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Ephräm d. Syrer († 373) - Hymnen gegen die Irrlehren (Hymnen contra haereses)

29.

Nach der Melodie 1: Deine Herde, flehentlich.

1. Laß nun, unsichtbarer Geist, alles beiseite und sammle dich bei dir selbst, suche dich in dir selbst! Wo bist du denn im Schlafe? Bei dir oder überall?

Kehrvers: Preis dem, der alles weiß!

2. Bist du wachend derselbe wie im Schlafe, und weißt du nicht, wo du in dir selbst bist? Vielleicht hat ein anderer dich angezogen [ist in dich gefahren], und du hast nicht gemerkt, wo er ist.

3. Und du merkst auch nicht, wenn dich in wachem Zustande ein Dämon angezogen hat [in dich gefahren ist], wie er beschaffen ist. Denn sehr fein [dünn] ist seine Natur, und obwohl der Dämon mit einem Körper Verwandtschaft hat, ist er doch viel feiner als der [menschliche] Geist.

4. Der Dämon ist nämlich die Hefe [der Niederschlag] 2 jenes Wesens der Finsternis; und wenn seine Hefe feiner ist als der [menschliche] Geist, wer kann dann überhaupt die Natur der Abgeklärtheit [der abgeklärten Flüssigkeit] erforschen?

5. Sage und verkünde es uns, o [menschlicher] Geist und Seele, seid ihr also zu zweien und noch dazu der Körper als dritter in Eintracht der Macht eines Dämons nicht gewachsen?

6. Und anstatt daß einer von euch ihn besiegen sollte, merkt ihr zu dreien ihn nicht, daß er euch in tiefen Schlaf versenkte und euch umherirren ließ!

7. Der Schlaf ist die Betäubung des Körpers und wird auch zur Betäubung für den Geist, und wachend wird [nur] erfunden während des Schlafes der mit dem Körper verwandte Dämon, und schlafend zeigt sich während desselben die ihm fremde Seele.

8. Wenn es nicht der Böse ist, der euch narrt, wer macht euch denn durch Befleckung, von der Moses schrieb 3, sündigen, und wer macht euch in vielen Abscheulichkeiten umherirren?

9. Wenn es nicht der Böse ist, der euch in euren Träumen narrt, dann ist es [jedenfalls] nicht der Gute, der sich in eure Traumgesichte einmischt. Und wie kamen und kommen manche eurer Träume zustande?

10. Und die, die uns das Böse im wachen Zustande predigen, leugnen, daß das Böse im Schlafe existiert; es wache im Wachenden und schlafe im Schlafenden 4.

11. Und wie kommt es, daß der Körper, der von ihm [besessen] ist, plötzlich in Bewegung gerät, sich [geschlechtlich] vereinigt ohne Körper, und aussät ohne Acker und sündigt ohne freien Willensentschluß, und sobald er erwacht, sich schämt?

12. Und wenn das Böse in eure Träume nicht hineingemischt ist, dann sind diese abscheulichen Dinge euer Eigen; und wenn ihr es nicht fühlt, wer ist es, dem wir es zuschreiben sollen?

13. So müssen wir sagen, daß Satan gewacht und euch [in solches] versenkt hat; ein Leib wurdet ihr für ihn, und er wurde euch zur Geisteskraft, und beide Parteien haben ihre Naturen zugleich missbraucht 5.

14. Die Hefe ward klar, der Schlafende wach, der Verstand ward in Schlaf versenkt, der Geist ward tot, der tote Leib ward Seele und der Leib lebendig ohne sie.

15. Und es ereignete sich, daß der Leib wach war, solange er mit Satan zusammen war, der ihn in seinem Schlafzustand sündigen machte; und es ereignete sich auch, daß auch Geist und Verstand mit ihrer Schwester, der Seele, zum Schweigen gebracht waren.

16. Wenn aber die Träume dem Satan gehören, wer [anders] streut beim Erwachen die Erinnerung an den Traum in die Seele, in den Geist und Verstand?

17. Sie genügten ihm nämlich nicht, daß er sie durch die ersteren narrte, dadurch, daß er sie zu Toten machte, die Wachenden und die Geistigen; er fährt wieder in sie, wenn sie erwacht sind und leben.

18. In ihrem Gedächtnis beginnt er sie an seine Träume zu erinnern, und durch ihre Stimme beginnt er seine Gesichte zu verkünden, und durch ihre Auflösung [Deutung] lehrt er sie seine Träume durch die selbst auszulegen.

19. Wer sollte sich nicht über diese Verwirrung wundern, wer sollte nicht staunen über dieses Durcheinander, wer kann begreifen diesen Gegensatz?

20. Es ist nämlich eine Einheit und auch eine Vielheit; erkennend und nicht erkennend, fühlend und nicht fühlend, Irrtum und Erinnerung, seiend und nicht seiend.

21. Im Schlafe wachend, im Tode lebendig; in Ruhe, und viel umherirrend; in Schlaf versenkt, prophetisch; die prophetische Offenbarung seines Schlafes im wachen Zustand auslegend.

22. Er ist bei sich und ist nicht bei sich selbst, er ist in sich und nicht in sich, denn siehe, er ist dahingestreckt und irrt umher; geht er dann selbst hinaus und kommt wieder oder ist ein anderer über ihn gekommen?

23. Was ist wohl die Bewegung im Traume und wie ist sie zu erklären? Sie macht die Glieder bewegen und entlockt den Augen wahre Tränen im Traume, der nicht wahr ist?

24. Sollen wir sagen, er ist etwas Wahres? Siehe, er ist doch völlig nichts. Sollen wir sagen, er ist etwas Lügenhaftes? Siehe, er ist doch nicht völlig leer. Ihre Schuld ist eine, weil ihr Traum einer ist.

25. In ihrer tiefen Ruhe ist ihr großer Kampf; geteilt in ihrer Einigkeit bilden sie Träume, einträchtig im Streit, streitend in der Eintracht.

26. Wie kann ich ein stilles Haus sein für Bewohner, die uneinig in mir im Streit liegen? Sie zahlen keinen Lohn, im Gegenteil, sie verlangen Lohn von mir dafür, daß sie mich im Schlafe quälen.

27. Geteilt sind sie und doch einträchtig und gleich, denn ihr Wille ist ein und derselbe. Einer ist ferner, der in mir Wahrheit, ein anderer, der in mir Lüge spricht, und in Übereinstimmung reden sie in mir ihre Lüge und ihre Wahrheit.

28. Und wie beide im Schlafe einen Traum in Einmütigkeit vorgaukeln, so bringen sie ihn im wachen Zustande einträchtig in Erinnerung und sprechen ihn im Wachen aus.

29. Sie sahen ihn in meinem Verstande, sie malten ihn in meinem Geiste, sie sprachen ihn aus mit meinen Lippen, sie ordneten ihn in meiner Erzählung und verkündeten ihn durch den Mund und legten ihn aus durch die Zunge.

30. Und ich wurde zum Werkzeuge und mein Wille zur Harfe und meine Freiheit zur Zither, und es zeigten mir die zwei Kräfte im Schlafe den Traum und die Auslegung im wachen Zustande.

31. Und ich wurde sie, und sie wurden ich, und obwohl wir einander gleich geworden sind, sind wir doch untereinander geteilt, denn ich war mir nicht bewußt, wie sie mit ihren Träumen mich irreführten.

32. Vielleicht merkten es auch sie nicht in ihren Träumen, und mit mir lagen sie schlafend in mir und ein anderer erregte in mir und in ihnen seine Träume, seine Auslegungen und Gesichte.

33. Und ich – wo ich bin? Wenn ich verloren gegangen war, wer suchte in meinen Worten mich Verlorenen? Wenn ich aber nicht verloren gegangen war, warum war ich meiner nicht bewußt?

34. Wer hat es übernommen, mich abzubilden, daß ich selbst in meinen Reden mich sehe, und wer schilderte mir mich selbst, daß ich weiß, wer ich bin? Mir selbst gegenüberstehen kann ich nicht, meine Brüder!

35. Wer kann mir das erklären, bin ich einer oder mehrere? Wer kann es mir auslegen, bin ich einer oder geteilt? Im Schlafe geteilt, einheitlich im Wachen.

36. Wer kann es mir offenbaren? Die Hefe [der Schmutz] des Schlafes steht da wie ein Nebel gegenüber dem Wachen, und es entsteht durch das Erwecken heiterer Himmel im Wachsein.

37. Denn die Seele stirbt nicht, die Seele schläft nicht, jener schläft offenbar, der stirbt [= der Leib], um durch seine Sterblichkeit auch ein Vorbild seiner Auferstehung zu zeichnen.

38. Die Seele im Körper wird müde bei seinem Wachen und irrt umher in seinem Schlafe, irrt umher in seiner Trunkenheit, irrt umher in seiner Krankheit. Dem Schöpfer beider sei Lobpreis!

1: Die Strophen dieses Hymnus bestehen aus 6 fünfsilbigen Versen; der Kehrvers zählt ebenfalls 5 Silben. Vgl. Grimme, S. 24 und Lamy IV, S. 493 und 489.
2: Ein bei Ephräm häufiges Bild; vgl. die beiden syrischen Worte im Index bei C. W. Mitchell, S. Ephräms Prose Refutations II. Der Satz [Niederschlag] steht der oberen, geklärten [also feineren] Flüssigkeit gegenüber.
3: Deut 23,10; die 7. Strophe ist wegen des schlechten Zustandes der Handschrift in der römischen Ausgabe frei umgestaltet.
4: Die römische Ausgabe hat die 10. Strophe weggelassen.
5: Die Londoner Hs hat an dieser unklaren Stelle einen anderen Text: „und er hat eure Naturen mißbraucht, zwei Körper zugleich.“ [?]

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger