten läßt sich feststellen: Entweder wollen sie ohne Gott erfunden werden, und dem ist auch so, oder sie haben einen andern, fremden Gott 2, der von diesen [Anthropomorphismen] frei ist; es fällt nämlich jener Fremde nicht unter die Ausdrücke und Bezeichnungen unserer Natur.

7. Wenn er aber erborgte Gewänder der Einheimischen angezogen hat, müßte er auch von den Leugnern angeklagt werden, weil er wie ein Spion arglistig sich verkleidete, um die Freien in die Irre zu führen; und wenn es sich für den Fremden schickte, sich in geliehene, nicht eigene Gestalten zu hüllen, um wieviel mehr schickte es sich für den Schöpfer, sich in die Schönheit seiner Werke zu hüllen!

8. Wenn sich aber die Blinden über den Fremden freuen, daß er sich in der menschlichen Gestalt der Menschheit näherte, so offenbaren sie ihren Haß, indem sie den Schöpfer hassen, der uns Leben gab in unserer [d. h. menschlicher] Gestalt. Wenn der Herr der Dinge getadelt wird, daß er sich in die Gestalt der ihm gehörigen Dinge hüllte, um wieviel mehr müßte da der Fremde angeklagt werden, daß er sich in gestohlene [d. h. ihm nicht gehörende] Gestalten hüllte!

9. Es müßte sich dann auch der Fremde fürchten, er möchte völlig arm werden, denn wenn er arm würde, müßte er für sich verlangen wie ein Bedürftiger. Wenn er aber verlangte, so gebührte ihm dasselbe wie jenem, der Opfer forderte zum Vorteile [der Opfernden]. Wenn er uns aber Veranlassung gab, damit er uns wegen der Opfer Leben verleiht, sollte er, der Opfer fordert, gepriesen werden, da er dadurch Gelegenheiten zum Leben anordnete.

10. Wer nämlich ein Opfer Gott darbrachte, betete viel und heiligte sich sehr, damit sein Opfer nicht von dem unsichtbaren Herrn und dem sichtbaren Priester verworfen wurde; die Leugner aber sündigen heut fortwährend und verbergen es; jener Sünder aber, der opferte, bekannte beim Opfer auch seine Sünden.

11. Siehe also, wie sehr er durch die Opfer dem Sünder half, weil er bewirkte, daß jener betete, und ihn nötigte, sich zu heiligen. Von seinem Opfer stiegen daher Opfergeruch und Buße zugleich als Weihrauch empor. Während es also den Blinden schien, daß Brandopfer dem Herrn wohlgefielen, gefiel ihm die Buße der Sünder, weil im Brandopfer Buße verborgen ist.

12. Der Herr sprach, wer seinen Jüngern zu essen gibt, sei jenem gleich, der ihm, dem Herrn, selbst Speise und Trank reiche. Wenn er aber nicht hungert, wer zieht dann Nutzen aus den Hungrigen? Siehe, sie essen statt seiner. Wenn nun jener Wohlgefallen hat am Gewinne dessen, der anderen Speise und Trank reicht, dann freute sich auch der Gerechte am Gewinne des Opfernden, wenn auch ein Priester es war, der die Opfer aß.

1: Mit diesen Worten beginnt der 6. Hymnus de nativitate [Lamy II, S. 493]. Jede Strophe besteht aus 7 fünfsilbigen und 4 acht- oder neunsilbigen Versen; der zweizeilige Kehrvers hat je 8 Silben; vgl. Grimme, S. 59, Lamy IV, 494.
2: Die Hymnen 30 – 40 richten sich fast ausschließlich gegen Markion und seine Anhänger, die den alttestamentlichen Schöpfergott, den zürnenden Judengott, der sich in Anthropomorphismen kleidete, dem höchsten, fremden Gott, der sich erst in Christus offenbarte, entgegenstellten.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger