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Basilius von Cäsarea († 379) - Ausgewählte Predigten
Exegetischsparänetische Predigten (Reden)
Erste Predigt (Mauriner-Ausgabe Nr. 1)

6.

[S. 171] Was hat Esau erniedrigt und zum Knechte seines Bruders gemacht? Nicht ein einziges Gericht, für das er die Erstgeburt hingab1? Hat anderseits nicht das Gebet mit Fasten der Mutter den Samuel geschenkt2? Was hat den starken Helden Samson unüberwindlich gemacht? Nicht das Fasten, womit er im Mutterleibe empfangen ward3? Fasten hat ihn geboren, Fasten hat ihn gesäugt, Fasten hat ihn zum Manne gemacht, das Fasten nämlich, das der Engel der Mutter geboten hatte: „Von allem, was vom Weinstocke kommt, soll er nicht kosten; Wein und starkes Getränke soll er nicht trinken4.“ Fasten erzeugt Propheten und kräftigt die Starken. Fasten erleuchtet Gesetzgeber, ist ein guter Schutz der Seele, ein sicherer Gefährte für den Leib, eine Rüstung für die tapferen Streiter, eine Übungsschule für die Kämpfer. Das Fasten verscheucht Versuchungen, es salbt zur Gottseligkeit, ist ein Gefährte der Nüchternheit und verhilft zur Keuschheit. In Kriegen gibt es Mannesmut, im Frieden lehrt es Ruhe. Es heiligt den Gottgeweihten5, macht vollkommen den Priester. Denn ohne Fasten kann und darf man dem hl. Opfer sich nicht nahen. So ist es nicht bloß jetzt im geheimnisvollen und wahren Gottesdienste, sondern so war es auch schon im vorbildlichen, der nach dem Gesetze gefeiert wurde.

Das Fasten machte Elias zum Augenzeugen jenes großen Wunders6: Denn nachdem er durch vierzigtägiges Fasten seine Seele gereinigt hatte, wurde er in der Höhle auf Horeb den Herrn zu schauen gewürdigt, soweit ihn ein Mensch zu schauen vermag7. Fastend gab er der Witwe ihren Sohn wieder und zeigte sich so durch Fasten selbst gegen den Tod stark. Aus dem fastenden Munde ging eine Stimme aus, die dem [S. 172] lasterhaften Volke den Himmel drei Jahre und sechs Monate verschloß. Um das widerspenstige Herz des hartnäckigen Volkes zu erweichen, verurteilte er freiwillig sich selbst zu demselben Ungemach. Deshalb sprach er: „So wahr der Herr lebt, es soll kein Wasser sein auf Erden als durch meinen Mund8.“ Und so brachte er durch die Hungersnot Fasten über das ganze Volk, um die Bosheit der Schwelgerei und des zügellosen Lebens zu sühnen.

Wie war die Lebensweise des Elisäus? Welche Gastfreundschaft genoß er bei der Sunamitin? Wie nahm er selbst die Propheten auf? Bestand das Mahl nicht aus wildem Gemüse und ein wenig Mehl9? Da sie auch Koloquinten dazu genommen hatten, so wären die davon Kostenden in Lebensgefahr gekommen, wenn nicht das Gift durch das Gebet des fastenden Elisäus seine Wirkung eingebüßt hätte10. — Mit einem Worte, du wirst finden, daß das Fasten alle Heiligen zu einem gottseligen Wandel angeleitet hat.

Es gibt einen gewissen Körper, Amiant genannt11, den das Feuer nicht verzehrt. Legt man ihn in die Flamme, so scheint er zu verkohlen; nimmt man ihn aber wieder aus dem Feuer heraus, so sieht er glänzender aus, als wäre er im Wasser gereinigt worden. Dem Amiant ähnlich waren die Leiber jener drei Jünglinge in Babylon, und zwar dank des Fastens12. Denn in der heftigen Flamme des Ofens schienen sie die Natur des Goldes zu haben; so wenig vermochte die verzehrende Wirkung des Feuers ihnen anzuhaben. Ja, sie zeigten sich sogar stärker als Gold; denn das Feuer schmolz sie nicht, sondern ließ sie unversehrt. Und doch konnte damals jener Flamme sonst nichts widerstehen, jener Flamme, die, von Harz, Pech und Reisern genährt, etwa 49 Ellen hoch herausschlug, alles ringsum verzehrte und viele Chaldäer hinraffte. In dieses heftige Feuer stiegen die [S. 173] Jünglinge mit Fasten, sie traten es mit Füßen und atmeten in dem schrecklichen Flammenmeer milde und taukühle Luft. Nicht einmal an ihre Haare wagte sich das Feuer, weil diese durch Fasten genährt worden waren13.

1: Gen. 25, 33.
2: 1 Kön. 1, 15 [= 1 Samuel].
3: Richter 13, 4.
4: Richter 13, 14.
5: τὸν Ναζιϱαίον [ton Naziraion].
6: Einige Hanschriften haben ϑεάματος [theamatos] (Schauspieler) statt ϑαύματος [thaumatos].
7: 3 Kön. 19, 8—13 [= 1 Könige].
8: 3 Kön. 17, 1 [= 1 Könige].
9: 4 Kön. 4, 42—44 [= 2 Könige].
10: 4 Kön. 4, 39—41 [= 2 Könige].
11: Ein grünlicher Stein, der wie Asbest unverbrennbar ist und sich in Fäden spinnen läßt. Vgl. Plinius, hist. nat. 36, 31.
12: Dan. 1, 8—16.
13: Dan. 3, 24—50.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger