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Basilius von Cäsarea († 379) - Homilien über das Hexaemeron (Homiliae in Hexaemeron)
Sechste Homilie

7.

Und bei dem allein bleiben sie nicht stehen; sie wollen auch das, was von unserem freien Willen abhängt - ich meine die Betätigungen der Tugend oder des Lasters -, auch das wollen sie mit den Gestirnen in ursächlichen Zusammenhang bringen. Wiewohl es an sich lächerlich ist, ihnen zu widersprechen, so kann man sie doch wohl nicht mit Stillschweigen übergehen, weil sehr viele in diesem Irrtume befangen sind. Zunächst nun möchte ich sie darnach fragen, ob nicht die Stellung der Sterne an jedem Tage tausendmal sich ändert. Immer in Bewegung sind ja die sog. Planeten; die einen holen einander schneller ein, die andern machen ihren Umlauf langsamer, so daß sie oft in ein und derselben Stunde einander sowohl zu- wie abgewendet sind. Nun ist es von größter Wichtigkeit bei den Geburten, ob sie von einem sogenannten wohlwollenden oder einem übelwollenden Sternbilde angeschaut werden. Und da der Augenblick, in dem der wohlwollende Stern Zeugnis gab, aus Unkenntnis eines einzigen kleinsten Zeitteilchens oftmals nicht ausfindig gemacht werden konnte, so buchte man ihn vielfach als in das Unglückszeichen fallend. Ich muß mich eben ihrer eigenen Worte bedienen.

In solcherlei Reden liegt ja viel Unverstand, aber noch weit mehr Gottlosigkeit. Die übelwollenden Sterne schieben ja die Schuld an ihrer Bosheit auf ihren Schöpfer. Sind sie nämlich von Natur böse, dann ist ihr Schöpfer [S. 100] Vater des Bösen; sind sie aber böse aus freier Wahl, so werden sie fürs erste freiwollende Wesen sein, frei und unabhängig in ihren Bewegungen. Aber es ist Unsinn, solches Vermögen unbeseelten Dingen anzudichten. Sodann, welche Unvernunft, das Böse und das Gute nicht nach Verdienst jedem zuzuteilen, sondern zu behaupten: weil der Stern an eben dieser Stelle steht, so ist er wohltätig, und weil er dort gesehen wird, ist derselbe unheilbringend, und wenn er wieder etwas von dieser Stellung abrückt, dann vergißt er sofort wieder seine Bösartigkeit.

Soweit hievon. Wenn aber die Konstellation (der Sterne) mit jedem Augenblick eine andere wird, und wenn bei diesen unzähligen Veränderungen oft im Tage die Konstellationen der königlichen Geburten eintreten, warum werden dann nicht jeden Tag Könige geboren? Warum gibt es dann überhaupt bei den Dynastien eine Nachfolge in der Herrschaft? Es schaut doch wohl nicht jeder König nach der königlichen Konstellation der Gestirne, um damit die Geburt seines Sohnes in Einklang zu bringen. Welcher Mensch ist denn darüber Herr? Wie kam es, daß Ozias den Joatham, Joatham den Achaz, Achaz den Ezechias zeugte, ohne daß einen von ihnen die knechtische Geburtsstunde traf? - Sodann1, wenn die schlechten wie tugendhaften Handlungen prinzipiell nicht von uns ausgehen, sondern notwendige Folgen der Geburt sind, dann sind überflüssig die Gesetzgeber, die vorschreiben, was wir tun und was wir meiden sollen, überflüssig die Richter, die Tugend lohnen und Bosheit strafen. Es gibt ja kein Verbrechen des Diebstahls oder des Mordes; denn schuld der unwiderstehlichen Notwendigkeit, die den Verbrecher zum Handeln trieb, war es ihm auch bei gutem Willen nicht möglich, die Hand einzuhalten. Die allergrößten Toren sind die, welche im Erwerbsleben sich abmühen: Denn der Landmann wird Überfluß haben, auch ohne daß er Samen aussäet, ohne daß er die Sichel wetzt. Überreich wird der Kaufmann werden, mag er wollen oder [S. 101] nicht, weil das Schicksal ihm den Reichtum anhäuft. Aber die großen Hoffnungen der Christen werden sich verflüchtigen, da weder die Gerechtigkeit belohnt noch die Sünde gestraft wird, weil ja von den Menschen nichts aus freiem Willen geschieht. Denn wo Notwendigkeit und Schicksal herrschen, da gibt es für das Verdienst keinen Platz, was doch die Voraussetzung für ein gerechtes Gericht ist. Soweit also gegen jene. Mehr Worte braucht es nicht, weil ihr selbst ein gesundes Urteil habt; anderseits erlaubt es die Zeit nicht, noch weiter gegen sie zu polemisieren.

1: zum folgenden vgl. die ganz ähnlichen Gedanken und Ausführungen bei Philo, De provid. I, 80 sq.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger