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Basilius von Cäsarea († 379) - Homilien über das Hexaemeron (Homiliae in Hexaemeron)
Sechste Homilie

10.

Auch folgendes sei dir ein deutliches Zeichen für die Größe. So zahllos auch die Sterne am Himmel sind, all ihr Licht reicht nicht aus, die Düsterkeit der Nacht zu verscheuchen. Wenn aber sie allein aufsteigt am Horizonte, oder vielmehr erst erwartet wird, also überhaupt noch nicht über der Erde steht, zerstreut sie (schon) die Finsternis, überstrahlt die Sterne und erweicht und zerteilt die bisher verdichtete und dicke Luft über der Erde. Daher auch die Morgenwinde und der Tau, der bei heiterer Witterung die Erde benetzt. Wie könnte sie aber in einem Augenblick diese weite Welt ganz erleuchten, wenn sie nicht aus einem großen Kreise das Licht entsendete? Hier schau mir an des Schöpfers Weisheit, wie er diesem Abstande angemessen der Sonne ihre Wärme gab! Ebenso stark ist ihre Brennkraft, daß die Erde einerseits durch ein Zuviel sich nicht entzünde und anderseits durch ein Zuwenig nicht starr und unfruchtbar bleibe.

Ganz ähnliche Gedanken wie die ausgesprochenen mache dir auch vom Monde! Groß ist ja auch sein Körper und der leuchtendste nach der Sonne. Nicht immer zwar sichtbar bleibt seine Größe; bald scheint er voll in seinem Kreise, bald abnehmend, kleiner werdend, und zeigt bald auf dieser, bald auf jener Seite die lichtlose Stelle. Nimmt er nämlich zu, dann ist er auf der einen Seite dunkel; und die andere Seite tritt ins Dunkel zur Zeit der Abnahme.

[S. 106] Eine geheime Absicht des weisen Schöpfers liegt in diesem bunten Wechsel der Gestalten. Er wollte uns ein deutliches Bild von unserer Natur geben mit der Lehre: Nichts Menschliches hat Bestand; das eine gelangt aus dem Nichts zur Vollendung, das andere, zu seiner Blüte gekommen und zum Höchstmaß seiner Kraft, nimmt allmählich wieder ab, vergeht, verdirbt und geht zugrunde. So lassen wir uns durch den Anblick des Mondes belehren über unser Los, und machen wir uns unsere Gedanken über den raschen Wechsel der menschlichen Dinge, auf daß wir nicht übermütig werden in guten Tagen, nicht unserer Macht uns rühmen, nicht pochen auf unsicheren Reichtum, auf daß wir verachten das Fleisch mit seiner Veränderlichkeit, aber für die Seele sorgen, deren Gut unerschütterlich ist. Wenn aber der Mond dich betrübt, weil er durch allmähliches Abnehmen seinen Glanz verliert, dann soll dich noch mehr betrüben die Seele, die es zur Tugend gebracht hat, aber in Lauheit das Gut verliert, die nie in derselben Gesinnung verharrt, sondern häufig sich wandelt und ändert - schuld des unbeständigen Sinnes. In der Tat, wie geschrieben steht, „es verändert sich der Tor wie der Mond1”.

Ich glaube aber auch, daß zur Konstitution der Tiere wie zur Entwicklung der Vegetation die Wandlungen des Mondes nicht wenig beitragen. Anders steht es um die Organismen bei abnehmendem Monde, anders bei zunehmendem. Bei abnehmendem werden sie dünn und leer; nimmt er aber zu und nähert er sich dem Zustande des Vollmondes, dann werden auch sie wieder voller, und zwar deshalb, weil er eine Feuchtigkeit, mit Wärme gemischt, unvermerkt in das Innere (der Lebewesen) fließen läßt. Dies bezeugen die, welche bei Mondschein unter freiem Himmel schlafen und die Höhlungen ihres Hauptes reichlich mit Feuchtigkeit voll bekommen, auch das frisch geschlachtete Fleisch, das sich im Mondschein schnell verändert2, ferner das Gehirn der Landtiere und die Weichteile der Wassertiere, sowie [S. 107] das Mark der Bäume. All diese Wesen könnte der Mond durch seinen Wechsel nicht umgestaltend beeinflussen, wenn er nicht eine ungewöhnliche und außerordentliche Kraft hätte, die ihm die Schrift bezeugt.

1: Ekkli 27,12
2: vgl. Plutarch, Sympos. Prob. III,10

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger