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Basilius von Cäsarea († 379) - Homilien über das Hexaemeron (Homiliae in Hexaemeron)
Sechste Homilie

1.

Wer Kämpfern zuschaut, muß auch selbst eine gewisse Spannkraft haben. Das mag man aus den allgemeinen Spielregeln ersehen, welche die Zuschauer beim Kampfspiele barhäuptig dasitzen heißen1 - wie mir dünkt, damit der einzelne nicht bloß dem Kämpfer zuschaue, sondern in gewissem Sinne auch selbst Kämpfer werde. So muß nun auch außer dem darstellenden Prediger so großer und außerordentlicher Wunder auch der Hörer der wirklich erhabenen und unaussprechlichen Weisheit von zu Hause ein großes Interesse für die Betrachtung des Themas mitbringen und mit mir nach Kräften am Kampfe teilnehmen, und zwar nicht so fast als Kritiker, sondern als Mitkämpfer, damit uns nicht etwa die Auffindung der Wahrheit entgehe, und meinen Irrtum alle Zuhörer büßen müssen. - Weshalb sage ich das? Weil es unsere Aufgabe ist, die Einrichtung der Welt zu erforschen und das Weltall zu betrachten, wobei wir aber nicht auf die Weisheit der Welt zurückgehen, sondern uns an die Unterweisung halten, die Gott seinem Diener (Moses) gegeben hat, zu dem er in bestimmter Form, nicht in Rätseln gesprochen hat. Dazu ist aber doch jedenfalls notwendig, daß die Freunde so erhabener Schauspiele nicht ungeschult und unvorbereitet zu unserem Vortrage kommen dürfen, wenn sie ihn verstehen wollen. Wenn du einmal bei heiterer Nacht zur unaussprechlichen Schönheit der Sterne emporgeschaut und dir Gedanken gemacht hast über den Schöpfer des Universums, wer mit diesen mannigfaltigen Blumen den Himmel geziert hat, und wie in der sichtbaren Welt das Notwendige vor dem Angenehmen kommt, wenn du ferner am Tage in besinnlicher Stunde die Wunder des Tages kennengelernt und aus dem Sichtbaren [S. 90] das Unsichtbare erschlossen hast - dann kommst du als ein wohlvorbereiteter Zuhörer und bist würdig, an diesem erhabenen und seligen Schauspiel teilzunehmen.

Nun wohlan, wie man Landkinder in der Stadt an der Hand nimmt und herumführt, so will auch ich wie ein Fremdenführer euch zu den verborgenen Wundern dieser großen Stadt2 führen. In dieser Stadt, in der unser angestammtes Vaterland ist, aus der uns der Menschenmörder, der Teufel, vertrieben hat, nachdem er den Menschen mit seiner Arglist in Ketten geschlagen hatte, hier kannst du die erste Schöpfung des Menschen und den alsbald uns erfassenden Tod besehen, den die Sünde gebar, die Erstgeburt des Teufels, des Erzmissetäters. Auch dich selbst wirst du kennen lernen, wie du zwar erdhaft von Natur, aber ein Werk der Hände Gottes bist, wie du zwar an Kraft weit hinter den unvernünftigen Geschöpfen kommst, und trotzdem auserwählter König der unvernünftigen und unbeseelten Kreatur bist, daß du in der natürlichen Ausstattung nachstehst, aber doch imstande bist, mit der erhabenen Vernunft dich gar bis zum Himmel aufzuschwingen. Wenn wir das lernen, dann werden wir uns selbst erkennen, Gott erkennen, den Schöpfer anbeten, dem Herrn dienen, den Vater preisen, unsern Ernährer lieben, den Wohltäter ehren und unablässig den Urheber unseres gegenwärtigen und künftigen Lebens anbeten, der durch den uns bereits verliehenen Reichtum auch seine Verheißungen beglaubigt und durch den Genuß der gegenwärtigen Güter uns die zu erwartenden bestätigt. Wenn schon die augenblicklichen Güter so groß sind, wie werden dann erst die ewigen sein? Wenn die sichtbaren so schön sind, wie werden dann die unsichtbaren sein? Wenn die Größe des Himmels das Maß menschlicher Berechnung übersteigt, welcher Verstand könnte dann das Wesen der ewigen Dinge ergründen? Wenn unsere der Vernichtung unterworfene Sonne so schön, so groß, so schnell [S. 91] in der Bewegung ist, so exakt an wohlgeordnete Umlaufszeiten sich hält, eine dem Weltall entsprechende Größe hat, die über dessen Verhältnis nicht hinausgeht, und in ihrer natürlichen Schönheit wie ein hellglänzendes Auge der Schöpfung leuchtet, so daß wir sie nie genug anschauen können - wie schön muß dann die „Sonne der Gerechtigkeit3” sein! Wenn es für den Blinden eine Qual ist, diese nicht zu sehen, welche Qual wird es dann dem Sünder bereiten, des wahren Lichtes beraubt zu sein!

1: Vgl. Martial, Epigr. XIV, 29: „In Pompeiano tectus spectabo theatro: Nam ventus populo vela negare solet.” Vgl. auch Dio Cassius, hist. Rom. LIX, 7
2: Die sichtbare Welt mit einer „großen Stadt” verglichen von den Stoikern (vgl. Clemens Alexandr. Stromata IV, 26), von Plato (Rep. IX, 592), Cicero (de nat. deor. II, 62)
3: Mal 4,2

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger