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Ephräm d. Syrer († 373) - Hymnen gegen die Irrlehren (Hymnen contra haereses)

15.1.

Nach der „Paradies“ -Melodie 2.

1. Ein Toller macht auch jenen toll, der [noch] nicht toll ist; so auch ein Vermessener, der auf ihn hört. Ein Aussätziger verunreinigt nach dem Gesetze auch den Reinen. Das Grübeln übertrifft die Schlange [an Schädlichkeit]. Hüte dich vor dem Geschwätz des Mundes eines Vermessenen mehr als vor dem Hauch aus Basiliskenrachen!

Kehrvers: Gib, Herr, daß wir uns im Kampfe mit deiner Wahrheit rüsten!

2. Die unscheinbare Biene, das unbedeutendste aller Flügeltiere, ladet die Künstler ein und beruft die Weisen, ob sie imstande seien, den Reichtum ihrer Abteilungen [Zellen] zu durchschauen, wie sie Körper schafft, sie begräbt und die Toten wieder zum Leben erweckt, und, nachdem sie sie flügge gemacht, in deren Gräber Ströme von Süßigkeit ergießt.

3. Betrachte ferner den Vogel! Er hat keine Bauwerkzeuge, weder die Hand der Künstler noch den Finger der Zimmerleute; dennoch staunen die Baumeister über sein Nest und sein Bauen. Die Arbeiten und die Zeiten teilt er ein; den Männchen fallen die Nester [das Bauen der Nester] zu, den Weibchen die Jungen [die Pflege der Jungen]. Durch die Störche und Schwalben kommt Schande über jenes Volk 3.

4. Wer hat den Tieren einen Schatz von Schlauheit gegeben, so daß sie, wenn ein Männchen geboren wird, es aus Furcht verbergen, und wenn ein Weibchen geboren wird, es voll Vertrauen aufziehen? Pharao war den Kindern feindlich; der Wildesel ist eifersüchtig auf das Junge der Tiere, und wenn sein Weibchen Buhlschaft treibt, forscht er nach und rächt sich 4.

5. Wer läßt die Heuschrecken sich mit einem Flügelschlag erheben und treibt sie in einem Antrieb fort und läßt sie in einem Augenblick los? Verhaßt sind sie bei allen Menschen, da sie die Nahrung allen Menschen rauben; ein Heer sind sie ohne Kopf und Wort [Befehl]; zu ihrer Nahrung [?] ist durch den Ort ihrer Geburt die Ähre bestimmt, indem sie bei der Ähre des Feldes aufwächst 5.

6. Blicke auf das Blatt, das herabfällt, und preise seinen Schöpfer, wie er es eingeteilt und wie er es angeordnet hat! Geh hin und betrachte an einem geringfügigen und wertlosen Dinge seine Fürsorge und verachte jene Geschwätzigkeit der Gelehrten, die da sagen, der Mensch sei ohne Plan in seiner Anlage, während doch die Toren selbst bezeugen müssen, daß er vor allen ausgezeichnet ist.

7. Wenn schon die Geschöpfe, die zu seinem Dienste erschaffen wurden, herrlich eingerichtet sind und schön sind in ihrer Anordnung, um wie viel erhabener mußte da der Mensch in seiner Anlage sein! Wie sehr ist doch unser Zeitalter verwirrt in seiner Weisheit, daß es die Geschöpfe für wohlgeordnet, die Menschen aber für ungeordnet hält und den Besitz höher einschätzt als den Besitzer!

8. Eins von beiden muß man ihnen vorwerfen: Wenn Gott gerecht und gut ist, dann sei es ferne [anzunehmen], daß er aus Neid die Menschen planlos gebildet hat. Wenn sie nun in ihrem Wahnsinn ihm in allen Dingen Schimpf antun, so sagen sie damit, daß er nicht gerecht sei: das sei ferne von uns und ihm! Siehe, die Sache der Wahnwitzigen wird in beiden Fällen hinfällig.

9. Wenn sie nun von dem Gerechten behaupten, daß er nicht gerecht ist, so loben die Toren ihn durch ihre Lästerung, ohne daß sie es merken, denn warum erträgt der Gerechte in seiner Güte sie schweigend und verbirgt seine Gerechtigkeit? Doch nur, damit sie beschämt werden; sie sollen sehen, daß eben jene Güte, von der sie wähnen, daß sie nicht in ihm sei, sich doch in ihm findet, da er sie so langmütig erträgt.

10. Wenn er ihre Lästerungen auch nur schweigend ertrüge, so wäre dies schon wunderbar, daß er trotz seiner Gerechtigkeit sie nicht beachtet; wenn er aber sogar seine Schätze öffnet und seine Reichtümer über sie ausschüttet, wer sollte da nicht über all dieses erstaunen, daß er, der trotz seiner Gerechtigkeit beleidigt und trotz seiner Güte beschimpft wird, sich noch herabläßt und sie wieder einlädt, das Leben in seinem Reiche zu gewinnen?

11. Als tot gelten für ihn freilich die Söhne des Irrtums, die keinen Lebensatem schöpfen aus seinen Gesetzen und nicht Heil aus beiden Testamenten saugen. Ihre Auslegung bezeugt ihren Tod, denn sie leugnen ihre Auferstehung und berauben ihren Leib und schneiden sich selbst die Hoffnung ab, da sie ihren Schöpfer verlassen haben.

1: Eine metrische Übersetzung dieses Hymnus von Zingerle findet sich in dessen Ausgabe: Ausgewählte Schriften des heiligen Kirchenvaters Ephräm, 4. Bd. Innsbruck 1833, S. 286-289.
2: Über diese Melodie siehe die Anmerkung 2 zum ersten Hymnus [S. 1].
3: Vgl. Jer. 8,7.
4: Naturwissenschaftliche Anschauungen, wie sie sich auch im Physiologus finden; vgl. Fr. I.auchert, Geschichte des Physiologus, Straßburg 1889, S. 239; K. Ahrens, das Buch der Naturgegenstände, Kiel 1892, S. 42 f.
5: Die 2. Hälfte der 5. und der größere Teil der 6. Strophe sind in der römischen Ausgabe weggelassen, da die vatikanische Hs an dieser Stelle teilweise unleserlich ist. Größere Auslassungen der Herausgeber sind auch in der 4. und 8. Strophe zu konstatieren; dafür sind längere Partien auf S. 470 A – B und D – E frei ergänzt. — Ganz entsprechende Ausführungen über die Heuschrecken finden sich in der syrischen Rezension des Physiologus, dem „Buch der Naturgegenstände“, S. 59 f.; sie gehen wohl auf die 8. Homilie des heiligen Basilius zum Hexaemeron zurück.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger