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Ephräm d. Syrer († 373) - Hymnen gegen die Irrlehren (Hymnen contra haereses)

21.1

Nach derselben Melodie.

1. Warum hat er den Leib, der vom Bösen sein soll, in der Arche gerettet? – Sie sahen, daß die großen Tiere [Drachen?] am Leben geblieben sind und erdachten die schlaue Ausrede: „Damit dieses Böse, das verstreut ist, gesammelt würde in seinen Gefäßen; nachdem er es gesammelt hatte, gab er ihm einen festen Wohnsitz; sobald die Schlange getötet würde, würde es ausgestreut, wenn sie lebt, gießt sie es [das Böse] in alles aus.“ O, dieser Grübler, der nicht auf das Wort achtete: „Was immer von der Erde ist, kehrt zur Erde zurück und wird wieder von ihr aufgenommen 2.“

2. In der Arche hat Gott ein Bild der Schöpfung gezeichnet, um diese zu belehren, denn in ihr änderten alle Gattungen ihre Natur. Siehe, jedes Wesen dort verkündet uns, daß es nichts von Natur aus Böses gibt. Sie sollen mir also das Böse zeigen, da es ja keine Möglichkeit gibt, daß es seine Natur ändern könnte. Auf die Natur und den freien Willen schauet, ob sie sich bei jenen veränderten! Siehe, jene Parteien sind besiegt, und unsere Partei wird in kurzem den Sieg davontragen.

3. Wenn jemand bezüglich der Dämonen sagt, daß sie nicht in der Arche waren und ihre Natur nicht verändert werden könne, so mögen ihn der Panther, die Schlange und der Wolf belehren, die gebändigt werden können; denn wenn stumme, wilde, unvernünftige Wesen sich änderten, so schrien auch die Dämonen unserem Herrn zu: ,,Du bist Gott 3!“ Und wenn das Böse Eigentümlichkeit der Dämonen ist, so sind die Grübler besiegt, denn alle Bosheit der Menschen und der Tiere kommt dem Bösen nicht gleich.

4. ,,Der Gute habe aber nicht durch Zwang das Böse gebändigt“. Siehe nun, in der Arche hat er die Naturen aller gebändigt, und das Böse, das in ihnen war, mit Zwang unterworfen; nicht daß sie böse seien, sondern das Böse auszuziehen, das in ihnen war, wurden sie gezwungen. Aus einem Teile erkenne das Ganze! Die Fische ließ er ans Land ziehen 4, die Schweine ließ er im Wasser zugrunde gehen 5. Seine Gewalt erregte Bestürzung vor jenem „Guten, der es nicht zwingt“. Er zwang es doch und machte jenes böse Wesen besser und schützte alle vor allem.

5. Besitzt das Wesen der Finsternis vielleicht Willensfreiheit und tat er [Gott] ihm deshalb keinen Zwang an, es zu bessern, wie er auch die abscheulichsten Sünder nicht zwingt, sich zu bessern? Dann sollte es nicht „böse“ genannt werden, da es seiner Natur nach frei ist; siehe, die [heiligen] Schriften bezeugen seine Freiheit und das Feuer, das er den Sündern als ihr Anteil bereitet hat! Denn es wäre ein Unrecht, wenn die Natur mit dem Willen verurteilt würde und das Wesen mit der Freiheit.

6. Zeugnis gibt auch die Schlange bei Adam, die lahm gemacht wurde auf [dem Bauche kriechen musste], und das Vieh, das gesteinigt wurde, weil der Unkeusche es befleckte 6; der Unsichtbare und der Sichtbare waren Ursache ihres Todes, der Mann und der Satan; ohne den Bösen war ja die Schlange gesund und das Vieh ohne den Mann unbefleckt; der Mensch und der Satan übten Mißbrauch, der Freien wegen strafte er auch die Tiere, um Wachsamkeit zu lehren.

7. Zeugnis gibt auch das gegossene Kalb der Hebräer, das aus reinem und in den Augen des Schöpfers schönem Golde war; Moses zerschlug es aber wegen der Unreinen, die sich befleckten. So können auch Brot und Wein zu tödlichem Gift werden; [Götzen-] Opfer machen reine Dinge unrein, und Zaubereien beflecken. Die Ursache all des Bösen ist offenkundig die Freiheit; Adam und Satan haben durch ihre Freiheit die Bosheit des Willens eingeführt.

8. Das Kriechtier und das Vieh lehren uns, daß sie nicht unrein sind, denn die Schlange hat das Volk geheilt und ihm geholfen 7. Durch die Eselin beschämte Gott den Bileam und wies ihn zurecht 8. Der Mensch und der Teufel machten beide zu Werkzeugen [Gefäße] ihres Mißbrauches, und sie wurden unrein; der Gute aber hat sie durch seinen Gebrauch [wieder] gereinigt, und sie wurden geschmückt. Er sah, daß die Freien die Natur befleckt hatten, und er ließ sich herab und reinigte sie durch seine Erbarmungen.

9. Zeugnis gibt ferner der Stab in der Hand des Moses, der, auf den Boden geworfen, die Schlange verschlang 9, damit er die Behauptung der verächtlichen Irrlehre widerlegte, [indem er zeigte,] wie sehr sie lästerte, denn rein ist die Natur der Schlange. Satan würde nämlich den Satan nicht vertrieben haben, noch hätte sich der Stab des Gerechten zu etwas Unreinem gewandelt. Machte er etwa die Schlange, die vom Bösen ist, zum Götzenbild, das er im hl. Zelt aufstellte, damit jeder das Leben gewänne, der sie anblickte?

10. Hören mögen die beiden Parteien mit Liebe ohne Neid: die Anhänger des Bardaisan, die dem Moses Glauben schenken: „Wie Moses die Schlange in der Wüste erhöht hat …“ 10 Hat etwa unser Erlöser sich selbst mit Satan verglichen? Auch Markion soll hören: Wie konnte der Gerechte, der doch den Satan haßt und seine Bilder und Zeichen, das Bild der Schlange, das ein Bild unsers Herrn ist, höher schätzen als das des Moses?

11. In diesem einen Falle steht es wiederum, ohne Eifersucht, bei den Juden [uns zu belehren]. Wie konnte wohl Gott, der in der Wüste [das Gesetz] aufschrieb und [den Juden] die Warnung erteilte, „du sollst dir kein Bild und kein Abbild machen 11, damit du nicht stirbst“, die eherne Schlange anfertigen lassen, dass der Mensch auf sie wie auf Gott schaue und geheilt werde? Wenn es noch das Bild von Engeln und Seraphim [gewesen wäre]! Allein, es war ein Bild des Verfluchten, des Mörders der Menschheit! Belehre uns [o Jude,] ohne Zank! Hören sollen sie es und preisen den Arzt, der sich in seiner Liebe müde machte.

12. Wer sollte nicht weinen? Denn siehe, sie irren mit ihrem Fasten. Wer sollte nicht beten? Denn siehe, sie sind auf Abwegen mit ihrem Nachtwachen. Wer sollte nicht flehen? Denn siehe, sie leiden Schaden bei ihren Mühen 12. Ihr Wille sollte beten, denn sie wollen ja nicht zugrunde gehen. Unser Herr möge auf euere Liebe schauen, Brüder! Kommt in seine Kirche, preiset ihn, der euch ertragen hat! Ihr lästert, und er duldete euch; ihr tatet ihm Unrecht, und er ernährte euch; ihr wäret streitsüchtig, und er versöhnte euch.

13. Preiset mit uns unsern Gott in seiner großen Güte! Es soll ihn preisen der Ungläubige, der lästerte, und doch sättigte er ihn. Es preise ihn der Beleidiger, der ihn schmähte, und doch ernährte er ihn. Denn gegen alle ist er in allem gut, und er läßt seine Sonne aufgehen über jene 13, die ihn [mit Götzen] vertauschten; er sendet seinen Regen herab auf jene, die ihn beschimpften. Alle sucht er durch alles zu gewinnen, damit sie sich bekehren und er sich darüber freuen kann. Wen haben wir, der dir gleich wäre? Niemanden! Und wenn etwa einer es sein wollte, es wäre doch, als wäre er nicht.

14. Bei wem soll ich schwören, o ihr Irrenden, damit ihr erkennt, daß ich mit Liebe und Schmerz an eurer Angelegenheit arbeite? Wenn wir Kinder sehen, die im Feuer verbrennen, so rührt uns ihr Anblick zu Tränen; und wenn Mörder, von denen bekannt ist, wie sehr sie gefrevelt haben, hingerichtet werden, so empfindet man doch Mitleid; um wieviel mehr über Unschuldige, die beraubt wurden, ohne daß sie es merkten! Wer wird nicht über die guten Kinder Adams weinen, die ihm [nun] an Verfehlungen gleichen?

1: Eine metrische Übersetzung der 12. – 14. Strophe dieses Hymnus gab Zingerle im 4. Bande der Innsbrucker Ausgabe S. 290 f.
2: Vgl. Gen. 3,19.
3: Sie wurden also gebändigt. Die Gedankenfolge dieses Satzes ist vom Dichter etwas verkürzt; es müßte heißen: Wenn schon wilde unvernünftige Wesen gebändigt werden können, dann erst recht die vernunftbegabten Dämonen, und tatsächlich zeigt sich dies, als die Dämonen Christus als Gott anerkannten.
4: Wohl Anspielung auf Joh. 21,11.
5: vgl. Matth. 8,32.
6: Vgl. Lev. 20,15 f.
7: Num. 21,8 f.
8: Ebd. 22,21 ff.
9: Exod. 8,11 f.
10: Joh. 3,14.
11: Exod. 20,4.
12: Von hier bis zur 8. Strophe des 24. Hymnus klafft eine Lücke in der Londoner Hs; für dieses Stück war die Vatikanische Hs die einzige Grundlage der Übersetzung.
13: Vgl. Matth. 5,45.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger