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Basilius von Cäsarea († 379) - Homilien über das Hexaemeron (Homiliae in Hexaemeron)
Sechste Homilie

3.

Keinem darf das Gesagte unglaublich scheinen, daß nämlich etwas anderes der Glanz des Lichtes, etwas anderes der Lichtkörper sei. Zunächst unterscheiden wir bei allen zusammengesetzten Dingen die empfängliche Wesenheit und die ihr zukommende Eigenschaft (Akzidenz). Wie nun etwas anderes die natürliche Weiße ist und etwas anderes der weißgestrichene Körper, so sind auch die eben genannten Dinge1 von Natur [S. 93] verschieden, sind aber durch die Macht des Schöpfers verbunden worden. Auch sage mir nicht, diese Dinge seien unmöglich voneinander zu trennen! Denn ich behaupte ja nicht, daß die Trennung des Lichtes vom Sonnenkörper dir oder mir möglich sei; aber was wir logisch trennen können, das kann vom Schöpfer der Natur auch in Wirklichkeit getrennt werden. Dir ist ja auch die Trennung der Brennkraft des Feuers vom Glänze eine Unmöglichkeit; aber Gott, der durch ein wunderbares Schauspiel seinen Diener an sich ziehen wollte, legte in den Dornbusch ein Feuer, das nur eine Leuchtkraft, aber keine Brennkraft äußerte2. Das bezeugt auch der Psalmist mit den Worten: „Die Stimme des Herrn, der die Feuerflamme zerteilt3.” Daher belehrt uns auch eine geheimnisvolle Lehre, daß bei der Vergeltung unseres diesseitigen Lebens und Wirkens die Natur des Feuers geteilt werde, näherhin das Licht den Gerechten zur Freude, das schmerzende Brennen den Übeltätern zur Strafe bestimmt sei.

Sodann können wir auch aus den Mondphasen die Verlässigkeit unserer Untersuchung bestätigen. Denn wenn er zu scheinen aufhört und abnimmt, so berührt das seinen Körper nicht; vielmehr bietet er uns die Erscheinungen des Ab- und Zunehmens, insofern er das ihn umgebende Licht ablegt und wieder annimmt. Daß aber beim Abnehmen des Mondes der Körper unverletzt bleibt, bezeugt deutlich der Augenschein. Denn bei reinem und ganz nebelfreiem Himmel kannst du, zumal wenn der Mond gerade die sichelförmige Gestalt hat, beobachten, daß sein dunkler und nicht beleuchteter Teil denselben Radius wie der Vollmond hat. Daher sieht man den vollen Kreis ganz deutlich; das Auge braucht nur den dunklen und finsteren Busen mit dem beleuchteten Teil in Beziehung zu setzen. Sag mir auch nicht, das Licht des Mondes sei ein entlehntes, weil er abnimmt, wenn er sich der Sonne nähert, und zunimmt, wenn er ferne steht. Denn das zu untersuchen, ist jetzt nicht unsere Aufgabe, sondern darum handelt es sich, ob sein [S. 94] Körper etwas von der Leuchtkraft Verschiedenes ist. Dasselbe hast du nun auch von der Sonne zu denken. Nur legt sie das einmal empfangene und ihr zugemessene Licht nicht wieder ab, während der Mond in einem fort das Licht gleichsam auszieht und wieder anzieht und damit von selbst auch das über die Sonne Gesagte bestätigt.

Diese Lichter wurden nun bestimmt, zwischen dem Tage und der Nacht zu scheiden. Denn oben4 hatte Gott inmitten des Lichtes und inmitten der Finsternis geschieden und ihre Naturen in unvereinbaren Gegensatz zueinander gestellt, so daß das Licht mit der Finsternis keine Gemeinschaft hätte. Was nämlich am Tage der Schatten ist, für das muß die Natur der Finsternis bei der Nacht gehalten werden. Wie nämlich bei einem brennenden Lichte aller Schatten der Körper auf die dem Lichte abgekehrte Seite fällt, und zwar am Morgen nach dem Westen hin sich ausdehnt, am Abend gegen Osten sich neigt, um Mittag nach Norden fällt, so weicht auch die Nacht nach der Gegenseite der Strahlen, da sie ja ihrer Natur nach nichts anderes ist als der Schatten der Erde. Denn wie am Tage der Schatten durch ein lichtsperrendes Objekt entsteht, so zieht naturgemäß die Nacht herauf, wenn die Luft über der Erde verfinstert wird. Das wollen die Worte sagen: „Gott schied mitten zwischen dem Lichte und der Finsternis5.” Es flieht ja die Finsternis beim Nahen des Lichtes, da ihnen schon bei der ersten Schöpfung eine natürliche Abneigung gegeneinander eingepflanzt worden ist. Jetzt aber hat er die Sonne aufgestellt, den Tag zu messen; den Mond aber hat er, wenn er einmal seinen eigenen Kreis ganz ausfüllt, zum Herrn der Nacht bestellt. Um diese Zeit etwa stehen die Lichter sich diametral gegenüber, weshalb zur Zeit des Vollmondes der Mond bei Sonnenaufgang verschwindet, oft aber im Osten wieder aufgeht, sobald die Sonne wieder untertaucht. Wenn aber das Mondlicht in den übrigen Phasen nicht mit der Nacht seinen Lauf vollendet, so bleibt das für unser [S. 95] Thema belanglos. Nur das eine noch: Wenn Vollmond, dann beherrscht er die Nacht, da er mit seinem Lichte die Sterne überstrahlt und die Erde ringsum beleuchtet und so wie die Sonne die Zeitabschnitte mißt.

1: Licht und Lichtpause
2: Ex 2,3f
3: Ps 28,7
4: zu Gen 1,4
5: Gen 1,4

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger